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Der Orient · 1844-03-26 · 13 (26.3.1844) · p. Spalte 203-204

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
13 (26.3.1844)
Date
1844-03-26
Page
Spalte 203-204 (sequence 6)
Language
German
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203 Studien. Literarische Analekten. m sehr der Einsicht unserer Regierungen und Gemeinden vertraue, als daß ich sie. einer solchen unbegründeten Schlußfolge könnte fähig halten. Es wird allerdings nicht fehlen an böswilligen Anklägern — hie und da mag auch ein schwaches Gemüth ihnen Glauben schenken — die da rufen werden: sehet da die Absichten und die Früchte der Reform- Bestrebungen , das Ende und Ziel des sogenannten Läuterns und Besserns im Reiche der Religion: vorerst werden die äußern Umzäunungen angegriffen und eingerissen, sodann legt man dreist die Maurerbrecher an das alte ehrwürdige Gebäude der Offenbarung selbst, um es zu erschüttern, es nie-, derzuwerfen! — Diese ungerechten Vorwürfe abzuweisen, hält nicht schwer. Geschichte und Psychologie können als Zeugen auftreten und es tausendfach bekräftigen, daß Ausschweifungen des Unglaubens zumeist natürliche Folgen des fanatischen Aberglaubens seien; daß, weil hier menschliche Satzungen blindlings vergöttert wurden, dort die göttlichen Gebote selbst sich des gebührenden Ansehens beraubt sehen. Denn hätte man zur rechten Zeit auch immer die rechte Form gewählt, hätte man fortgefabren im Geiste unserer ältesten Synagogenlehrer auf das stets zu achten, was uns Roth thut, fürwahr, dem Verfalle des Glaubens wie dem Abfalle der Gläubigen wäre Einhalt gethan worden; viele Herzen, die abwendig gemacht wurden, wären treu geblieben der Lehre und dem Gesetze von Sinai. Die Schuld, welche man auf unser Haupt wälzt, fällt sonach auf das Haupt derer zurück, die uns anklagen. Darum Weil man starr festhielt, was gesetzlich aufgegeben werden konnte und sollte, wurde vielseitig verworfen, was für immer Bestand haben soll und muß. Umgekehrt, weil man ohne Einsicht und Grund den Verbesserungen, die freudig hätten ausgenommen werden können, den Eingang verwehrte, drängten sich Sitten und Meinungen ein, welchen für immer der Zutrirt in der Gemeinde Israel versagt werden muß. Ich will damit nicht sagen, daß die Sündfluth des Unglaubens durch diese Unbeweglichkeit von der einen Seite allein hervorgenifen wurde; nein, es liegen tiefere Ursachen dieser Verwüstung zu Grunde, aber so viel ist gewiß, daß eine zeitgemäße Veredlung unserer religiösen Institute viele Opfer gerettet hätte, die mit in den Abgrund gestürzt sind. Mit einem Worte, weil man frommen Anforderungen kein Gehör schenkte, wurden irreligiöse Zumuthungen gestellt. — Lassen Sie uns indeß nicht verzagen, *0 Mit den gediegenen Fortschritten unserer theologischen Wissenschaft wird auch der alte Glaube an die Göttlichkeit der Lehre wachsen; mit der wahrhaften Veredlung des religiösen Lebens innerhalb und außerhalb des Gotteshauses wird auch die frühere Anhänglichkeit an die religiösen Institute sich erneuern. Diese Ueberzeugung trägt und hebt mich, von ihr beseelt, fürchte ich. nichts für Israels Lehre, wenn auch Lausende von ihrer Seite fallen, und Myriaden gegen sie ankämpfen. Dagegen stimme ich ganz und gar in die Rüge ein, in welcher Sie die sarkastische Manier tadeln, in welcher der Eine oder der Andere gegen die Reformfreunde kämpfte. Mag auch der Satyre bittere Geißel hie und da mit Fug und Recht gegen das muthwillig sich brüstende Laster geschwungen werden, so ist's doch schonungslos und gefährlich, der Waffe des Spottes sich auch da zu bedienen, wo wir Andersdenkende, in der Wissenschaft oder im Leben, ihres Jrrthums überführen wollen. .Treffend sagen unsere Rabbiner: Nnssn i'jri pin 'hdn Nnuä’b b. Vorzüglich auf dem Wablplatze der Religion sollen Ernst und Liebe stets die Waffen führen, aber fern bleibe Bitterkeit wie Spott, ols des Kampfes unwürdige Geschosse. Sie wissen, m. Fr., wie sehr es mich immer schmerzte, wenn sogenannte Aufgeklärte religiöser Bräuche spotteten, und wären sie auch in Misbräuche ausgeartet, ja sogar Prediger von der Kanzel herab gegen solche Formen und ihre Verehrer auf diese Weise den Krieg eröffneten. Nicht minder beklagenswerth bleibt h, wenn von der sich fromm nennenden Partei mit eben dieser Waffe gegen sogenannte Neuerungen und Neuerer zu Felle gezogen wird. Wollen wir überzeugen und bessern, so rnüjsm wir vor Allem das Herz gewinnen; Hohn und Bitterkeit aber wenden das Herz ab, da ihre Säure krampfhafte Zuckuiigen erregt, und anstatt der gewünschten Einigung und Verständigung nur Auflösung und. Misdeutung erzeugt. Wie gerecht auch der Tadel gegen das Unternehmen der Reformfreunde sei, wie wenig man auch ihren Ansichten beipflichtei'. möge, der Angriff gegen den Verein sei ein der Sache würdiger, die Bekämpfungsweise ernst, ihrem Gegenstände angemessen. — (Fortsetzung folgt.) Literarische Analekten. mg -- Sinn und Bedeutung des Wortes ]•>£, Das Wort 112 ist nach unserm Dafürhalten eine Abbreviatur — rh — von den Wörtern 'w“ WND, und bezeichnet also die christliche Sekte oder vielmehr die Iudenchristen *). Wir führen zur Erhärtung unserer Meinung Folgendes an. In dem ersten Jahrhundert des mischnischen Zeitalters scheim man den Namen und Ausdruck gar nicht gekannt zu haben. Ketzerische Sekten wurden mit den Ausdrücken WLMO, OpTO belegt. Der erste Mschnalehrer, der uns den Namen 2'^Q als Bezeichnung einer ketzerischen 1) Das Ketzerschema des Maimuni im 3. Abschn. von Hilch. Teschuba kann uns, als auf einer rein willkürlichen Annahme, wie schon dessen Kommentatoren andeuten, beruhend, auf keinerlei Weise beirren. — Uebrigens müssen wir hier schon bemerken, daß bereits in Zeiten des Talmuds Sinn und Bedeutung des Wortes 112 verloren gegangen war, wie sich im Lause dieser Untersuchung zeigen wird, somit keinerlei Präjudiz für das rabbinische Iudenthum, auch wenn wir mir unserer Hypothese die Wahrheit getroffen haben, folgt.

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