Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1844)
- Date
- 1844-04-30
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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139 Stücken eine jährliche Zulage von 100 Thlr. bewilligt und von Seiten der hohen Regierung bestätigen ließ. Halberstadt, 31. März. Die hiesige israelitische Gemeinde hat mit dem am 5. d. M. erfolgten Tode des Rendanten und Sekretärs ihrer Verwaltung, des Kaufmanns Abraham Hildesheimer einen in jeder Hinsicht herben Verlust erlitten. Nicht nur die betrübte Witwe, der der Entschlafene stets ein treuer Gatte war, nicht nur seine zehn noch unmündigen Kinder, die an ihn mit unzertrennlicher Lieber gekettet waren, nicht nur die Gemeinde-Verwaltung, die in ihm einen unermüdlichen Beamten verlor, auch viele seiner Mitbürger, namentlich die Armen, denen er, wo er nur konnte, mit Rath und Thar beistand, sie alle beweinen einen guten Mann; in ihren Herzen wird aber auch der Gedanke an ihn unauslöschbar sein. B. Aus ttntcrftimfen (Baiern), 8. April. Bei den wenigen Nachrichten, die Ihnen aus Baiern zukommen, dürste auch das Minderwichtige um so mehr Interesse haben. Indessen glaube ich, daß die israelitischen Schul-Angelegenheiten gerade die wichtigsten und interessantesten seien. Hierin wird auch Jeder beistimmen, der die israel. Religionsverhältnisse in Verbindung mit ihren politischen ins Auge faßt. Vielleicht wäre schon mancher Misgriff vermieden worden, hätte man bei den Bestrebungen für Verbesserung der einen, die anderen weniger außer Acht gelassen. Waren wir ganz am Ziele der Gleichstellung, wären wir nur Glaubensgenossenschaft, so konnten wir auch, von allem Anderen absehend, mit mehr Muth und Kühnheit, das Kultus- und Schulwesen zu ordnen, gewichtige und ernste Schritte thun. So sind wir aber auch politisch eine Gemeinschaft, d. h. man macht uns zur Leidensgenossinschaft, schließt uns gemeinschaftlich politisch aus, und so müssen wir auch bei allen kirchlichen Bestrebungen Rücksicht nehmen, einerseits den Schein zu vermeiden, als würden wir von politischen Zwecken geleitet, andererseits dm Gegnern mindestens keine Waffen in die Hände zu Leben. Die Mehrheit der Israeliten auf dem Lande steht leider noch auf einer Stufe, daß sie nicht immer einsieht, was ihr Noch thut, auch nicht stillschweigend vertrauensvoll sich leiten läßt. Man ist zuweilen so verblendet, sucht so verstockt hartnäckig seinem Trotze den Sieg zu verschaffen, daß die schädlichsten und gefährlichste Schritte gechan werden. Was haben die unseligen Prozesse nicht schon geschadet? In Baiern haben wir leider die schlagendsten Beweise. Das „Es ist eine Zeit zu schweigen" ist eine nicht minder weise Lehre, als das „Es ist eine Zeit zu reden". In dem Schulwesen haben wir nun aber ein Feld, das recht fruchtbar bestellt werden kann, und bei sorgsamer Pflege nur Fruchte bringt. Dieses ist nun in Baiern durch das Edikt von 1813, und durch eine Ministerial-Verordnung von 1828*) so ziemlich geordnet, aber ein eigentlicher Lehrplan für israelitische Religionsschulen fehlte. Von der k. Regierung veranlaßt, waren die Rabbiner des Kreises zusammengetreten, einen zu entwerfen; da jedoch eine völlige Uebereinkunft nicht erzielt wurde, so haben die Rabbiner der Distrikte Aschaffenburg, Kissi'ngen und Niederwerren den beifolgenden entworfen und zur Genehmigung vorgelegt. Diese ist auch erfolgt, und der Lehrplan ist eingeführt. Wollen Sie vorläufig von diesem und den beigegebenen Motiven Gebrauch machen. Von den darauf bezüglichen Entschließungen und Vorfällen in meinem nächsten Berichte. Hier der Lehrplan: Entwurf eines Lehrplans für die israelitischen Religionsschulen der Rabbinats-Distrikte Aschaffenburg f Kissing en und Niederwerren. §, 1. U n te rr i ch t s g e g en stän d e. I. Religionslehre. II. Jüdische — besonders biblische Geschichte. I!I. Hebräische Sprache. IV. Uebersetzen und Erklären der heil. Schrift und der jüd. Gebete. V. Gesang. §. 2. Nähere Bestimmung der Unterrichrsgegenstände nach der aufsteigenden Ordnung der Schüler-Klassen — mit Angabe der Lehrbücher. A. Werktagsschule. I. Relligionslehre. 1. In der ersten Klasse: a) Begründung der Begriffe: Gott, Religion, Sittlichkeit.' 3)) Erweckung des rel. und si'ttl. Gefühles durch kurze biblische und moralische Erzählungen, c) Sittenlehce, zugleich als Gedachtnißübung gebraucht, (1) Uebung der vornehmsten Kindertugenden: Reinlichkeit, Ordnung, Folgsamkeit, Verträglichkeit, Bescheidenheit u. dgl. e) Erste Anleitung zum Beten. Auswendiglernen kleiner Benediktionen in der hebr. Sprache. 2. In der zweiten Klasse: a) Uebung des religiösen und sittlichen Gefühles durch längere biblische und andere moralische Erzählungen. 1)) Sprüchwörter und Bibelverse in hebe, und deutscher Sprache, c) Anleitung zum Beten. Auswendiglernen der größern Benediktionen in hebr. Sprache, ä) Systematischer Religionsunterricht nach Dc. Büdinger's Leitfaden bei dem Unterrichte in der israel. Religion, für Knaben und Mädchen, in Schulen und beim Privatunterrichte; mit Berücksichtigung der von dem Großherzogl. Bad. Oberralhe der Israeliten unter'm 26. August 1834 hierüber ertheilten Bemerkungen — und zwar für diese Klasse, die Glaubenslehre. 3. In der dritten Klasse werden die Lehrgegenstände der vorigen Klasse erweitert, fortgesetzt und begründet. Insbesondere wird — nach dem bezeichnten Leitfaden — die Glaubenslehre wiederholt und folgt hierauf die Sittenlehre. Die Ceremoniallehre wird, nach dem Leitfaden, und unter Zugrundelegung der Rituallehren des Schulchan Aruch, vorgetragen. Zum Gebrauche des Lehrers ist für die Schulbibliothek noch anzuschaffen : Dr. Büdinger's Anweisung für Lehrer, wie der israel. Religionsunter- *) Es wäre vielleicht nicht uninteressant, über das Schulwesen in Unterfranken eine historische Zusammenstellung zu liefern, und ich werde nächstens in diesen Blättern eine Skizze mittheilem Korresp. 18*