Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1844)
- Date
- 1844-03-19
- Page
- Seite 95 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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95 bcu ohnedies sehr geneigt ist, so verursachen oft derlei Neibun-; gen eine nicht sobald auszufüllende Kluft zwischen den früher! befreundeten Familien, führen ewige Zwietracht, besonders in ^den Kleinstädten herbei, und da täglich die unbedeutendsten : Wstände bei dem ewigen Mistrauen neues Oel in die Flammen gießen, so giebt es immer stürmische und possirliche Auftritte in den Gemeindesitzungen und Hader bei allen Zusammenkünften. Um nun friedliche Ausgleichung der kämpfenden Parteien herbeizuführen, und um zugleich einen größeren Aufschwung in die gährenden Theile zu bringen, wurde bald eine allgemeine Synode, bald eine der französischen ähnliche Konsistorial-Verfassung vorgeschlagen. Ich meine, dergleichen christliches) Einrichtungen sollte man vollends aufgeben, nicht nur, weil sie christlich sind, sondern vielmehr weil sie ebendarum : unvernünftig sind. Die jüdische Religion ist rem republikanisch, kann also Zwang, welcher Natur immer, durchaus nicht ' vertragen. Auch beruhte das Ansehen der gefeiertesten Männer Sinter uns höchst selten auf Rang und äußerer Würde; nur durch die Erhabenheit des eigenen Fluges gelangte man bei ‘ uns in den Tempel des Ruhmes. Viel angemessener wären Zeitungen, die auch aus vielen andern Rücksichten segensreich bestehen konnten. lieber die Sittlichkeit bei uns kann ich Ihnen aber das Erfreuliche mittheilen, wodurch sich die Juden aller Nationen sv vortheilhaft auszeichnen. Die Strafgerichte aller Orten und aller.Arten können es uns bezeugen, daß verhältnißmä'ßig weniger Verbrecher des jüdischen Stammes vor ihren Schranh\\ erscheinen und verdammt werden; — noch immer sind --wir unbefleckt von dem fürchterlichsten Schandmahle der jetzigen Menschheit, das besonders unser Vaterland so verhaßlicht, ich / meine den Trunk. Die deutschen, vorzüglich böhmischen und mährischen Büchermorten, die mit wahrem Seelenvergnügen über Ungarn ichimpfen, haben der Welt von dem Zustande der Wissenschaften m Ungarn ein gar abschreckendes Bild entworfen, und wenn ' Sie Ihr Schicksal mit solch klassich gebildeten, aber menschheitlich verwahrlosten Leuten zusammengebracht, so haben Sie gewiß von den unwissenden rauhen Magyaren genug gehört. Steht es mir auch nicht zu, meinem Vaterlande eine Lobrede zu halten, so finde ich mich dennoch veranlaßt, so oft cs mir möglich, dergleichen böswillig ausgestreute Vorurtheile; Zu zerstreuen, und wenigstens aufmerksam zu machen, daß vor Allem man gerade nicht alle Wissenschaften ausgenommen haben muß, uni zu den Gebildeteren gerechnet zu werden, und daß : die wahre Herzensbildung, die echte Veredelung bei uns eher anzutreffen, als bei unfern Gegnern, denen ihr vieles Wissen so gar nichts nützt. Auch wir Juden sind in keiner Hinsicht zurückgeblieben, wir streben täglich weiter zu gelangen, und besonders wenden wir unsere Sorgfalt' für den Augenblick f Zu befördern, wie unsere Ketten gesprengt, und wie wir Hand an das grosse Werk legen können, dessen Zweck: Emanzipation der Menschheit. In frühern Zeiten war jüdisches Wissen der nnzige Zweig der Erlaubniß, der bei uns aber mit großer Sorgfalt gepflegt wurde; jetzt werden mehr und mehr alle betrieben. Die täglich neu entstehenden Volksschulen bringen Bildung in die Menge, und verbreiten die ungarische Sprache allenthalben. Unter den Kaufleuten findet man ihren Bedürfnissen gemäß tüchtig geschickte; die große Anzahl Aerzte macht einen Stand mehr oder minder gelehrter Männer aus, und, obwohl das. jüdische Wesen verbergend, haben sie doch das Ansehen des Stammes, dem sie entsprossen, bedeutend; die Rabbinen zählen unter sich schon einige, die sich viel weltliches Wissen eigen gemacht; den Rechten, wiewol man die Juden zur Anwaltschaft schwerlich zuzulassen gesonnen ist, widmen sich auch Viele. — Besonders verlegt man sich auch viel auf Sprachen, und da ohnedies die vielen oft in einem und demselben Orte zugleich herrschenden Landessprachen es dem Kaufmann, Handwerker und Arzte nothwendig machen, drei oder auch mehre Sprachen zugleich geläufig zu sprechen. Aber außerdem findet die französische, italienische, englische und lateinische Sprache viele Verehrer, und die wohlhabenderen Eltern versäumen nicht, ihren lieben Töchtern schon höchst frühzeitig, freilich auch höchst schädlicher Weise, irgend eine fremde Sprache beizubringen. Stets hat der Jude seine dichtetischen Leiden in Musik gesetzt, und daher verehrte er immer diese göttliche Kunst. Auch in Ungarn ist sie nach dem Standpunkt ihrer jetzigen Vollkommenheit mit allen ihren Vortheilen und Nachtheilen eingeführt; nicht minder ist sie in unseren Kreisen beliebt. Manches Genie ist schon aus unserer Mitte in die Welt getreten, und viele bereiten sich vor, die bald Triumphe feiern werden. Ein schönes Zeichen des Ueberganges in das Volk ist auch der Umstand, daß die neuerwachte Nationalmusik unter Juden sehr geschätzt wird, und durch sie schon mit vielen verhältnißmäßig werthvollen Neuigkeiten bereichert wurde. In Verbindung mit der Z^usik steht der Tanz, und da ist überraschend der reißende Fortschrit, den die neuen ungarischen Tänze bei den frohsinnigen Gesellschaften selbst mancher vom ungarischen Treiben durch schlechte Sage übrigens abgeschnittener Gemeinde gemacht. Freilich ist kaum ein edlerer Tanz zu denken als der echte ungarische, und Freiheit, Unabhängigkeit, Menschenwürde, kurz alle höheren Gefühle drücken sich bei keinem Volke edler und reiner aus, als in der ungarischen Weise und im ungarischen Tanze. Die Malerei und Bildhauerei ist im ganzen Lande erst in der Wiege, daher darüber wenig zu berichten. 5. Beschäftigung. Die christliche Menschenliebe hat auch den übrigens sanftmüthigen und menschenfreundlichen, besonders aber mit offnem Menschenverstand begabten Ungar gelehrt, daß Verfolgen, Unterdrücken ein Gott gefälliges Handeln sei; und daß, um die Religion zu verbreiten, kein Mittel zu schlecht befunden werden darf, wenn es nur von den frommen Priestern gebilligt wird, die, abgesehen davon, daß sie das Mark des Landes aussaugen, und jährlich die ungeheuersten Summen ver-