Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1844)
- Date
- 1844-03-19
- Page
- Seite 94 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Haltern gerichtet, mit der Bitte, jede Neuerung zu untersagen. Wer so leicht über das Wohl von Tausenden urtheilr, sollte doch so viel Logik wissen, daß von einem Individuum auf die Gesammtheit keine Konklusion gelte. Weil eine Gemeinde dem Fortschritte abhold ist, müssen es die meisten ungarischen Gemeinden sein, ebenso wollte ich schließen, weil einige deutsche Philosophen Dinge sagen, die dem gesunden Menschenverstände nicht einleuchren müssen, alle Deutsche verrückt sein, oder weil ein Zeicungsreserent unlogisch denkt, haben alle Zeitungsreferenten den Kopf verloren. Man pflegt doch gewiß als Gradmesser der Reife und Bildung die Volksschulen zu betrachten, und da haben die Juden — nach dem Aeugniß der Kommission für Volkserziehung—die besten Elementarschulen in Ungarn, und das ohne von Staatswegen dazu gezwungen zu sein, ohne daß ein Gesetz darüber erlassen werden mußte, ohne Hilfe vom Staate, blos aus eigenem Antriebe, blos aus eigenen Mitteln, im Gefühle der Bedürfnisse der Neuzeit erhalten die Juden ihre Schulen, und wahrend die 36,000 Einwohner zählende kon. Freistadt Preßburg blos eine 3 Klassen formirende Nationalschule hat, erhalten die preßburger ,Juden nebst einer Nationalschule auch eine Primarhauptschule, die nach dem Muster der k. k. Normalhauptschule zu St. Anna in Wien eingerichtet ist. An sehr vielen Orten haben die Gemeinden ihren Gottesdienst reformirt, und durchaus giebt sich ein Streben kund, sich die Notionalsprache eigen zu machen, oder die Kinder 'darin unterrichten zu lassen. Ja selbst in Gegenden, deren Bevölkerung durchaus slavisch ist und wo die Magyarisation den größten Widerstand findet, sind es die Juden, die im Gefühle der Dankbarkeit für die edle ungarische Nation alle Mittet aufbieten, mit bedeutenden Opfern und großen Kosten ihren Kindern Lehrer für die ungarische Nationalsprache zu schaffen. Und doch soll dieses Alles die Juden Ungarns noch nicht der Emancipation würdig machen — eines vereinzelten Falles willen, weil die preßburger Gemeinde ein Gesuch um Verbot der Neuerungen emgereicht hat; und selbst dieser vereinzelte Fall ist in sofern unwahr, als diese Bitte der ganzen Gemeinde zur Last gelegt wird, da sie einzig und allein zwei beim Vorstande einflußreiche orthodoxe Mitglieder zu Urhebern hat, der größte Theil der Gemeinde aber, nichts weniger als davon unterrichtet und damit einverstanden war. —■ Ja! der preßburger israel. Kasinoverein, der in seiner Mitte die intelligentesten und ehrsamsten Gemeindeglieder zahlt, wendete alle mögliche Mittel an, um das Gesuch rückgängig zu machen. Die Mitglieder dieses Vereins, der seit seinem zweijährigen Bestehen auf mannigfache Weise seinen Wvhlthätigkeits- und Nationalsinn beurkundet, der eine musterhafte Kleinkinderbewahranstalt gegründet und neulichst auch eine ungarische Sprachschule ins Leben gerufen hat die Mitglieder dieses Vereins haben wiederholt und dringend bei dem Gemeindevorstande um Rücknahme dieser Petition angehalten, und da diese nicht erfolgte, einen Ausschuß ermächtigt, alle möglichen gerichtlichen Schritte dagegen zu thun, und von dessen Thätigkeit so wie von der Liberalität unserer Behörden läßt sich nur Gutes erwarten. Eben jene Mitglieder dieses Vereins haben die israelitische Jugend bei ihrem Unternehmen — für sich einen geregelten Gottesdienst mit Choral herzustellen, mit Mitteln unterstützt, beabsichtigen auch in Preßburg einen resormirten Gottesdienst mit Predigt in landesüblicher Sprache in's Leben zu rufen, und früher oder später wird von ihnen eine Reorganisation der veralteten Gemeindezustände ausgehen; und doch wird ohne dieses Alles zu berücksichtigen, nur von dem Stabilitätsstreben gesprochen, und das Streben Einiger der ganzen Gemeinde angerechnet, ja daraus für alle ungarischen Israeliten Konsequenzen gezogen. Gesetzt aber, es hätte sich ein großer Theil der Juden Ungarns gegen Reform ausgesprochen und zwar in einem noch so abgeschmackten Gesuch, wäre denn dieses, wenn auch aus einem abergläubischen Gefühle entsprungene Streben, wäre denn — frage ich — dieses Streben Beweis einer niederen Bildung der Juden als Jener, die für einige Seidel Wein, und ein Paar Zwanziger mit Bleiknütteln jedem Fortschritt den Garaus zu machen suchen? — Und doch wird Niemand behaupten, man solle den ungarischen Cortes ihren Adel oder gar das Bürgerrecht nehmen! — Hat man im Boden des Judenthums ein kothiges Fleckchen gefunden, so sucht man gleich alle Juden damit zu besudeln. A. P. Nordamerika. New-Hoe§. Das November-Heft des „Occi: dent" v. I. bringt ein Schreiben des edlen Herrn Cremieux an den hier wohnenden Herrn Noah, worin der Erstere den Letztem um Beiträge aus den vereinigten Staaten Nordamerika's für die neu gegründeten Schulen zu Ale xandrien und Kairo angeht. Die Mühe, welche sich Hr. Cremieux für jene einflußreiche Institute giebt, kann nicht oft genug gerühmt und gelobt werden. Das Mitglied der Deputirten-Kammer vergißt nicht seine Mitbrüder. Die Juden in Ungarn. Eine Skizze. (Schluß.) Die zwei letzten auf ihrer Bahn hervorragendsten Männer sind nicht mehr; Chor in's Thatkraft ist auch schon gelähmt; das jetzige Geschlecht zählt noch dieselben Parteien, aber in einer andern Mischung. Denn jetzt giebt es in jeder Gemeinde wenigstens zwei Parteien; die fort- und die rückschreitende, und da jede um sich greifen will, und sich allem behauptend als die vernünftige und rechtmäßige, die andere zu unterdrücken versucht, nicht minder Andere im Trüben zu fischen hoffen, ist nun ein hartnäckiger Kampf entstanden, der jede Gemeinde in zwei sich gerüstet gegenüberstehende Theile getrennt, und der am heftigsten damals losbricht, wenn die Versetzung des Rabbinats, Errichtung oder Umbauung des Gottes-Hauses, Gründung von Schulen an die Tagesordnung kommen, und da Jeder von seinem Gegner das Aergste vorauszusetzen, rnfb ihn: die unlautersten Beweggründe unterzuschie-