Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-04-09 · Heft 15 (9.4.1844) · p. Seite 116

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 15 (9.4.1844)
Date
1844-04-09
Page
Seite 116 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360326--4423-3530222
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und wie durch die in den letzten Jahren gesteigerte Verarmung, namentlich der Strelitzer Gemeinde, die bedrängte Lage nur noch drückender geworden, so thut, abgesehen von dem versöhnenden Geiste des Jahrhunderts, der solche fordert, hier eine baldige Abhilfe dringend Noth. Dieser betrübenden Erscheinung gegenüber dürfte jedoch dem aufmerksamen Forscher einen wohlchuenden Anblick gewahrenwie in den wenigen Gemeinden des Landes durch die kräftigste Beihilfe der Begüterten, die eifrigste Förderung der Gememdevorstande, die Mitwirkung der den einzelnen wohlthatigen Anstalten Vorgesetzten den dringendsten Mangeln wenigstens so viel als möglich abgeholfen wird. Hiernach wird Niemand, der an den mannigfachen Erscheinungen des Lebens theilnahmlos vorüber zu gehen gewohnt ist, die bisweilen erhobene Beschuldigung gerechtfertigt wahnen, als seien die Israeliten irgend eines Landes und namentlich des unsrigen ein verderbliches Cliqueswesen zu unterhalten bestrebt, vielmehr abermals einen Beleg finden zu der wundersamen Energie, welche trotz allem Ungemach sie zusammen gehalten, auf daß sie weder in physische Schmach, noch in geistigen Tod versanken. Bereits vor vielen Jahren sprach die Gemeinde zu Strelitz in der Errichtung der dortigen Gemeindeschule ihre Ueberzeugung aus, wie nur durch fortgesetztes Arbeiten an der geistigen Ausbildung der Jugend die rechte Kraft gewonnen werden könne, den noch fortdauernden Druck zu ertragen und mit der göttlichen Hilfe eine günstigere Gestaltung zu erringen. — Ueber die Schule selbst, wie über noch andere Institute, über die wichtigsten Erscheinungen auf dem Gebiete der Emancipation, werden wir von Zeit zu Zeit in diesen Blattern berichten, mit dem Wunsche, daß auch unsere schwachen Worte Einiges beitragen möchten, die Begriffe unserer Landsleute zu berichtigen. Mögen Aufklärung und Menschenliebe durch die Macht der Erkenntniß bald eine bessere Gestaltung für die Verhältnisse der meklenburgischen Israeliten herbeiführen und der Ausspruch des unsterblichen Canning: „bürgerliche und religiöse Freiheit über die ganze Welt" auch für sie eine Wahrheit werden." Aus Buieru, 2. April. Es ist Ihnen bekannt, daß unsere Staatsregierung nicht blos die Theilnahme an der Advokatenversammlung, sondern auch an der Gustav Adolf's-Stiftung untersagt hat. Es könnte daher noch leicht der Fall eintreten, daß auch die Theilnahme an der Rabbinerversammlung verboten würde. Möge auch der Gegenstand ein ganz anderer sein, so dürste doch die Regierung diese Versammlung nicht in gleiche Kategorie mit den Zusammenkünften der Gelehrten stellen. Wir wollen keineswegs selbst eine Scheidungslinie ziehen, aber die Behörde könnte sie aufsuchen und finden. Wenigstens sollen mehre Rabbinen in Baiern dieses fürchten, uud namentlich soll der Rabbiner Dr. Aub zu Baireuth geradezu um die Genehmigung, der Rabbmervecsammlung beiwohnen zu dürfen, bei der Regierung nachgesucht haben. Königsberg, ö. Marz. (D.AZ.) Wenn es eine der Hauptaufgaben der Zeit ist, der gänzlichen Verarmung und dem Verbrechen vorzubeugen3 wenn nicht zu laugnen ist, daß Arbeitsamkeit einen der mächtigsten Hebel dieser