Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1844)
- Date
- 1844-04-23
- Page
- Seite 134 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 134 - indem man gerade einen solchen als das sicherste Mittel schilderte, den Kaiser auf seinem Entschlüsse beharren zu machen. — L'envpereur — sagte einer von den beiden Herren — o'est un pot de fer contre qui chaque autre volonte doit. 86 briser comme an pot de terre. — Auf diesen Rath hin unterließ das Haus Rothschild in der Lhat jeden direkten Schritt. Was die Rothschild'sche Familie in dieser Sache thun konnte, kam meist auf gesellschaftlichem Wege zu Stande, und dafür fand sich hier allerdings in Paris der Mittelpunkt. Die Baronin Rothschild, eine der geistreichsten und beliebtesten Damen der Pariser Welt, nahm die Fäden auf und wirkte mit jener feinen Emsigkeit, die den Frauen eigen ist, wenn sie sich für eine Sache intcressiren. Im Salon der Frau von Rothschild wurden Guizor und der englische Gesandte für eine Angelegenheit erwärmt, die sonst ihnen sicherlich gleichgiltig geblieben wäre; eine lebhafte Korrespondenz wurde nach London mit den einflußreichsten Personen des Foreign Office eröffnet, Lord Aberdeen wurde in's Mittel gezogen und Anfragen aller Art bei den Gesandtschaften in Petersburg gemacht. Allein, da der russische Ukas nur eine innere Berwaltungsmaaßregel ist, so konnte die auswärtige Diplomatie unmöglich etwas thun. So beschränkten sich denn allmälig diese Bemühungen darauf, daß einige dem Kaiser nahe stehende Personen gewonnen wurden, um in geeigneten Augenblicken ein Wort der Menschlichkeit und der Besänftigung dem Autokraten zuzuflüstern; ob dieses gelungen, ob nicht, ist noch sehr die Frage und die Nachrichten, die in letzterer Zeit eingetroffen, lassen sehr fürchten, daß alle diese feinen Fäden zerrissen. Jedenfalls aber thun die Zeitungsberichte, die von dem ungeheueren Einfluß des Hauses Rothschild so viel trompeten, dieser Sache großen Schaden, da derlei Korrespondenzen am russischen Hose viele offene Ohren finden und leicht dazu beitragen können, den einen Augenblick milder gestimmten Sinn des Kaisers wieder zu erhitzen; und um die Unabhängigkeit des russischen Thrones von einem Frankfurter Banquierhaus zu beweisen, könnten 500,000 Menschen zum Opfer fallen. Leipzig, 15. April. (Gr.-B.) Was man über die russischen Maaßregeln zur Vernichtung polnischer Nationalität und Kirche hört, das wagt selten mehr eine Berichtigungsfeder zu bestreiten oder zu rechtfertigen. Wie kommt es, daß gerade das russische Verfahren gegen-die Juden in deutschen Zeitungen so viel beschönigende Federn findet? Ist die Härte gegen die Juden unwahrscheinlicher als die gegen das unglückliche Polen? Denken die Korrespondenten von der russischen Grenze in dieser Angelegenheit leichter Glauben zu finden? Spekuliren sie vielleicht auf das Vorurtheil gegen die Juden? Da würden sie sich sehr täuschen. Ein Vorurtheil, das so weit ginge, um das Ohr für die Stimme der Menschlichkeit zu betäuben, giebt es nicht mehr in Deutschland. Das Wort: Judenhaß ist vielmehr ein Vorwurf geworden, dessen sich selbst die eifrigsten Gegner der Iudenemancipation schämen und den sie lebhaft von sich abzuwehren suchen. Das civilisirte Europa sieht mit Unwillen in dem Schauspiel russischer Judenbedrückung ein Spiegelbild eigener barbarischer Vorzeit. Doch sind noch große Unähnlichkeiten in diesem Bilde. Die schrecklichsten Judenverfolgungen früherer Zeit gingen fast nie von Fürsten und Negierungen aus, oder sie wurden ihnen durch einen fanatischen Clerus, durch den Aberglauben des Pöbels, durch den blinden Haß und Terrorismus des Augenblicks aufgedrungen: in Rußland sind sie die Konsequenz kalter Politik, die That eines Kabinets, das geistig auf einer höheren Stufe steht, als das russische- Volk. Das Mittelalter handelte darin ganz im Geiste seiner Zeit: Rußland thut, was es thut, im Angesicht einer besseren Zeit und einer höhern Civilisation, der es angeblich nachcifert, während cs ihr nur die äußerlichen Gesetzformen zur Sanktionirung und die technische Fertigkeit zur systematischen Befestigung seines Regierungswesens entlehnen will. Oder sind die zahlreichen Berichte über den guten Willen der Juden -Ukase übertrieben, erdichtet, lügnerisch? Nein. Wir glauben vielmehr, daß jene wohldienerischen Korrespondenten unberufener Weise ein Uebriges thun. Rußland bildet sich gewiß nicht ein, an zwei Tafeln schwelgen zu können, einerseits als furchtbares Bollwerk des Absolutismus, als „das zweite Rom", als drohendes Zwingeuropa angestaunt und andererseits als das Land der Humanität gepriesen zu werden. Und Kaiser Nikolaus selbst, avec sa tete de fer, wie sein Freund Orloff sagt, sucht, gewiß seinen Ruhm eher in einer konsequenten Rücksichtslosigkeit, die den Widerstand bricht, als in den philantropischen Anwandlungen seines unnationalen Vorgängers Alexander. Am wenigsten wird ihm daran liegen, für judenfreundlich zu gelten. Während sich daher die Einen in künstlichen Raisonnements abhetzen, um die Juden-Ukase zu pestalozzischm Erziehungsmaaßregeln umzudeuteln, und die Anderen sich rührende Wunder von allerhand Verwendungen versprechen, giebt die russische Regierung Beiden ein Dementi nach dem anderen. Die „Berlinischen Nachrichten" bringen einen neuen Ukas: Juden, die sich paßlos oder mit abgelaufenem Paß über der Grenze betreffen lassen *), sollen nach dem Gesetz über Ausreißer und Landläuser behandelt werden; auch wenn ihr Geburtsort bekannt und ihre Gemeinde bereit wäre, sie zu reklamiren. Sie sind an's Miltär abzuliefern, ohne Rekrutenanrechnung, d.h. ohne daß ihre Gemeinde darum einen Mann weniger zu stellen brauchte. Wenn sie zum Militärdienst untauglich sind, sollen sie zur Strafarbeit verwendet, und wenn *) Es ist unklar, welche Grenze gemeint ist. Wenn cs die Grenze des Reichs überhaupt ist, so wäre der Ukas gegen jene Juden gerichtet, die aus Verzweiflung auszuwandern suchen , würde aber dann nothwendig die Erneuerung des Cartels mit Preußen voraussetzen. Es sind aber auch im Innern des Reichs gewisse ^Grenzen angewiesen, die sie ohne specielle Erlaubniß nicht überschreiten dürfen. So dürfen P nicht nach Moskau und in die östlichen Gouvernements» i