Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-04-23 · 17 (23.4.1844) · p. Spalte 263-264

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
17 (23.4.1844)
Date
1844-04-23
Page
Spalte 263-264 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890816--3520-3530266
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

263 264 Kritiken. Die neuesten Leistungen der kritischen Schute. Kerem Chemed. Daß ich hierbei die Wahrheit umgangen hätte, mag Rapi. behaupten; er kennt mich nicht; Jeder, welcher nur einigermaßen mit mir bekannt ist, wird wohl wissen, daß mir die Wahrheit über Alles heilig ist, und daß ich ihr jedes Opfer bringe. Inzwischen soll es mich nicht kümmern, wenn dieser kleinliche Umstand, der allenfalls auch einer jugendlichen Unreife beizumessen wäre, dem Herrn Rapaport eine willkommene Blöße dargeboten hat. Genug von mir. Bei wissenschaftlichen Untersuchungen kenne ich keine Person, und ich hefte mein Auge lediglich auf die S a ch e. Es ist dabei öfters nicht Zu umgehen, daß die Lieblingsidee eines Autors in ihrer Schwäche erscheint, und der Vater sich verletzt fühlt, so oft an seinem Kinde etwas getadelt wird. Wir Autoren sollten uns frühzeitig daran gewöhnen, mindestens darüber keine Empfindlichkeit blicken zu lassen. Sobald ein Gedanke in die Welt gesendet ist, wird er Gemeingut, und sein Schicksal hängt von seiner eigenen Lebenskraft ab. Stirbt er frühzeitig, oder kränkelt er siech dahin, so darf es den Urheber mit Schmerz erfüllen, aber er hat keinen Grund, Andere anzuklagen, welche dessen Unbrauchbarkeit erkennen. Dafür sehe er zu, seine weitere Produktivität, die bei fleißigen Gelehrten intensiv und extensiv zunimmt, zu bessern Erzeugnissen zu benutzen. Diese Ansicht hat mich stets frei gehalten von jener Reizbarkeit, die über Aufdeckung begangener Irrungen sogleich in Harnisch gerath, und ich erkenne jede Nachweisung wirklicher Fehler in meinen Schriften mit voller Dankbarkeit an. Und unter denen, die in dieser Hinsicht auf meinen Dank Anspruch haben, nimmt Rapaport eine der ersten Stellen ein, denn sowohl privatim als öffentlich hat er mich über Vieles belehrt, was meiner Aufmerksamkeit entgangen war, ja durch seine speziellen Untersuchungen habe ich noch vieles Andere genauer zu erforschen Anlaß gefunden, wie ich Solches schon öfters ausgesprochen habe, und gelegentlich — bei Umarbeitung meines größern Geschichtswerkes — noch darthun werde. Ich komme mm auf Rapaport's Erwiederung. Er findet die Form meines Angriffes ungerecht und beleidigend, auch mehrfach sich selbst widersprechend. Jur nähern Würdigung diene Folgendes. Die Art, wie Hr. Rapaport die Untersuchung meiner Chronologie begann, fand ich beim erstenDurchlesen durchaus bescheiden und lobte deshalb ihren Ton und ihre Haltung. Bei genauerer Prüfung aber >ah ich Zu meinem Bedauern, daß Hr. R. sich die Freiheit nahm, über römische Geschichte Muthmaßungen aufzustellen und darauf positive Urth eile, die hinten als,Resultate zusammengestellt werden, zu gründen, welche deutlich und klar zeigen, daß er die römischen Ge sch ichts quellen gar nicht angesehen hatten eine Thatsache, die er selbst jetzt auf seltsame Weise in seiner Erwiderung einräumt. Wie in aller Welt darf man es ' wagen, über Specialgeschichte Vermuthungen und Kombinationen, sie mögen noch so scharfsinnig sein, in