Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 11 (12.3.1844)
- Date
- 1844-03-12
- Page
- Spalte 173-174 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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173 Kritiken. Kurze Anzeigen. 174 stituirt, kann, so er nicht sein innerstes Wesen auflösen, sich selbst Lügen strafen will, die Juden und überhaupt Nichtchristen nicht emancipiren. Ein Staat, der die Gleichstellung seiner, der Konfession nach unterschiedenen, Untertanen proklamirt, spricht damit zugleich aus, daß die Religion ein ihm fremdes Element ist. Versetzen wir uns auf den Standpunkt des Naturre^ts, so kämpfen wir für die Menschheit, keineswegs aber für eine bestimmte Anzahl Menschen. Und das Naturrecht ist ja nicht die Norm der deutschen Staaten; die deutschen Staaten erkennen nur ihr positives "Recht an, und dieses muß im Emancipationskampfe das Terrain bilden. Würden wir nun gewünscht haben, daß der Verf. die Bekämpfung jenes Zwitterwesens, des christlichen Staates, zum Ausgangspunkte gewählt hätte, so müssen wir andererseits einzelne treffende Bemerkungen in seiner Broschüre — so z. B. daß man den Sklavenzustand der Juden in Deutschland ruhig ansieht, während man über den Sklavenhandel in der neuen Welt empört war und ihn aufzuheben suchte — hervorheben und ihm für die warme Gesinnung danken. Vielleicht auch, daß seine Schrift auf Phantasiemenschen, die in einem idealen Naturzustände leben und die bestehenden Staaten für Kinder des Naturrechts halten, ihre Einwirkung nicht verfehlen werde. A. I. 14) Der Talmud und seine Verurtheilung. Ein Beitrag zur Verständigung. Von Dr. I. B. Lowo sitz. Königsberg, 1844. 8. Theodor Theile. „Es ist in der letzren Zeit vor dem größern Publikum öfter von dem Talmud die Rede gewesen: von dem Talmud, dieser torra ineognita der literarischen Welt, wie sie kaum sonst noch ihres Gleichen hat, und dies zum Theil selbst für Diejenigen, die darüber mit großem Geräusch das Wort geführt haben. Was in früherer Zeit den christlichen Kindern der Jude sein mußte, ein Schreckbild, um damit beliebig in ihnen jedes unbequeme Verlangen, jeoe zudringliche Regung zum Schweigen zu bringen, das sollte jetzt noch für die Erwachsenen der Talmud sein, wenn sie sich es beikommen ließen, für den Juden bürgerliche Gleichstellung, Anerkennung seiner persönlichen Würde im Staate und in der Gesellschaft, Entfernung und Aufhebung eben so kränkender als ungerechter Beschränkung und Zurücksetzung zu verlangen. Aus früherer Zeit ragten in judenfeindlicher Absicht gelieferte Auszüge aus talmudischen und rabbinischen Schriften gespenstisch in die lichte Gegenwart herein, und bie..langen, dunklen, blutigen Schatten ehemaligen, in der Rohheit der Zeit wurzelnden Religionöhasses, sollten jetzt noch die Gemüther verdüstern, wenn Aufklärung und Humanität, wenn reine und hochherzige Menschenliebe und Gerechtigkeit in dem Juden den Menschen, den Bürger, den in allem Tüchtigen, Hohen, Edeln, kräftig und würdig Mitstrebenden zur vorenthaltenen, schmerzlichst entbehrten Anerkennung bringen wollten. „Der Jude 3laubt an den Talmud!" Ein Schreckensruf, vor dem ^as milde Wort dem Emancipationsfreunde auf den Lippen ersterben sollte. Was enthält der Talmud? man glaubte davon Kenntniß zu haben und genug zu wissen, wenn man jene Auszüge auch nur vom Hören Sagen kannte. Daß dieselben Worte- Ausdrücke und Aussprüche nicht immer und nicht überall dasselbe sagen, daß Charakter und Gesinnung ihres Urhebers, oft sein Zeitalter, seine Heimath und Wohnstätte, seine Umgebung und unzähliges Andere vorher bekannt sein müssen, bevor man daran denken darf, sich des Sinnes, des Geistes der Worte und Aussprüche versichert zu hatten, daß dies namentlich bei den nach Zeit und Ursprung so fern liegenden und so fremdartigen Aussprüchen, wie die talmudischen, der Fall sein müsse, und daß endlich noch dazu solche Aussprüche aus dem Zusammenhänge gerissen, für jede Beziehung zu den unzuverläßigsten Zeugnissen gehören — wer hätte so kleinlich sein dürfen, auch nur einen Augenblick auf diese Umstände zu achten? Es mochte für Manche seine Anziehendes haben auf den geringsten Schein hin anzunehmen, daß die Juden — zu ihren Religionsquellen den Talmud, ein verderbliches, hassenwerthes Werk, zahlen; und natürlich blieb es denn auch dabei. Andere mochten sich von dem alten Glauben der Juden, der wie es ihnen vorkommt, sogar nicht mit dem Geiste des Fortschritts symphatisire, indignirt fühlen, und dafür um so freudiger in denjenigen Juden, welche in ihrem praktisch weltmännischen Verhalten über diesen Glauben und über die Achtung vor dem Talmud hinausgekommen waren, gefinnungsverwandte, Brüder anerkennen. So kam es denn, daß, als der bekannte Frankfurter Reformverein für seine Mitglieder unter Anderem auch die Lossagung vom Talmud dekretirte, diese überaus muthvolle That in deutschen Zeitblättern mit den lebhaftesten Aeclamationen begrüßt und gepriesen wurde, wie man annehmen darf, zunächst wohl von Solchen, die von dem Talmud nicht mehr wissen als der Frankfurter Reformverein. — Die Erklärung dieses Vereins gegen den Talmud sollte den Beweis enthalten, daß die Lossagung vom Talmud für die heutigen civilisirten Juden durchweg unerläßlich geworden. Wiederum langte man nach den alten verrosteten Waffen, die doch dor Zeiten so gute Dienste gethan haben, — die Vorwürfe des Fremdenhasses und alle ähnliche, an Verläumdung grenzende, Beschuldigungen; und der Verein selbst gab nicht undeutlich zu verstehen, daß er ad majorem Dei glorii.m auch solchen Succurs, solche moralische Verdächtigung und Herabwürdigung des Talmuds nicht verschmähen würde. Mit dem Talmud wurden zugleich die talmudgläubigen Juden verdächtigt, so wurde denn die Frage aus einer rein und innerlich religiösen zu einer moralischen und praktisch politischen, und gelangte in dieser, man möchte sagen, unseligen Bedeutung auf einen Punkt, von welchem aus man nicht gut mehr darauf verzichten kann, auch in weiterem Kreise das richtige von keinem Parteieinfluß getrübte Verständm'ß und genaue Kenntniß der wahren Sachlage möglichst verbreitet zu wünschen." Die eigentliche Veranlassung aber zu dieser kleinen, aber