Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 13 (26.3.1844)
- Date
- 1844-03-26
- Page
- Spalte 201-202 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9890798-9890812--3485-3530195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
201 202 Studien. Briefe über das Judenthum. Bon Dr. Luv. ^ige am wenigsten das Zutrauen des Publikums, der darnach trachtet und geizet. Was unsere Weisen von dem Studium der Lehre sagen, daß Niemand in der ehrgeizigen Absicht, den Mel eines Gelehrten sich zu erwerben, die Tora studiren solle, sondern nur aus reiner, frommer Liebe, und dann werde die ehrende Anerkennung von selbst folgen ^b ~nzDH — das gilt auch von dem Streben nach Vertrauen in jedem wichtigen Berufe, daß wir nie durch unsere Handlungsweise nach Zutrauen haschen, vielmehr in, uneigensüchtiger Absicht unsere Pflichten stets treu erfüllen, und dann wird das Zutrauen von selbst folgen. Wenn nur der Rabbiner, von allem Egoismus fern, aus reiner Liebe zu-Gott und seiner Lehre, mit Ernst und Eifer, Kraft und Ruhe seinem Berufe würdevoll obliegt, und in demselben Ein- und Umsicht mit Muthund Ausdauer verbindet, so muß ihm das Zutrauen wie die Hochachtung derjenigen, welche in sich mit der Liebe zur Wahrheit und Tugend, die Anhänglichkeit an Mosis Lehre vereinigen, zum Lohne werden. Ist das Streben nach Vertrauen eine unwürdige Handlung, so stellt sich als ganz verächtlich heraus jenes Buhlen um den Beifall eines Theiles der Gemeinde, wobei die übrigen Glieder allzumal unbeachtet bleiben. Der festgewurzelten Anhänglichkeit an alte Bräuche, in deren Uebung noch Viele Beseligung finden, höhnen, um den Ehrgeiz nach dem Rufe eines Reformers oder Aufgeklärten zu stillen; oder — was häufiger der Fall ist — den Einflüsterungen einiger fanatisch alle und jede Art Reform verdammenden Männer zu folgen, ohne auf die Stimme der großen Zahl der nach einer Veredlung unserer religiösen Institute sich Sehnenden zu hören — das sind verwerfliche Handlungen, welche das höchste Mistrauen gegen die Person des Geistlichen rechtfertigen. Ein tüchtiger Rabbiner wird ohne in jenem leidigen jusle-mitteu, das mit allen Parteien feilschet, sich zu bewegen, alle Richtungen des religiösen Lebens beachten, indem er auf der Sonnenhöhe der geoffenbarten Lehre sich haltend, von diesem Höhe- und Mittelpunkt aller Wahrheit aus jeder Abirrung belehrend entgegen tritt. — Verzeihen Sie meine Freunde, wenn ich vielleicht über dieses Thema schon zu viel und zu docentenmaßig gesprochen habe. Ihre eigene Schüchternheit und noch mehr der häufige Misbrauch, welcher mit dem Worte „Vertrauen", bezüglich des rabbinischen Berufes, getrieben wird, mögen mir zur Entschuldigung dienen. — Schließlich erkläre ich mich nicht nur bereit, ich danke Ihnen auch dafür, daß Sie einen Briefwechsel zur Besprechung der wichtigsten Angelegenheiten unseres Berufes mit mir unterhalten wollen. Je weniger es dem Rabbiner gegönnt ist, weil die Entfernung der Wohnorte das Zusammentreten erschwert, in häufigen Zusammenkünften, wie dies bei christlichen Geistlichen der Fall ist, durch Ideenaustausch wechselseitig die Ansichten zu berichtigen und die Kenntnisse zu erweitern*); desto willkommener sei uns der schriftliche Verkehr *) Diese Briefe waren bereits in unfern Händen, bevor noch von jährlichen Rabbinerversammlungen die Rede war. D. Red. als ein Surrogat des mündlichen Besprechens; indem die gegenseitige Belehrung unentbehrlich für die Fortbildung in der Wissenschaft ist: i-q-j np^“1 HJ’N Wi* HD H->rra D’o^pno px min. Ich weiß meinen heutigen Brief mit keinem schönern und frommern Wunsch für Sie zu schließen, als mit den Worten Iosua \, 6—8, die Gott an Ihnen erfüllen wolle. Ihr Joseph. Zweiter Brief» „Uebereinstimmendes erfreut und gibt ein befriedigendes Gefühl, daß man das Rechte thue; Abweichendes treibt zur Prüfung des Eigenen wie des Fremden: eine Prüfung, deren Resultat entweder Beharren aus verstärkter Ueberzeugung oder Aendern ist." (K. v. Raumer in der Vorrede zur Geschichte der Pädagogik). — Wenn Ihre Seele, m. Br., wieder Ruhe und Stärke gewonnen, daß Sie mit der frühern frohen Zuversicht auf die zukünftige Wirksamkeit in Ihrem Berufe Hinblicken, so trugen meine Worte zuverläßig am wenigsten zu dieser Beruhigung und Ermuthigung bei, vielmehr verdanken Sie Ihrem eigenen Geiste und Gemüthe, Ihrer frommen Gesinnung in Gott diese Wiederauflebung des gottseligen Muthes und Vertrauens, welche beide nur eine kurze Zeit der ersten Zaghaftigkeit weichen konnten. Das ist ein schönes Merkmal jedes edlen Mannes, daß, wie stark und vorbereitet er auch sei auf seinen wichtigen Berus, auf eine folgenreiche Handlung, dennoch demürhigende Schüchternheit sich seiner bemächtiget, sobald die Stunde zur Uebernahwe des gewählten Berufes, zur Ausführung der bedeutenden Handlung nahet. — Allein ein neues Schreckbild stellte sich vor Ihre Seele hin, das Auftreten der Frankfurter Reformfreunde. Sie geben der Besorgniß Raum, mein Bester, es möchte dieses Manifest der drei Glaubens- oder vielmehr Nichtglaubens-Artikel der begonnenen, innerhalb der Grenzen der Positivität sich haltenden Reform des Israelitenrhums Eintrag thun. In dieser Furcht stellen Sie die Fragen auf: „Könnten nicht vielleicht viele Israeliten, deren Glaube an die Lehre Mosis fest und unerschüttert ist, und die aus diesem Grunde der bisherigen .Reformen von Seiten der Rabbinen, sich freuten, jetzt, da sie solche Uebergriffe merken, eingeschüchtert werden? Oder ist's nicht wahrscheinlich, daß manche Negierung, welcher man von hyperorthodoxer Sette aus längst schon alle Reformbestrebungen in der schwärzesten Farbe gemalt, nur mit noch größerem Mistrauen auf jede Läuterung und Hebung unserer Lehre und unseres Kultus sehen? Kurz, sollte nicht dem Aufschwünge des in der Wissenschaft und in dem Gottesdienste neu erwachten Lebens, Stillstand, oder gar Rückschreiten, hier geboten, dort gewünscht werden?" Diese Furcht (heile ich nicht mit Ihnen, weil ich zu