Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1844)
- Date
- 1844-03-26
- Page
- Seite 102 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 102 - Polen und Rußland. Polnische Grenze, 1. Marz. Unsere Regierung muß es in der That darauf abgesehen haben, die Juden auf jede Weise zu beschranken. Man sage ja nicht, daß der Zepter unserer Regierung überhaupt eine drohende Zuchtruthe für alle Unterthanen sei, daß überhaupt Furcht und Schrecken die Stützen ihres Thrones ausw.achen; die strengen Maaßregeln gegen die Juden nehmen seit kurzer Zeit so überhand, daß wohl ein anderes Princip die geheimen Triebfedern des russischen Kadinets gegen die Juden in Bewegung setzen müsse. Da hat wieder der Minister des Innern an alle Gouvernementschefs den Befehl ergehen lassen, den Juden fernerhin die Eclaubniß nach Moskau zu reisen zu versagen. Früher konnten nämlich diejenigen Juden, welche zur Erlangung ihrer Gesundheit der Stadt Moskau bedurften, auch darin verweilen. Da nun aber in unserer Gesetzgebung kein Gesetz von Reisen der Juden nach Moskau spricht, so möge es auch dabei verbleiben! WTohrloW, 29. Febr. Den Zeitungsnachrichten von einer bedeutenden Mildernng der Maaßregeln gegen unsere jüdische Bevölkerung wird bis jetzt bei uns noch wenig Vertrauen geschenkt) vielmehr wissen wir aus zuverlässiger Quelle, daß die bisher stattgehabten Verwendungen für die Hebräer nur von sehr geringem Erfolge waren. 1) Die Fristverlängerung zum Verkauf der Hauser bleibt ohne Nutzen, weil bei der bevorstehenden Entvölkerung der Gegend das Grundeigenlhum keine Käufer findet. 2) Unsere Behörden sind noch sehr zweifelhaft darüber, ob die Juden während der ihnen gestatteten Frist, provisorisch in ihren bisherigen Heimathsorten verbleiben dürfen, oder ob sie jedenfalls sofort translokirt werden sollen und die Frist sich demnach blos aus den Verkauf der Hauser (von der Ferne aus) bezieht. 3) Der fünfjährige Steuerlaß beträgt jährlich nicht mehr als ungefähr Thlr. preuß. Cour. 4) Das freie Bauholz endlich ist für sie ohne allen effektiven Werth, indem die betr. Waldungen, in denen solches gefällt werden darf, von ihren Wohnorten so sehr weit entfernt sind, daß die darauf erwachsenden Kosten den Werth des Holzes übersteigen. — Ein neues Unglück ist über die jüdischen Bewohner des Städtchens Amczislow, diesseitigen Gouvernements, verhängt worden. Vor etwa fünf Wochen hatte man nämlich dort eine Paimka (Schmuggelei-, wobei einige Juden betheiligt waren, entdeckt. Der Fall wurde sofort direkt nach St. Petersburg berichtet, und in Folge dessen ist heute bei dem hiesigen Gouverneur der Befehl eingetroffen, sammtliche jüdische Bewohner von Amczislow unter Kriegsgericht (unter das Martialgesetz) zu stellen und vorläufig den zehnten Kopf jeder verschriebenen (?) männlichen Seele, ohne Unterschied des Alters und Standes sofort als Rekruten abzugeben. Bei der Strenge dieses Befehls glaubt man weder an dessen Milderung noch an einen Aufschub seiner Ausführung. F- O.-P. Z. Paris, 14. März. Die „Times" und dos „Journal des Döb'ats" nehmen sich der Juden an der russ. Grenze sehr kräftig an. Sie stellen die Versetzungen und Verpflanzungen von der Grenze in das Innere des Reiches mit den barbarischsten Zügen der barbarischsten Jahrhunderte, mit den despotischen Be-! fehlen der grausamsten Perserkönige und Römerkaisec zusammen. Das Journ. des D6b. erinnert daran, daß selbst bei dem Widerruf des Edikts von Nantes den Protestanten wenigstens die Auswanderung erlaubt gewesen sei. — Baron non Rothschild sott in dersel- \ den Angelegenheit mit Guiz ol eine Unterredung gehabt haben. — Den Karäern wird durch eine vom russ. Kaiser gebilligte Verfügung des Reichsrathes der An-! spruch auf Erlangung des Ehrenbürgerrechts eingeräumt, j Ueberall wird der Talmud, den keine Regierung genau j kennt, verdammt. Es wäre in der That Zeit, dem j christlichen Publikum den wahren Talmud zu zeigen, j Nordamerika. St. Thomas. Ueber den Zustand der Juden j von St. Thomas schreibt Hr. Benjamin Eohen i Earillon an den Redakteur des „Occident" Folgendes: j „Als ich hier anlangte, fand ich die Gemeinde gegen fünfhundert Seelen stark', sie wird aber mit jedem Tage ' zahlreicher. Wir haben hier Juden aus allen Weltteilen, Franzosen, Engländer, Holländer rc. In den ersten Jahren war der religiöse Geist fast ganz verschwunden; aber, Dank sei Gott, er lebt jetzt wieder auf. Viele,! die sonst den Sabbat nicht feierten, thuen es jetzt, und jede Woche gewinnt die Synagoge an Besuchern.! Ich kann Hrn. Aaron Wolfs, den Vorsteher der! Gemeinde, nicht genug loben. Er hat eine Sonntags-! schule gegründet, worin die jüdische Jugend den Religions- I unterricht erhält. Ihr „Katechismus für junge Kinder" | wird, als der beste, den es in englischer Sprache giebt, dem Unterrichte zum Grunde gelegt. Wir haben ferner ein Gesetz entworfen, das vom König sanktionirt wurde, „daß alle Kinder, sobald sie das vierzehnte Jahr erreicht, konft'rmirt werden sollen;" und zu diesem Ende habe ich eine Konsirmationsschrift verfaßt. ... Alle Geschenke sind, mit Ausnahme, wenn man zur Tora gerufen wird (rlmi called to Sepher), abgeschafft, und wahrend des Gottesdienstes herrscht die größte Ordnung in der Synagoge. Da nur wenige von den Kindern die heilige Sprache lesen konnten, gründete ich eine Schule, wo ich das Hebräische gratis lehre, und in einem Jahre hoffe ich, unter dem Beistände Gottes, alle Kinder in den Stand gesetzt zu sehen, an dem Gottesdienste theilnehmen zu können.