Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 14 (2.4.1844)
- Date
- 1844-04-02
- Page
- Spalte 221-222 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Lazzerchof in der Judengasse zu Wien. 222 Vil unö hat er ein alt zerrissenes Stück Gewand um schwer erworbenes Geld erhandelt, und hat er Schimpf und Schande ohne Murren erduldet, um der Noth und dem Elende zu entgehen, dann will er hier das im Schweiße seines Angesichtes Erschacherte für den Profit weniger Groschen verkaufen, aber es steht da eine Tafel, neben der Tafel steht ein Polizeischerge, und auf der Tafel steht geschrieben, daß das „Herumstehen" verboten sei! Und der Jude, wenn er ein gescheuter Jude ist, fragt sich: was besser sei, ein Jude zu sein, oder den Muth zum Leben zu verlieren? Aber es tönen ihm warnend in die Ohren die Lehren seiner Kindheit, und er erinnert sich, wie der Rabbi mit dem weißen Barte zu ihm gesagt: „Du mußt leben,- und um zu leben, mußt Du schachern, mußt Du Schande und Spott erdulden. Denn wenn Du Schande und Spott duldest, so wirst du Geld verdienen, und wenn Du Geld verdient hast, so wirst Du geachtet und geliebt von Deinen christlichen Mitbrüdern. Darum sei Geld Dein einziges Streben, an Geld denke zu jeder Stunde des Tages, Dein ganzes Leben löse sich in dem einzigen Worte — Geld auf!" Und der Jude fühlt, daß es so sein müsse auf der schönen Erde Gottes, wo uns alle bürgerlichen Gewerbe zu gleichen Theilen gehören sollen; er weiß, daß er ein Fremder, ein Unglücklicher, ein Heimathloser; er weiß, daß seit zweitausend Jahren, Judäa nicht mehr ist, daß vom Anfang bis zum Niedergang die Söhne Abraham's, Jsaak's und Jakob's zerstreut und ohne Kraft leben, und er geht hin mit dem Haß und der Verzweiflung im Herzen und — schachert, wo keine Tafel das „Stehen" verbietet. Der Jude hat aber schlechte Geschäfte gemacht: er hat nichts, gar nichts verdient. Der Lazzenhof war sein Asyl; dort in den dunkeln Winkelgewölben hat er verkauft, was er zu verkaufen gehabt, dort hatte er verdient, was sein und der Seinigen kümmerliches Dasein fristet. Und der Jude kommt spät Nachts nach Hause, wirft das Bündel vom Rücken, und sein krankes hungriges Weib sieht die trüben Mienen des Mannes mit großer Bekümmerniß. Die vielen hungerigen Kinder stürzen sich auf das Bündel und suchen darin nach Brod. Der Jude aber hat gar nichts gebracht, denn der Jude hat nichts, nicht einemmal Brod! — Und Mann und Weib und Kinder legen sich hungrig auf's harte Lager. Der Jude aber kann nicht schlafen. Er wälzt sich siebensch an der Seite seines schwer athmenden Weibes und betet: „Gelobt sei der Name des Ewigen! Es kommt schweres Leid über mein Haupt. Im Lazzenhof haben sie hingchängt eine große Tafel, und auf der Tafel steht geschrieben, daß man nicht handeln und schachern soll. Schachern und handeln muß aber der Jude, denn was soll der Jude anders thun, als handeln und schachern, wenn er nicht verhungern will? 2ch werde aber verhungern, und mit mir werden verhungern Weib und Kind, denn im Lazzenhof ist uns das „Stehen" verboten. Der Name des Ewigen sei gelobt! Er war es, der uns aus Mizrajim geführt; wen er segnet, der ist gesegnet, und wen er flucht, der ist verflucht!" Darum gräbt sich immer tiefer in das Herz des Juden das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, und neben dem Gefühle der Hoffnungslosigkeit, neben den drückenden Qualen, neben dem physischen und geistigen Schmerz muß er doch den Muth zum Leben behalten! Und er lebt für das Leben, denn das Leben ist doch so schön, denn das Leben ist das Einzige, was der arme Jude nebst seinem Elende hat, und er lebt ein feiges Leben, ein Leben voll Schwäche und Entsagung, denn er ist ein armer Jude, ein sehr armer Jude! Er ist so arm, daß er nicht einmal die Bagatelle von vier Gulden Siibermünze täglich zahlen kann, um sich und den Seinigen das Recht und die Duldung zu erkaufen, innerhalb der Grenzen der Stadt auf hartem Stroh zu schlafen! — Weib und Kind schleppen sich nun bettelnd in das ferne Dorf, von dannen sie gekommen, weit der Hunger so wehe that, und der alte Jude wandert täglich vor die Stadt hinaus, denn vor der Stadt ist jedem Juden gestattet zu athmen. Dort im ärmlichen Wirthshause „zum Rehbock" streckt er seinen müden und abgemagerten Leichnam auf ein dürftiges Lager; denn der arme Jude hat in seiner trostlosen Lage keinen andern Muth, als den Muth der Ergebung unter den Druck der Gesetze. Mit des Morgens Grauen verläßt der Jude schon sein kümmerliches Lager, wäscht sich und betet, betet mit verzweiflungsvoller Jnnbrunst in der Sprache Jehova's, in der Sprache seiner Väter, und freudenloser Trost senkt sich in sein bekümmertes Herz; denn Königreiche kamen und gingen, Religionen entstanden und verschwanden, nur die Bibel, dieses Buch aller Bücher, ging mitten durch flammende Scheiterhaufen, Jnqusitionsgerichte und österreichische Polizei, mitten durch die emancipationsüchtigen Neuerungen der Heutezeit und der Wiener Eensur unversehrt hindurch! Und der Jude hält daran mit eisernem Glauben, und dieser Glaube steigere sich bis zum fanatischen Egoismus! Er weiß, daß die Gesetze Mosis durch Jahrtausende hindurch sich im Kampfe mit der Welt behauptet, er weiß, daß der Gott des alten Bundes in seiner Bibel lebt, darum betet er, wie der Unglückliche betet, mit der wüthenden Angst der Verzweiflung und der ängstlichen Sorge um das Leben!!! Wenn der Jude gebetet hat, ergreift er sein Bündel und will zur Stadt. Aber die polizeilichen Blauröcke an den schwarzgelben Schranken verweigern ihm den Passirschein, einen Paffirscheiu, der nur für einen Tag Aufenthalt gilt, und den jeder Betrler bekommt, wenn er gerade kein Jude ist. Der Jude Lehrt betrübt um. Wenn er kein Jude wäre, wenn er sich nicht von der Vergeblichkeit jeder Bitte überzeugt hätte, wenn er nicht durch seine leidenreiche Existenz niedergedrückt wäre, so würde er wenigstens innerlich empört sein, oder er würde dem Blaurock ehrerbietigst sagen: „Dürste ich wohl so frei sein,