Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1844)
- Date
- 1844-04-23
- Page
- Seite 130 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 130 - weisen zu können. Der Reformverein fand seine erste Anregung durch einen Aufsatz des Dr. med. F—a zu Offenbach in dem Frankfurter Converfationsblatte. Dieser Mann nämlich/ der sich sehr für den Fortschritt des Judenthums interessi'rt, geht schon lange mit der Idee um, das Judenthum mit dem Christenthum zu vermitteln. Als Beleg kann ein Aufsatz von ihm in der frühem Universal-Kirchenzeitung, übecschrieben „Ueberzeugungen eines Israeliten" dienen, worin er sich für eine solche Vermittelung oder vielmehr Verschmelzung der beiden Religionen ausspricht. Darin spricht er sich auch dahin aus, daß der Talmud für uns keine Verbindlichkeit mehr hätte, sowie auch, daß die meisten Ceremonien und speciell-jüdischen Gesetze der Bibel, wie z. B. die Speisegesetze, für unsere Zeit ihre Geltung verloren hätten. Doch die Vermittelung blieb nur auf dem Papiere stehen, in der Wirklichkeit zeigte sie sich weder, noch konnte sie sich zeigen. Im vorigen Jahre erschien nun in dem Franks. Converfationsblatte ein Aufsatz von ihm, worin er zu einer authentischen und feierlichen Lossagung vom Talmud auffordert, der ein Stein des Anstoßes wäre bei allen Emancipationsverhandlungen. Dieser Aufsatz trug nun seine Früchte, freilich unreife, wie denn auch die Idee einer Vermittelung des Judenthums und Christenthums, die gewiß dem Vereine bei seiner Gründung auch vorschwebte, eine unreife genannt werden kann. Judenthum und Christenthum, welche contradiktorische Begriffe! Man komme uns nicht mit dem Gemeinplätze, in den Hauptpunkten stimmen doch beide Religionen überein! So lange noch heidnische Ideen im Christenchume vorherrschend sind, so lange noch Dreieinigkeit und Erlösung an der Spitze der christl. Glaubenslehre stehen, so lange ist an keine Uebereinstimmung zu denken. Das charakteristische Kennzeichen des Judenthums ist ja die Einheit Gottes, das ist ja das tägliches Gebet! Freilich in der Moral stimmen sie überein, und müssen übereinstimwen, weil Christus ein Jude war, allein die Moral macht ja doch nicht das Ganze einer Religion aus! Aber gesetzt, eine solche Vermittelung wäre möglich, cui l3oiio könnten wir dann fragen. Werden dann die Menschen besser werden, werden die Juden, die jetzt im Jndifferentismus dahin leben, mehr Sinn für ihre Religion haben, mehr für sie wirken? Gewiß nicht. Wird sich die Zahl der Judenfeinde dadurch mindern? Gewiß nicht. Oder vielleicht deswegen, damit der Jude das Leben freier genießen kann, das ihm seine Religion zu beengen scheint, damit er dem eitlen Treiben der Welt, von dem ihn seine Religion abhalten will, besser nachhangen kann? Mit Recht würden die Alten solche Reformer mit dem Namen Epikorsim belegen, denn der Reform scheint ein feiner Epikuräismus zu Grunde zu liegen. — Nein, wir wollen keine Vermittelung des Judenthums und Christenthums; Jeder möge seiner Religion treu nachleben, Jeder bemühe sich, die Kraft seines „Ringes" immermehr an den Tag zu legen, dann wird einst eine Vermittelung gar nicht mehr als nöthig erscheinen, alle Menschen werden Brüder, und der Name Jude und Christ zur bloßen Beziehung wie ein Familiennamen geworden sein. — Aber eine andere Vermittelung ist möglich und muß erstrebt werden, eine Vermittelung der verschiedenen Parteien im Jndenthume selbst. Das ist keine Reform, kein Umbilden, wenn man alles Positive der Religion negirt, das heißt: an die Stelle des Alten etwas ganz Anderes oder vielmehr gar Nichts setzen, das hat aber auch keinen andern Nutzen, als die Spaltung im Judenthume zu vergrößern. Eine Reform im Judenthume ist aber auch nur auf historischem Wege möglich, hier gilt kein Machtspruch, hier ist es nicht erlaubt, Bibel und Talmud von einander zu separiren, nein der Talmud selbst muß der Reform zur Grundlage dienen; freilich wird man nicht immer auf den Buchstaben, sondern mehr auf den Geist, der den Talmud durchweht, Rücksicht nehmen müssen. Zu einer solchen Reform werden dann Alle, denen die jüd. Religion wahrhaft am Herzen liegt, freudig die Hand bieten, ohne daß man nöthig haben wird, eine Subskriptionsliste herumzuschicken. Aber das Judenthum umstoßen wollen, das ganz andern Stürmen getrotzt hat, das ist eine Vermessenheit, die man nur belächeln kann, und die Agenten (!), die den Olymp stürmen wollten, hätten ihre verdiente Niederlage voraussehen können!- Hamburg, 15. April. Wie aufrichtig auch das Bedauern Ihres Altonaer Herrn Korrespondenten ubcc das Aufhören der vor 51 Jahren gegründeten Jsler'schen Schule hier in allen Kreisen getherlt wird, so darf doch nicht zugegeben werden, daß mit jener Schule die letzte jüdische, für den Mittelstand bestimmte in Hamburg aufgehört habe. Es besteht noch die, allerdings in vielen Stücken verschiedene, Schule des Herrn Dr. Maimon Fränkel, welche mit einer blühenden Pensionsanstalt verbunden ist und auch der Lehrer, Hr. Hamm, dessen Schule nur eine Zeitlang weniger besucht war, scheint wieder eine Anzahl von Schülern gewinnen zu sollen. Ein zwischen diesen beiden Anstalten etwa die Mitte haltendes neues Lehrinstitut wäre indessen im Interesse der nächsten Generationen der bemittelteren Mitglieder unserer Gemeinde zu wünschen. Hoffen wir, daß ein solches bald zu Stande komme; denn, wenn irgendwo, so gilt hier das Sprüchwort: perieiilum in mora. Wir erachten es bei unserem, wie wir uns dessen bewußt sind, durchaus reinen Interesse an der Sache, für unsere Pflicht, uns bald darüber ausführlicher vernehmen zu lassen. Hamburg, 14. April. Nachdem vor Kurzem einer der hiesigen Senatoren, Hr. Dr. Schlüter, sein Amt freiwillig und ohne Pension niedergelegt, ist in voriger Woche Herr Dr. jur. Haller, einer unserer geachtetsten und beliebtesten Advokaten in dm Rath gewählt