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Der Orient · 1844-04-16 · Heft 16 (16.4.1844) · p. Seite 123

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 16 (16.4.1844)
Date
1844-04-16
Page
Seite 123 (sequence 5)
Language
German
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123 wenn auch der Fall wirklich ein Kinderraub ist, wenn num auch obendrein das Kind durch die gewaltsame Taufe dem Herzen der Mutter zu entfremden suchte, so ist doch die arme Mutter — Jüdin, Ja das Moment, daß sie auch eine Preußin ist, wird von der öffentlichen Stimme wenig beachtet. Kein leitender Artikel tritt für das gekrankte Recht der Mutter und ihr verletztes religiöses Gefühl in die Schranken einer Zeitung auf, keine Flugschrift wird darüber publicirt, wiewohl gerade dieser Gegegenstand bei dem überhand nehmenden Missionswesen, welches nun sogar zu solchen Gewaltthaten seine Zuflucht zu nehmen sich nicht entblödet, eine besondere Beleuchtung verdient hatte; kein Verein konstituirt sich, an dessen Spitze wir einen Banquier wie Mendelssohn erblicken, keine Beitrage werden gesammelt, kein Schritt gethan. Doch genug! Hat man doch selbst das Unrecht, das an den Grenzjuden in Rußland jetzt verübt werden soll und das von einer Negierung, welche auf gleicher Kulturstufe mit den übrigen europäischen Staaten sich zu behaupten strebt und dabei die Juden ihres Reiches, nach dem Vorgänge der Babylonier und Astyrer von einem Orte nach dem andern, wie ein altes Möbelstück, ohne Anerkennung der menschlichen Würde umherschleudert, in unsren humanen, christlichen Tagen für kaum der Beachtung Werth gehalten, wie viel weniger wird dieses bei einem einzelnen Fall, der eine jüdische Mutter in Jassy betrifft, der Fall sein? — B. Frernkfnrt SSJtv 1* April. Der neuerwählte Rabbiner, Hr. Dr. Leop. Stein, ist endlich hier angekommen und hat am 26. Marz sein neues Amt angetceten. Er brauchte, wie schon berichtet wurde, keine Prüfung zu bestehen, da sie ohnehin nur leere Forrn gewesen wäre. Um sein Amt in Frieden zu erhalten und zu verwalten, stattete er sogleich bei Hrn. Salomen Trier einen Besuch ab und hierauf bei Hrn. von Rothschild, mit dem er eine lange Unterredung hatte. Ob er friedlich und freundlich bei diesen Leuten ausgenommen wurde, ist nach dem Leumunde der Opposition kaum glaublich. Die orthodox-fanatische Opposition (denn die andere nicht minder orthodoxe Partei ist für Hrn. Stein) ist bereits geschäftig, ihn in der öffentlichen Meinung herabzudrücken. — Der Eine ärgert sich, daß er zu Hon. Trier in Handschuhen gegangen, der Andere sagt gar (schrecklich!), daß er sich rasire, und derDritte, daß ec nicht gegen das Schreiben am Sabbat sei. Daß alle diese Reden Erfindungen des lächerlichsten Fanatismus seien, brauche ich wohl kaum zu erwähnen; aber es ist klar und gewiß, daß wennHr. Stein und seine Freunde friedlich und besonnen, ohne Erbitterung und Gereiztheit handeln werden, sie recht bald ganz obsiegen werden. Sie haben zum Theil schon darin gesiegt, daß sie den närrischen Gedanken anJsaaksohn verscheucht. Jetzt ist in Frankfurt innerhalb der Orthodoxie doch wenigstens ein Ferment zur Weiterbildung und Veredelung des Judenthums gegeben und ich hoffe, daß die Macht der Zeit das Ihrige thun wird, um nicht eine so große, intelligente Gemeinde für das Judenthum als todtes Kapital liegen zu lasten. Breslsrrr, 8. April. Die Kaufmannschaft jüdischen Glaubens hat ein Konnte aus ihrer Mitte gebildet, um mit der christlichen Kaufmannschaft über ihre Zulastung zur Börse zu unterhandeln. Denn bis jetzt haben die Eigenschaften „jüdisch" und „christlich" noch eine Bedeutung oder vielmehr sie sind Losungsworte der Intoleranz, und diese Intoleranz trägt in keiner Gemeinschaft ein solches Gepräge der Niedrigkeit als in der der Kaufmannschaft. Wenn die Unterhandlungen des Komite bis zum 25. Juni nicht günstig erledigt werden, so werden, nach einem gefaßten Beschlüsse, nicht nur die Beiträge der jüdischen Kaufleute zu kommerziellen Unterhaltungswerken ganz aufhören, sondern die Mehrzahl der jüdischen Kausieute verpflichtet sich noch bei 200 Thlr. Konventionalstrafe für die Person nicht mehr das Lokal der Börse, das für 3 Thlr. jährlich für Juden zugänglich ist, zu besuchen. Das Konnte besteht aus fünf achtbaren Personen. Das letzte Ziel dieses Konnte, wie man voraussieht, geht dahin, eine jüdische Korporation von Kaufleuten zu bilden, die in Bezug auf materielle Vortheile gewiß der christlichen nicht nachstehen wird, aber das hieße das Spiel überhaupt aufgeben und wäre ganz werthtos. Denn läge es auch nur im entferntesten im Geiste der jüdischen Kaufmannschaft, die Scheidungslinie zu verewigen, so brauchte sie gar nicht zu unterhandeln. Wie ich höre, sind auch viele mit der Bildung einer jüd. kaufmännischen Korporation sehr unzufrieden, und zwar aus dem Grunde, um nicht die Intoleranz zu verewigen. Ich muß noch erwähnen, daß die Scheidung in der Kaufmannschaft nicht blos bei dem Börsenbesuche, sondern auch bei öffentlichen Manifestationen (wie z. B. beim Empfang des Königs) empfindlich gefunden wurde. Berlin, 8. April. An der Spitze der Opposition gegen die Wahl des Prager Predigers, die kaum eine Wahl genannt werden kann, soll Dr. Stern, der abge.streifte Fuchsbalg der F'schen Judenfrage, der sie, wie ich höre, ohne Antwort, fortsetzen wird, stehen, und ihm schließen sich alle diejenigen Männer Berlins an, die es mit der Gemeinde redlich meinen. Denn abgesehen davon, daß der Wahlmodus etn höchst unglückseliger, mittelalterlicher ist, so wird selbst in diesem kleinen Kreise (von 39) die Obmacht Zweier geübt. -— Ein so eben verstorbener jüdischer Kaufmann, der unbekannt und ungenannt bleiben wollte, hat in seinem Testamente dem königlichen Juvalidenfonds ein Kapital von 300 Thlr. vermacht, deren Zinsen jährlich an Invaliden aus den Jahren 1813 —15 verchnlt werden sollen. Die Ver- 16 *

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