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Der Orient · 1844-03-19 · Heft 12 (19.3.1844) · p. Seite 90

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 12 (19.3.1844)
Date
1844-03-19
Page
Seite 90 (sequence 3)
Language
German
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90 fühle Hohn sprechen. Es wird Ihren Lesern gewiß bekannt sein, daß, einer in das Mittelalter sich verlierenden Sitte gemäß, die jüdischen Vorsteher der hiesigen Gemeinde während der Kacnevalsfeiec dem Senator, der seinen Sitz im Kapitol hat, den jährlichen Tribut bringen müssen, und als Zeichen der Entlassung einen Fußtritt vom Senator erhalten. Ist auch der Fußtritt im Laufe der Zeit in ein leises Scharren mit dem Fuße umgewandelt worden, so ist es doch empörend, daß auch in diesem Jahr diese Cecemonie stattgefunden. E’ son Giudei, sagt unser Pöbel. Deutschland. Leipzig, 12. Marz. Auf unser direktes Anfragen an Herrn Dr. und Rabbiner Hicschseld wegen der in den Zeitungen umlaufenden Gerüchte (vecgl. Nr. 10), erhielten wir zur Antwort, daß er sich genöthigt finde, nicht eher sein Vorhaben der Oeffentlichkeit zu übergeben, als bis es, zu einem bestimmten Punkte gediehen sein wird, und daß er alle Zeitungskorrespondenzen für vorlaut erklären müsse. Auch müsse er jedes Lob, daß ihm in den Zeitungen gespendet wurde, von sich ablehnen, indem er sich für ein bloßes Werkzeug eines höhern Willens halte und jeder Andere dasselbe gethan haben würde. — Mrös Baierm. Am Ende des vergangenen Jahres hat der Verwaltungs-Ausschuß des Unterstützungs- Vereins für israelitische Ackerbau- .und. Handwerkslehrlinge in Baiecn -die sammttichen Rabbinate dieses Landes ersucht, die Anzahl der in ihrem Distrikte sich befindenden israel. Handwerker und Ackersleute anzugeben. Es sollen nicht allein die auf einen solchen Beruf Ansaßigen, sondern auch die sich ihm Widmenden aufgeführt werden. Wenn wir auch für jetzt — wie günstig das Resultat ausfallcn möge -— keinen Gewinn für die gesetzliche Erweiterung der Rechte für Israeliten hoffen, so muß man doch dieses Unternehmen gutheißen. Das Publikum, welches noch immer in seinem Vorurtheile, die Abneigung der Juden gegen diese Art von Gewerben zum Vorwurfe macht, wird sich überzeugen, wie unbegründet dieser Vorwurf sei. Denn sollte auch verhältnißmäßig die Zahl der Israeliten, welche Handwerke und Agrikultur treiben, den christlichen Bewohnern gegenüber kleiner fein, so muß man bedenken, daß diese Beruftzweige erst seit dem Jahre 1813 den baierischen Israeliten geöffnet wurden, und daß heute noch bei der Wahl und Ausübung eines solchen Gewerbes dem Israeliten Hindernisse und Beschränkungen entgegenstehen, welche den Christen nicht belästigen. — Nach Amerika werden auch dieses Jahr viele junge Israeliten auswandern. Jemehc die den Israeliten in seiner industriellen Wirksamkeit einengenden Gesetze die in den Landgemeinden Wohnenden treffen, desto stärker ist auch die Zahl der Auswandernden aus solchen Gemeinden. Aus den Städten gehen wenige in jenen Welttheil, aber aus den Dörfern wählen selbst Wohlhabende den Wanderstab. Manche Landgemeinde empfindet hart diese Auswanderung, indem die Zahl ihrer Mitglieder abnimmt, wodurch die schwere Last der Beiträge zur Besoldung der Kultusdiener höchst drückend für den Einzelnen wird. -- Ob die Negierung durch einen Sustentationsbeitrag solchen armen Gemeinden einige Erleichterung verschaffen werde, möchten wir sehr bezweifeln. Indessen stehen einige Gemeinden im Begriffe, ihre Lage zu schildern und um eine Unterstützung nachzusuchen. Gott öffne diesen gerechten Bitten das Ohr der Behörden. — Durch den Tod des Rabbiners Bierheim istdasRabbinat Wölbhausen in Mittelfranken wieder erledigt. An Bewerbern wird es nicht fehlen, da es der unversorgten Rabbinats-Kandidaten in Baiern noch Viele gibt. Selbst um das Rabbinat Burgkundstadt werben schon viele Kanditaten, obwohl Stein seine Stelle noch nicht aufgegeben hat. — Berlin, 15. Marz. Eine Berliner Korrespondenz in der 68. Nr. der D. A. Z. sagt die „Enttalmudisirung" der Juden ist die Bedingung, an welche die völlige j: Emancipation der Juden geknüpft ist. Der Herr Korref spondent, der gewiß nie eine Zeile in dem vielverschries nen und verkannten Talmud gelesen hat — wie dies schon aus der einzigen Phrase: „die jüdischen Theologen { des Mischna und Gemara" deutlich genug hervorgeht — stimmt in das Klagelied über den Talmud ein, ein; Klagelied, das die Frankfurter Reformer in den zweiten!! Fundamentalsatz ihrer trinitaren Lehre umgewandelt ha- [ ben. Man frage aber alle jene Verurtheilec des Talimuds, was er denn sei, was er enthalte, wie ec entstanjr den, wie weit dessen Autorität für die heutigen Juden l sich erstrecke — und sie werden die. Antwort schuldig bleiben müssen. Es kann nichts Beleidigenderes, Wi-! derwärtigeres, Empördenderes für denjenigen geben, der l den Talmud wirklich kennt, als jene obersiächllchen, unbes sonnenen, in lauter Phrasen sich herumtummelnden Rais sonnements unbefugter Skribenten zu lesen *). Frankfurt a. M., im Marz. Der Rabbiner h Trier soll, da er in der Beschneidungsangelegenheit einen abschlägigen Bescheid vom Senate erhalten, ents schlossen sein, sich an den nächsten Bundestag zu wens den. Dieser Schritt ist allerdings sehr bedenklich, indem er leicht eine Begünstigung der Reformbestrebungen, als mit denselben die Hoffnung des allmäligen Ueber- : ganges zum Christenthum verbunden würde, Hervorrufen kann, obwohl, wie bekannt, dem Bundestag selbst der Name „Reform" verhaßt ist. ■— Allgemeines Aufsehen *) Zum zweiten Mal müssen wir alle Bekämpfte des Talmuds auf die Broschüre des Herrn Dr. Lo wo sitz verweisen. D. Red.

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