Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 13 (26.3.1844)
- Date
- 1844-03-26
- Page
- Spalte 199-200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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199 Studien. Briefe über das Judenthum. Won Dr. I. Aub. 200 der Zeit gedachten, da Sie das geistliche Amt unter Israel, auf welches Sie sich mit vielem Eifer und Ernste vorbereiteten, antreten werden, desto erklärlicher erscheint mir die Ihnen auffallende, Sie ehrende Schüchternheit, die sich nun, an der Schwelle des Eintrittes in diesen hochwichtigen Wirkungskreis, Ihrer Seele bemächtigte — „Woher — fragen Sie — diese bange Scheu? Wie soll ich mir deuten diese fast kindische Furcht? Gab ich mir doch alle Mühe, war es doch mein rastloses Studium, mich mit dieses Berufes erhabener Aufgabe ün Allgemeinen, mit dessen Wichtigkeit und Schwierigkeit in unseren Lagen insbesondere vertraut zu machen! Dachte ich doch immer und bis heute mit derselben erhebenden und kräftigenden Liebe an die Beschwerden und Gefahren, wie an die Segnungen und Fruchte dieses heiligen Wirkungskreises! Und nun auf einmal diese mich niederdrückende Aengstlichkeit!" Nehmen Sie, meine Freunde, Ihre Fragen als Antworten, d.. h., sehen Sie in dem Bewußtsein dessen, was Sie sind und wollen, in den Kenntnissen, welche Sie für den Stand eines Rabbiners gesammelt, in der Liebe, welche Sie antreibt, schone Saat auf diesem Felde auszustreuen — Umstänve, welche Ihnen das nun plötzlich eingetretene Zagen rathselhaft machen — sehen Sie gerade hierin die Ursachen Ihrer jetzigen Gemüthsstimmung. Wären Ihnen Wissenschaft und Leben des Iudenthums fremd, sähen Sie die Kluft nicht, welche in der Jetztzeit zwischen beiden sich geöffnet, wüßten Sie nicht, wie schwer und mühevoll es halte, beide wiederum mit einander auszugleichen und zu vereinigen, oder nach der Lehre das Leben zu bilden und für das Leben die Lehre wirksam zu machen; — gewiß träten Sie dann sorglos und ruhigen Herzens in das geistliche Amt ein, über die gefährlichsten Punkte geschloffenen Auges wie ein Nachtwandler, wegschreitend, ohne die Gefahr zu ahnen, bis diese Sie unversehens aufschreckt und niederbeugt. Oder gesetzt, diese Verhältnisse allzumal wären Ihnen wohlbekannt, die ganze Sachlage läge offen vor Ihren Augen, es herrschte jedoch in Ihrem Innern kalte Gleichgültigkeit gegen den Beruf, welchen Sie übernehmen, Sie wollten — unbekümmert um Israels göttliche Lehre und heilige Bestimmung — durch Ihr Amt und in Ihrem Amte nichts weiter erreichen, als die spärlichen Sustentationsmittel zur Fristung des eigenen Lebens und zur Ernährung einer Familie; — bestimmt würden Sie dann ohne Furcht und Grauen die angewiesene Stelle übernehmen, gesichert, daß Ihnen das werde, wonach Sie verlangen, und unbesorgt um das, was von Ihnen verlangt wird. — Sie meinen indessen, hinter dieser Schüchternheit läge die versteckte Furcht, daß Sie das Vertrauen der Gemeinde entweder gar nie erlangen, oder wenigstens nicht fortan sich erhalten können. — „Wie ist's möglich rufen Sie mir zu — segensreich zu wirken ohne dm Besitz des Vertrauens? Wie denkbar, Vertrauen zu gewinnen und in dessen ungeschmälertem Besitze sich zu behaupten, unter schroff sich entgegenstehenden Parteien, von denen der eine Lheil sogleich Mistrauen hegt, sobald der andere Lheil Zutrauen schenkt?" Dieses Räthsel wird Ihnen, meine Brüder, die Erfahrung lösen. Je länger Sie im Amte stehen, je mehr wird Ihre Wesorgniß weichen. Denn, Gott sei Dank, stehen sich in der Wirklichkeit des Lebens die Parteien gar nicht so bitter und feindlich gegenüber, als uns dieser Gegensatz und Kampf in dem Fernrohre der Theorie erscheint. Täglich geringer erscheint die Zahl derjenigen, welche bei der Abschaffung des anerkanntesten Misbrauches, bei der Einführung der heilsamsten Besserung im Gottesdienste, ein Zetergeschrei erheben, als sei der Religion heiliger Tempel in Gefahr; immer mehr verhallt die Summe falscher Aufklärung, welche alles Eigenthümliche und Charakteristische des positiven Iudenthums abgestreist wissen möchte, so daß eine sichere, mäßig fortschreitende, auf die Lehren und Gesetze unserer Religion sich gründende, die Umstände der Zeit weise erwägende, des Geistes wie des Gemürhes Bedürfnisse wohl beherzigende Reform, zumal des Kultus, in dem Herzen aller wahrhaft Frommen Anklang findet. Zwar fehlt es nicht an traurigen Beispielen, daß bald hier, wo ein Rabbiner gar nicht Hand anlegt, um dem Verfalle des Kultus, durch zweckmäßige Veredlung und Hebung Einhalt zu thun, ein großer würdiger Theil der Gemeinde von der Stätte heiliger Andacht sich völlig zurückzieht; bald dort, wo ein Rabbiner mit zweischneidigem Messer einsichts- und rücksichtslos wegschneidet, was seinem Verstände nicht mehr zusagt, die fromme Schaar der Betenden aus dem Heiligthume sich verscheucht flehet. Aber haben wir nicht dagegen eine größere Menge erhebender und aufmunterndkr Beispiele, daß durch Rabbiner, aus deren Munde die Lehre der Wahrheit gehört wird, und deren Wandel voll Frieden und gerade ist, das lange Zeit leer gestandene Gotteshaus mit der zunehmenden Schaar der Andächtigen sich wieder fülle, daß die verschiedenen Parteien und Ansichten einander näher rücken, sogar in dem Herzen mancher Indifferenten die Flamme ^warmer Liebe für den Glauben der Väter wieder angefacht werde? Möge daher — ich beschwöre Sie bei der Göttlichkeit und Ewigkeit unserer Religion — die Gespenstersurcht vor dem etwaigen Verluste des Vertrauens Sie nimmermehr in Ihrer Wirksamkeit lähmen! Denn leider dient diese oft angerühmte, noch öfter unrühmliche Vorsicht den Schwachen und Heuchlern als Vorwand zur Unthätigkeit. Wunderbar erklären diese Herren, man könne nichts wirken ohne Zutrauen, und wollen nichts wirken, um das Zutrauen nicht zu verlieren! Wozu aber ein Vertrauen, dessen man nie gebrauchen will? Auch entbehrt diese An- und Vorgabe aller Begründung. Denn durch furchtsame oder gar berechnete Uutha'tigkeit wird Zutrauen nie und nimmer erworben, weil Unthätigkeit eine Passivität, eine Schwäche ist, und aus Schwaches Niemand Vertrauen setzt: Wer die Hände in den Schoost legt, wo es der Arbeit die Menge giebt, der zieht sich die Verachtung aller Edeln zu, und wo Achtung fehlt, da kann Zutrauen nicht walten. Ueberhaupt verdient derje-