Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1844)
- Date
- 1844-04-23
- Page
- Seite 131 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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131 worden. Ein Hamb. Korrespondent der Bremer Zeitung meldet diese Wahl folgendermaaßen: Zum ersten Male betritt ein Mann von jüdischer Abstammung die Rathsstube, um den Eid als Rachsherr zu leisten k. — Herr Dr. Haller ist indeß nicht blos jüdischer Abstammung, sondern wirklich als Jude geboren. Sein noch lebender Vater, damals noch nicht getauft, weigerte sich nämlich, an diesem seinem Sohne die Veschneidung vollziehen zu lasten. Auf ein Ermahnungsschreiben der Vorsteher der Gemeinde antwortete er entschieden ablehnend. Als nun auch von der obersten christlichen Behörde der Befehl erging, den Knaben beschneiden zu lassen, sah sich der Vater veranlaßt, den Neugebornen taufen zu lasten. So verhalt es sich, nach der Erzählung eines glaubwürdigen Zeitgenoffen mit jenem etwa vor 40 Jahren vorgefallenen Faktum. Daß auch die Frau eines Senators eine getaufte Jüdin ist, findet bei dem Neugewählten nicht das erste Mal statt, da beriets ein Rathsmitglied mit einer solchen verheirathet ist. Oesterreich. Wien, 4. April. Es fallt sehr schwer, die öffentlichen Angelegenheiten der Israel. Einwohner Wiens zu beschreiben; denn Wien ist keine organisi'rte Gemeinde, sondern lauter Glieder (aber goldne Glieder)- die noch nicht so nahe einander sind, um sich zu einer schönen zierlichen und auch festen unzertrennlichen Kette zu vereinen. Trotz dem aber fehlt es in Wien nicht an isr. wohlthätigen Anstalten, die als Zeichen und Panier den nahen und fernen Gemeinden ausgestellt werden könnten, und die wir uns mitzutheilen erlauben würden. Heute sti es unser größtes Vergnügen, die geehrten Leser dieses Blattes von den kräftigen Fortschritten des hier neben dem Tempel bestehenden polnischen Bethauses zu unterrichten. Ja, wer nur irgend die Nothwendigkeit einer zeitgemäßen Reform der jüdischen Synagoge einft'eht, muß sich freuen, wenn ec hört, wie eben hier in dem polnischen Bethause die Feste! der Orthodoxie von verständigen und thatkrästigen Vorstehern nicht abgebrochen, sondern sanft abgestreift worden; auf diese Weise wurde das Verkaufen der Mizwot sowohl an Wochentagen als an Feiertagen in diesem Gotteshause abgeschafft und es haben die Vorsteher eine dem Interesse der Synagoge nicht schadende Ordnung eingeführt; auch wurde das Aufrufen zur Tora, nach -er Art des Tempels eingerichtet, daß man nämlich nicht jeden zur Tora Gerufenen bei seinem Namen nenntsondern wird ihm dies früher durch eine Karte angezekgt. Um so nöthiger war diese Einrichtung hier zu treffen, da es bei den Polen Sitte P, daß jeder eine Mocenu hat, welches oft Streitigkeiten verursachte, so der Dorbetec Jemanden nur haarklein an die Ehre griff und sie verletzte. Unter starrsinnige, an alte nicht nur kleinlichte sondern auch verderbliche Gebräuche haltende, ist es wahrlich keine Kleinigkeit auch nur die geringste systematische Ordnung zu bringen, um wie vielmehr Mühe müßte es nun kosten, ihnen ihre Spielereien, mit denen sie sich die Zeit im Eotteshause verkürzen, aus der Hand zu winden, und wir haben diese zur Zeit und zum Orte passende Einrichtung (abgesehen, daß der sel. Hr. Vorsteher, M. L. Biedermann den ersten Antrieb dazu gegeben*) nur den unermüdlichen Leistungen des wackern Vorstehers Herrn Herrmann Dukes (Vater des rühmlich bekannten L. Dukes) zu verdanken; denn erweißtheils durch seinen Umgang die Starrheit zu erweichen, theils weiß er anderwärts seiner Autorität die gehörige Achtung zu verschaffen, und so gelang es ihm, aus einer früher bestandenen verwirrten Synagoge, ein ordentliches, geräumiges und ehrwürdiges Gotteshaus zu machen. Seit dem Tode des Hrn. M. L. Biedermann sind ihm noch zwei Vorsteher zur Seite gefetzt, nämlich Hr. A. Meschorer (ein Pole) und Hr. S. Deutsch, welchen beiden es nicht an Eifer für das Bessere und Edlere fehlt, und es bleibt nur zu wünschen übrig, dieselben mögen ihrem würdigen Gefährten würdig zur Seite stehen, und daß ihr Streben eben so rastlos zur Verschönerung des Gotteshauses sein möge, wie das Streben ihres Kollegen (die neue getroffene Einrichtung geschah schon mit ihrer völligen Zufriedenheit) zur Verherrlichung Gottes und Israels. Von den Leistungen des Herrn Rabbiners für dieses Gotteshaus, wie überhaupt für alles jüdische Interesse zu sprechen, sei unsere nächste Aufgabe. Auch hoffe ich, nächstens ein Mehres von den hiesigen Israel. Einwohnern mittheilen zu können, das für jetzt noch nicht für die Oeffentlichkeit reif ist. «...n ......h. Waagneustadtl/ (Neutraer Komitat), 25. März. Wenn die Juden an dem allgemeinen Aufschwünge der Wissenschaften und Kultur rheilnehmen, so ist dies wohl anerkmnensaber noch nicht rühmenswerth; rühmens- und hervorhebenswerth ist es aber allerdings, wenn die äußere Anregung fehlt, und diese doch aus der bisherigen Lethargie erwachen; wenn die allgemeine Bevölkerung die keimende Kultur und Aufklärung gar nicht.kennt, und die Juden trotzdem jene sich eigen zu machen eifrigst streben. — Ein solches Beispiel geben die hiesigen Juden wie die der Umgebung. In den slavischen Komitaten Ungarns wohnend, deren christliche Bevölkerung noch um ein Säkulum wenigstens zurück ist, die Riesenfortschntte der Gegenwart im Gebiete des Geistes ganz ignorirt, den Aufschwung der Kultur in unserem Vaterlande, weil er vom Magyarenthume ausgehet, gewaltsam von sich stößt, —’ bemerkt man doch bei unfern Glaubensgenossen ein allgemeines Streben und Rin- *) Siehe Lost's Annalen 1839, Nr. 43. 17*