Vorbeugung ausmacht: so macht derjenige sich am meisten um die niedrige Volksklasse verdient, der ihr die meiste Gelegenheit zu dauernder Beschäftigung verschafft. Eine solche feste Versorgungsanstalt für arbeite same Familienvater der untern Voltsklasse ist hier die Pollack'sche Dampf-Zuckersiederei, unstreitig die großartigste Fabrik unserer Provinz. Der Begründer derselben, der nunmehr in London verstorbene Kaufmann H. Pollack, hatte sie in ihrer ursprünglichen Gestalt im eigentlichen Sinn aus dem Nichts geschaffen. Er hatte — wie sich erst in diesen Tagen ein königsberger Volksblatt ausdrückt — kein anderes Kapital als einen klugen und zugleich gemeinnützigen Gedanken, bei dessen Verwirklichung sich ihm aber unsägliche Hindernisse in den.Weg stelltenderen Ueberwindung und die Erhebung der Fabrik zu einer der ersten des preußischen Staats ihm einen dauernden Namen in der Geschichte der Industrie unserer Provinz sichert. Sehr häufig wird von den Lehrern der Sraatsindustrie an unfern Hochschulen in den Kollegien diese große Fabrik als Muster erwähnt. Vor etwa drei Decennien ins Leben gerufen, erstrecken sich jetzt die Pollack'schen Fabrikgebäude in einer Länge von 1800 Fuß hin und umfassen zwei selbstständig neben einander bestehende Dampfzuckerfiedereien, deren eine erst kürzlich in Gegenwart der obersten Behörden der Stadt feierlich eingeweiht wurde, nebst einem, am Schloßteich belegenen Dampswasserhebewerke, das durch kunstvolle, 1600 Fuß lange unterirdische Rohrleitungen mit dem Hauptgebäude in Verbindung gesetzt ist. Das ganze Etablissement, jetzt unter der Leitung von H. Pollack's Erben, zu denen namentlich die sehr thätigen und industriösen Söhne gehören *), beschäftigt an 250 Arbeiter und mag wohl jährlich die bedeutende Summe von 400,000 Thlr. Steuer an den Staat zu entrichten haben. Die Mutter dieser Söhne, Madame Debora Pollak, die Hauptmitleiterin dieses großartigen Geschäfts, ist eine der tüchtigsten Geschäftsfrauen und dabei von inniger Religiosität und von hingebendem Wohlthätigkeitssinne gegen Arme und Dürftige beseelt. Die Fabrikate sind so vorzüglich und dabei so billig, daß die sechs siedenden Dampfkessel und eben so viel rauchende Schornsteine kaum hinreichen, die nach allen Richtungen der preußischen Monarchie und weit über die Grenzen derselben hinaus fortwährend zu versendenden Maaren hinlänglich zu beschaffen. Mit Freuden stimmen wir daher in den Wunsch des Oberpräsidenten Bötticher ein, den er neulich bei der am 19. Febr. stattgesundenen Eröffnung der zweiten Dampffabnk, als Erwiderung auf den von einem der Söhne ausgebrachten Toast auf das Wohl des Königs ausspcach, „daß nämlich der Geist des Mannes, der früher in diesen Räumen wohnte- und der zuerst den Grundstein zu diesem großartigen Werke legte, auch auf die Erben übergehen möge, damit dieses Institut auch ferner ein segensreiches und heilbringendes für die Stadt und die Provinz werde." Dieselbe Theilnahme bezeugten auch die anwesenden Chefs der übrigen hohen Behörden, und es schienen überhaupt Alle, die an dem Tage das merkwürdige Etablissement zu besichtigen kamen, eben so überrascht als zufciedenge- ") Der jüngste derselben (Adolph), der in Leipzig die Handelsschule besuchte und beim Red. dieses Blattes erzogen wurde, ein tüchtiger und gewandter junger Mann, ist jetzt Kassirer dieses großartigen Geschäfts und wird später Mitdirektor deffelben. Korr.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.