Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1844)
- Date
- 1844-04-23
- Page
- Seite 135 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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135 sie auch dazu nicht taugen, mit ihren Weibern „zur Ansied- Lung" nach Sibirien geschickt werden. Wird man nicht bald von der russischen Grenze diesen Ms berichtigend Wir sind begierig, wie man dies anfängt. Wenn man nicht beweist, daß er eine Lüge ist oder daß russische Ukase nie zur Ausführung kommen oder daß sie dasGegentheil von dem bedeuten, was sie sagen, so wissen wir nicht, wie man seine Wirkung auf die Gemüther paralysiren will. Vielleicht muß Czar Nikolaus seine Ukase mit so ehernem Finger schreiben, weil er sein Volk genau kennt und weiß, daß die „slavische Weisheit" seiner Kosaken und Gensdarmen dieselben ohnedies in der Ausführung mildert. Freilich. Wenn man bedenkt, mit welcher Buchstäblichkeit, mit welcher Willkür gegen freie Ausländer verfahren wird, die der Grenze nicht vorsichtig genug ausweichend), so wird man sich denken können, was eine kaiserliche Ordre gegen die Juden, gegen russische Juden zu bedeuten Hatz daß sie die ganze jüdische Bevölkerung unter polizeiliche Aufsicht stellt, die der gemeine Muschik oder Straßnik als seine gute Prise betrachten, sie brandschatzen, quälen und treten kann nach Belieben. Das Schicksal eines Menschen vom Ablaufen seines Passes abhängig zu machen! Im civilisrrten Europa reisen Lausende in ihrem Vaterlande ohne Paß, im Auslände mit längst abgelausenen Pässen. Wie kann lman auch in solchen Dingen strenge Bestimmungen treffen, wo die haarscharfe Linie des Gesetzes so leicht überschritten ist! Der Geschäftsmann, der Arzt, der Reisende überhaupt, der von tausend Zufälligkeiten abhängt — ein Lag der Säumnniß, ein Unfall, ein Erkranken, setzt ihn den ärgsten Mishandlungen, der Beraubung, und wenn er kein Gold hat, dem Verderben aus. Oder glaubt man, daß er, dem humanen und gebildeten Kosacken gegenüber, sich nur auf den Geist des Gesetzes zu berufen braucht? Es scheint nicht, daß dergleichen Rücksichten in Rußland üblich sind. Liegt doch im Ukase selbst eine charakteristische Rücksichtslosigkeit. Mit der körperlichen Unfähigkeit, mit der Hilflosigkeit des Verbrechers steigt ja die Schwere seiner Strafe. Er ■ ist vielleicht zu alt, seine Glieder sind zu steif und ungelenk, um dem Kaiser einen guten Soldaten abzugeben: man verwende ihn zur Strafarbeit. Er ist vielleicht zu kränklich, zu schwach, vielleicht ein Krüppel z man schicke ihn nach Sibirien. Wenn er nicht zum Soldaten und nicht zum Arbeiten fähig ist, muß er fähig sein, das rauhe Sibirien zu kolonisiren. Mit seinem Weibe. Natürlich. Sie ist ja nur das Weib eines Juden; wer 'wird sie erst fragen? Vielleicht hat sie einen Säugling an der Brust, vielleicht einige Kinder; nun, ’*) Das Wort ist nicht übertrieben. Unlängst fuhren zwei Preußen aus einem preußischen Dorf nach einem anderen und verirrten sich des Abends im Schneegestöber um einige Schritte über die Grenze, die dort queer über einen gefrorenen See lief.- Sie wurden ergriffen, mit Ketten beladen ins Gefängnis geworfen und erst für ein bedeutendes Lösegeld aus die Reklamation ihrer prenßischen Behörde zurückgelaffen. Dies meldete selbst die Allgemeine Könkgsberger Zeitung. sind es Knaben, »so können sie vielleicht später ihren Vater in der Armee ersetzen, die Mädchen wird man ihr wohl mitgeben. Dann trägt sie wenigstens zur Bevölkerung Sibiriens bei. Vielleicht ist es eine alte Jüdin. Was schadet das? Unsere krankhafte Sentimentalität malt sich dergleichen Alltäglichkeiten gleich mit schwarzen Farben aus: ein gesunder Russe lacht blos, .wenn er das komische Gespann, den schmutzigen Juden mit weißem Bart und die kopfwackelnde alte Jüdin abfahren sieht nach Sibirien. Sie können dort Philemon und Baucis spielen; schon dieser Gedanke ist allerliebst. Nordamerika. Jamaica, März. Hier wurde in einer außerordentlichen Versammlung, in Angelegenheiten der Dislokation der russisch-polnischen Grenzjuden, der Beschluß gefaßt, die englischen Juden zu ersuchen, bei seiner Maj. dem Kaiser, für die Zurücknahme des bekannten Ukases ein Bittschreiben einzureichen. Man hofft diesem nach, daß Montefiore, wie es schon oftmals hieß, nun endlich nach Petersburg reisen würde, und wenn auch bei dem eisernen Willen des Autokraten nichts auszurichten sein wird, so wird es geschichtlich denkwürdig bleiben, wie die Leiden unserer russisch-polnischen Brüder über den Oeean bis tief in die neue Welt widerhallen. Zur Judenfrage in Norwegen Bericht der Konstitutionskommiteen, den Vorschlag um Aufhebung des letzten Passus des Par. 2 des Grundgesetzes betreffend. (Mit Auslassung einzelner speeieller Referate aus dem Inhalt der Dokumente). (Fortsetzung.) 18—21) Gutachten über den Vorschlag von den Börsen- und Handelskommiteen in Christiania, Drontheim, Bergen und Drammen. Diese Gutachten sind gedruckt und an sämmtliche Abgeordnete vertheilt worden. Sie sowohl, als auch die vorerwähnte Vorstellung von einem Lheil der Kaufleure, in Christianshand, gehen sämmtlich dahin, daß es als nachtheilig angesehen werden müsse, den Juden den Eintritt in's Land zu gestatten. Zwei Mitglieder der Börsen- und Handelskommiteen in Drammen, haben hievon eine Ausnahme gemacht, und sich für den Vorschlag erklärt. Ueber den in Par. 112 des Grg. festgesetzten Bedingungen, unter welchen die Annahme eines Vorschlags, welcher Art immer, der die Veränderung einer grundgesetzlichen Bestimmung