Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1844)
- Date
- 1844-04-02
- Page
- Seite 108 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Stettin, 8. Marz. Es wird hier ernstlich daran gearbeitet, Kunden für das Christenthum zu werben, ja es wird darauf hingearbeitet, die Juden in's Himmelreich zu spediren; man gönnt ihnen wohl den Himmel aber — nicht die Erde, denn der „christliche Staat" spukt in den Köpfen, und man vergißt an das bekannte „mein Reich ist nicht von dieser Welt". — Doch zur Sache. Es ward hier nämlich vor einiger Zeit, und zwar, wie ich glaube, zum ersten Male, eine Predigt „zur Beförderung des Christenthums unter den Juden" gehalten, und wie sich der eifrige Volkslehrer darin ausgesprochen, werden Sie wohl am Besten aus beifolgendem Exemplar der „Israels Hoheit, Fall und Wiederaufrichtung" benannten Predigt ersehen* *). Aber der Rabbiner hiesiger Gemeinde, Hr. Dr. Meise l, blieb auch nicht müßig, und hielt kurz darauf über dasselbeThema eine Predigt; auch von dieser erfolgt ein Exempl. beigehend, mit dem Ersuchen, beide Predigten in Ihrem geschätzten Literaturblatte zu recensiren. — Merkwürdigerweise ist dabei sowohl , in unserm Orte wie in der ganzen Provinz das Publikum der Judenemancipation nicht abgeneigt; denn nicht nur daß in un-- serm Orte, wo erst seit 1812 Juden wohnen dürfen, ein Jude zum Stadtverordneten erwählt worden, sondern auch in der Provinz sind fast in jeder Stadt Kommunalämter mit Juden besetzt. — Die hiesigen Behörden, namentlich die hiesige Kö: nigliche Regierung, thut alles Mögliche, um die Angelegenheiten der Juden in ihrem Bezirke zu odnen; so hat dieselbe vor Kurzem eine Ergänzung des Statuts ber hiesigen jüdischen Gemeinde ohne Weiteres bestätigt, und werden Sie aus beifolgendem Exemplar derselben ersehen, wie sehr geordnet dadurch die Verwaltungsangelegenheiten der Gemeinde geworden sind *). -- Auch Einzelne gebildete Christen bemühen sich hier um die Emancipation der Juden; so hat vor einigen Tagen Hr. Dr. Sch...,, im Schützenveceine der Handlungsgehilfen eine sehr schone Vorlesung über Emancipation der Juden gehalten. — In den hier erscheinenden „Börsennachrichten der Ostsee" war vor einiger Zeit ein intoleranter Aufsatz über „Judenemancipation" erschienen; derselbe hat mehre Entgegnungen hervorgerufen, unter andern auch eine, welcher der Consor das Imprimatur verweigerte, und so liegt die Sache jetzt dem Obercensurgerichte zur Entscheidung vor, sobald solche erfolgt, theile ich Ihnen sowohl das fragliche Börsenblatt wie die Entscheidung mit. -- Hildburghausen, 20. Marz. In vielen Zei¬?) Wir werden im LB. dieselbe besprechen, wie über die Gegenpredigt des Hrn. Dr. Meisel berichten« Red. *) Ueber diese „Ergänzungen des Statuts der israelitischen Gemeinde zu Stettin" (Stettin, 1844. 4.) werde ich nächstens das Nähere mitthellern Red. tungen wurde die Klage geführt, daß die Juden durch ihren Handel und Schacher die Sonntagsfeier stören. Die Juden können durchaus nicht emancipirt werden, ist der Schlußrefrain dieser Klagen. Sollte diese Klage auch begründet sein, so tragen die Christen ebenso gut einen Theil der Schuld wie die Juden. Man wird doch die Juden nicht für lauter „Verfüher" ansehen. Oesterreich. Prag, 12. Marz. Dir christliche und jüdische Konfession unserer Stadt, im Leben so streng gesondert und von einander geschieden, hat sich heute beim Leichenzug des Schuldirektors Waniczek vereinigt. Die Schuljugend, das Lehrerpersonal, der Gemeindevorstand, Juden und Christen zogen feierlich auf den Kirchhof, wo allerdings eine Gleichstellung stattfand — und der Religionslehrer, Hr. Dr. .Wessely hielt am Grabe des Verewigten eine kurze treffliche Rede, welche das langjährige Wirken des Direktors zum Gegenstände hatte. — Die Jud en fl ei sch k reuz er, deren Aushebung in Aussicht stand, wird, durch die Bemühungen der Steuerpächter, wahrscheinlich fortbestehen! Die Reichen gehen den Weg alles Fleisches und kümmern sich natürlich wenig darum, ob der Arme sein Koscherfleisch theuerec bezahlen muß, als sie. Arme jüdische Lastträger, deren es bei uns viele gibt, müssen, wenn sie am Sabbat Fleisch essen wollen, für die jüdischen Freiherren und Adels-Kandidaten, Steuer entrichten. Man muß allerdings unfern Reichen das Recht widerfahren lassen, daß sie sehr wohlthatig und freigebig sind; dies aber rechtfertigt nicht das Bestehen der Fleischkreuzer, deren Druck nur die arme und halbbemittelte Klasse fühlt. Pres^burg, 18. Marz. Eötvös und Zay mren und sind für die Judenemancipation begeistert, Beöthy's hohes Rednerralent und löblicher Gerechtigkeissinn eröffnete den Kampf für die Juden, Graf Andrassy nahm die Partei der fortschreitenden, oder, wie er sich ausdrückte, der reformirren Juden; aber die Judenemancipation in den Freistadten ging bei der letzten Berathung doch nicht durch. Szocheny's Antrag, nur die „recipirten Konfessionen" sotten gleiche Rechte haben, wurde angenommen. Ich sollte eine Jeremiade anstimmen? Nein! die ungarischen Juden, die ungarischen Rabbiner, die ungarischen Gemeindevorstände sollten doch einmal die Einsicht gewonnen haben, daß wir die veralteten Sitten und Gebräuche entfernen und für eine tüchtige Volksbildung sorgen müssen. Weil Hunderttausende von Juden die Schuld Einiger büßen müssen — was auf einem alten Voructheile beruht — sollten auch einzelne Gemeinden vorsichtig und behutsam sein. Und wahrlich es ist eine Schande so tief es uns auch schmerzt, dies zu sagen — daß man hier noch