die Welt zu senden, ohne die Quellen nachzulesen, ja ohne von deren Existenz etwas zu wissen? Und dabei macht Hr.R. noch obenein die auffallende Bemerkung, daß ich alle meine Entgegnungen lediglich aus den römischen Geschichtsquellen geschöpft habe, — als ob nicht dies die ärgste Anklage gegen sich selbst wäret Woher sonst soll ich denn die Widerlegungen nehmen? Ich kann die Geschichte nicht machen. Als ich diese Kühnheit entdeckte, schrieb ich meinen Aufsatz, welchen ich, abgeneigt dem finstern Ernst, der in der hebräischen Literatur*) herrscht, und bei literarischen Streitigkeiten, wie dies im ND jselbst zu ersehen, in wortreiche Schmähreden häufig genug ausartet sein mehr unterhaltendes Gewand gab, indem ich die Sache mehr scherzend vortrug, wie jeder Unparteiische aus den Uebertreibun« gen sehr Leicht ersieht, die bei einer mehr launigen Auslassung erlaubt sind. Es siel mir nicht im Entferntesten ein, daß R. mein Feind sei, daß er mich herabsetzen wolle und daß er gegen meinePersonzu Felde ziehe; ich machte blos aus ihm einen Riteer, welchen ich in meiner kleinen Abhandlung fa* kämpfen wollte, doch sollte es nur ein kleines Turnier sein, weiter nichts. Er konnte mit Witz meine harmlosen Angriffe zurückweisen, so hätten wir Beide gelacht. Ich glaube, daß alle freundlichen Leser das Ganze in diesem Sinne aufgefaßt haben, und daher es auch nicht mit der Kritik der einzelnen Aeußerungen sehr genau nahmen. Wenn eine humoristische Stelle in meinem Aufsatz den. Lesern, wie Hr. R. sagt, dunkel geblieben ist und bleiben mußte, indem sie mehr Wortgeklingel als klare Anschauung gebe, so fühle ich mich gar nicht gedrungen, sie jetzt, fast vier Jahre hinterher, durch eine Erklärung in Schutz zu nehmen. Ein Spaß, welcher der Erläuterung bedarf, ist ohnehin schaal. Indeß hat Hr. R. mir dieses reichlich vergolten durch eine iro n i sch e Stelle, welche ich nach der sorgfältigsten Prüfung durchaus nicht begriffen zu haben gestehen muß, so daß deren Wirkung bei mir verloren geht. S. 144 sagt nämlich die Entgegnung: „Der Verfasser der Kritik glaube, die römi- *) Nicht bloß die Literatur, sondern auch die Privatkorrespondenz giebt häufig diesen melancholischen Zug zu erkennen. Je größer die Hemmungen des Lebens sind, desto düsterer zeigt sich die Stimmung, sogar der Koryphären, die über ein flüchtiges Werk der Journalisten weit hinaus sein sollten. Selbst unsere tüchtigsten Männer wägen mit allzueifersüchtiger Strenge jeden Ausdruck eines Tagesblattes ad, und bringen denselben oft jahrelang, nachdem er diesseits längst vergessen ist, wieder vor Gerickt. Es kann dies nur beklagt werden, weil dadurch öfters eine unnütze Fehde unterhalten wird, während der Anlaß es nicht verdiente, die Sache so wichtig zu machen. Ein wenig mehr Lebensmuth würde der Wissenschaft gewiß mehr nützen, und fällt auch dabei einmal ein unbedachtes Wort, so dürfen die hochstehenden Männer nicht fürchten, daß dies ihrem Ansehen Abbruch thue. Was ist nicht alles gegen unsere modernsten Gelehrten in Deutschland hin und wieder in Tagesblättern und Broschüren geschrieben worden? Die Welt weiß darum doch ihre Leistungen zu würdigen. — Werke wie nb, die auf Dauerhaftigkeit berechnet sind, sollten jedenfalls sich von journalistischen Streifereien frei halten. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.