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Der Orient · 1844-04-02 · Heft 14 (2.4.1844) · p. Seite 107

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 14 (2.4.1844)
Date
1844-04-02
Page
Seite 107 (sequence 5)
Language
German
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107 biefec Zeit wahres Bedürfniß und was uns als überflüssig erscheint, „Nicht das Vorurtheil nur gegen den Juden, sondern die gespenstische Furcht vor freien Institutionen tritt sein Recht und in ihm und den daraus resultirenden Folgen, das der Menschheit nieder," heißt es am Anfänge des Prospektus. Ist auch der Nachsatz ohne Zweifel richtig, so wird uns doch im Vordersätze eine Wichtigkeit — imputirk, an die wir zu unserm Wohle nie glauben mögen; in dem Begriffe „Freiheit" treffen wir wohl mit dem Gegner zusammen, aber; die Ausgangspunkte sind verschieden, und wir schaden sicher unserer guten Sache, wenn wir hier durchaus ein gleiches Princip als vorherrschend finden wollten. Ebenso; wenig halten wir die „Rechtfertigung des Judenthums gegen Angriffe von außen" für nothwendig: es wäre ein Schimpf unseres Jahrhunderts, wenn wir es nicht dem , Unheil des Volkes überlaffen und uns mit bloßer Hin- A deutung begnügen dürften. So viel der Judenfeinde auch sein mögen, so ist ihr Einfluß doch nur gering. Weit mächtiger ist das Vorurtheil, das aus Jahrhun- ' derte langem Druck sich gebildet, die Idiosynkrasie, die daraus entstanden, und besser und zweckmäßiger ist es, dagegen anzukämpfen; eine j üd i sch e Zeitschrift wäre aber schwerlich das passendste Organ dazu. Auch glauben wir " nicht, daß diese Rechtfertigung, oder diese Frage, wenn A sie auf religiösem Gebiete ausgefochten werden sollte, in einem Vernichtungskampf endigen müßte; und der An- A griff statt der Abwehr wäre am allerwenigsten von nöthen; dem wohl kann die Konsequenz neben der Ursache be- ' stehen^; Am liebsten hätten wir dergleichen Aeußerungen in dem Prospektus zu einem Blatte, das sich den Fortschritt und die Vermittlung mit der Zeit zur Auf- gäbe stellt, gar nicht gefunden; denn nicht erst die „neuere . Zeit hat den richtigen Gesichtspunkt für die Duldung anderer Religionsbekennec aufgefunden": der Gesichtspunkt für diese Duldung liegt schon in der Reformation und ist daraus hervorgegangen; einzelne Hindernisse, wie sie namentlich die neue Zeit geschaffen, können wohl aufhalten, aber nicht verdrängen, was in der Zeit liegt. Im weiteren Verlauf werden wir auf den Stand- 1 Punkt des Rechtes geführt, und da wird denn gesagt, daß man den Vorwurf: die Synagoge verbreite unlautere Lehren, zu entkräften suchen müsse. Auch ' dagegen müssen wir mit aller Kraft protestiert; wir wollen und dürfen uns nicht in frühere Zeiten zurückversetzen, müssen vielmehr anerkennen, was in der Umgestaltung der öffentlichen Meinung bewirkt worden ist.-— Da vorstehende Andeutungen durchaus keine Polemik sein sollten, müssen wir denn auch noch hinzufügen, *) Jedenfalls aber dürfte mit demselben Rechte die Folge Uch gegen den Urquell erheben, weil die No th wendigkeit der ersten schon zur allgemeinen Nothwendigkeit gehört i daß die Fortentwickelung des Judenthums eine Aufgabe ist, die in unserer Zeit als die zweckmäßigste erscheint, und was hierüber in dem Prospektus gesagt ist, darf uns zu Hoffnungen berechtigen; denn die Synagoge ist allerdings in einer Krisis, und geht derselben nicht erst entgegen. 14. Marz. Zur nächsten Ostermesse erscheint: „M osesMordechaiBüdinger, Dr. pliil. Lebensbeschreibung eines israelitischen Schulmanns, aus dessen hinterlassmem Tagebuch, und nach ergänzenden Mittheilungen seiner Gattin abgefaßt von Dr. med. S. L. Steinheim." Außer dem Interesse, das die Lebenslaufe eines sich aus niedrigen Verhältnissen emporringenden edlen Geistes erregen, denkt der Verfasser dieser Biographie durch das Sittengemälde jener Zeit des Erwachens und Aufschwunges im Judenthum, sich der Teilnahme der Wohlgesinnten zu versichern. Diese Lebensbeschreibung bietet nämlich einen Abschnitt jener allgemeinen großen Umwandlung dar, die sich in den israelitischen Gemeinden seit einem halben Jahrhunderte ereignet hat, und kann als Musterbild des ganzen sittlichen Umbildungsprocesses betrachtet werden. Zugleich strebte der Verf. dahin, im lebendigen Vorbilde eines trefflichen israelitischen Schulmannes die erhabene Lehre, die er zu feinem Lebensberufe gestellt hatte, seinen Lesern, gelehrten wie ungelehrten, noch einmal mit möglichster Klarheit darzulegen' und die inhaltsschweren Differenzpunkte zwischen ihr und den heidnisch-philosophischen Lehren verwandten Inhalts mit aller Klarheit, deren sie fähig und bedürftig sind, zu umgeben. Daß Letzteres nicht als Nebenzweck anzufehen sein dürfte, wird Jedwedem einleuchten, dem das Ziel bekannt ist, das sich der Verf. in seiner Schriftstellerlaufbahn als Zweck seines Strebens gesetzt hat. Durch gegenwärtige Selbstanzeige will der Autor dieser Biographie seinen verewigten Freund und seine eigenen Bestrebungen vorläufig den günstigen Leser ins Gedachtniß zurückrufen. Der Verf. Berlin, 26. März, Die Dislokaiton der russischen Grenzjuden wird ohne Unterlaß sehr vielfach öffentlich besprochen, was auch zum Theil die Ursache ist, daß man durch die verschiedenartigen Berichte und Konjunkturen über das Wie und Wann in der Zurücknahme des Ukases im Unklaren lebt. So viel ist jedoch gewiß, daß unser Monarch die Maaßregeln des Ukases sehr misbilligt, und daß er bei seinem Schwager, dem Kaiser von Rußland, der im Sommer hier eintrifft, Fürsprache für die Unterdrückten einlegen wird. — Das Schicksal der russischen Juden hat in unserer durchaus prosaischen Zeit dennoch die Poesie angeregt. Im „Telegraph", der allen Juden, Rothschild ausgenommen, zugethan ist, stimmt ein politischer Sänger ein Trauerlied über das Loos der Grenzbewohner an. — 14*

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