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Der Orient · 1844-03-12 · Heft 11 (12.3.1844) · p. Seite 87

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 11 (12.3.1844)
Date
1844-03-12
Page
Seite 87 (sequence 13)
Language
German
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87 sie auch zurückgesetzt wird, glänzend erscheinen; die Kinder müssen sogenannte Erzieher haben, nur weil es anders nicht schön wäre, und werden zu allen Lächerlichkeiten schon frühzeitig dressirter bedauert nur, daß seine Prunksäle den Wetteifer mit denen des Bürgermeisters nicht bestehen können. Und da auf solche Weise der Segen täglich abnimmt, so muß man zu, oft nicht ganz ehrenvollen, Anstrengungen seine Zuflucht nehmen,.und da diese auch nicht immer hinreichen wollen, man aber seinen Kindern, unüberlegter Weise, allzuhohe Begriffe von sich beigebracht, und zcl, vielen Lastern, besonders aber zu dem des täglich leider furchtbarer um sich reißenden und verheerenden Spieles selbst Anlaß gegeben hat, so folgt daraus höchst natürlich, daß ganze Gemeinden, wenn auch der Handel sich vervielfältigt, da er aber unmöglich so eine ergiebige Quelle sein kann, um alle die neu eröffneten Abzugs-Kanäle zu versehen, in der Wirklichkeit herabkommen, und da das höchste Uebel des Menschen, Lebensüberdruß in vielen Vorzeichen emportaucht, so muß auch der Wille und die Thatkraft abarten, und wenn das Maaß der Uebel arithmetisch progredirt, wie wird dann das an Leib und Seele Zwerggeschlecht solch hohen Aufgaben gewachsen sein, wie sie glücklich lösen? Und wenden Sie mir nicht ein, daß an diesen Wunden Europa blutet, daher bei Einzelnen kaum in Betrachtung zu kommen braucht; ich weiß auch das, und mich schmerzt dies Bewußtsein. Aber, wie ich Ihnen gesagt, habe ich von uns Juden höhere Begriffe; zu unserer Leurtheilung nehme ich .einen größeren Maaßstab; wir sind mehr Weltbürger; aus unserer Mitte sind noch keine Spießbürger, Philister und einfältige Minister hervorgegangen. Wir haben keinen so großen Schutt von Vorurtheilen, engherzigen Ansichten zu beseitigen, unser Herz schlägt wärmer, wir fühlen und denken höher, und sind mehr für die Oeffentlichkeit geschaffen; warum verirrten wir uns so weit von der rechten Straße? Doch fälschlich würden Sie die Quelle besagter Uebel in der Mehrzahl suchen, diese hat überall einen gesunden Sinn, und hat sich noch einigermaßen unbefleckt zu erhalten gewußt; nur daß sie zu sehr der gebildete Klaffe nachäfft, und dieser kann man den ganzen Jammer anrechnen, wie sie auch die Zeche bezahlen muß. Ich zähle zu dieser eben jene Gebildeten, die vor der Welt als solche gelten, keineswegs diejenigen, die mir als dergleichen erscheinen, und deren es nur Wenige giebt. Eure Gebildeten verderben die Welt, tobten alle Kräfte; denn wie! jener eitle Rabbiner, der sich jetzt so wie der Pfarrer kleidet, gehörig und mit Anstand fein heuchelt und vor Freude aus der Haut springt, wenn seine schwülstige Rede einen christlichen Leser findet; oder jener Arzt, der nachdem er, wie er sagt, sich über den Pöbel unerreichbar erhoben, täglich in Entzücken selig dahinfließt, wiederum für keinen Juden gehalten worden zu sein, und einen wirklichen Christen zu Gast gehabt zu haben; oder jene Bande Lehrer, bie, alle Laster in sich vereinigend, den Zöglingen, nebst der unverständlichen Sprachlehre, von der oft nichts kleben bleibt, alte Unarten in das empfängliche und mit gewissem Erfolge verpflanzen, heißen euch diese die Gebildeten? und — nur wenig Ausnahmen lasse ich zu. — Doch eben nehme ich mich in Acht, daß anstatt Sie über die Juden in Ungarn aufzuklären, ich Sie vielmehr in die Kenntniß meiner versetze, während Sie mich doch von früher kennen. Ich werde Ihnen nun sagen, wie es mit der Bildung bei uns aussieht. Von der allgemeinen Fluth mitgerissen, sind unsere Stammesgenossen dieselben Umwandelungen durchgegangen, welche die Geschichte der Juden anderer Länder ausmachen; ich werde aber versuchen, mehr in Einzelheiten überzugehen und beginne mit dem Zustande, der Religiosität. Auch bei uns ist dieselbe Entwickelung sichtbar, wie sie anderwärts, besonders-in Deutschland auffallender in die Augen springt. Lange Zeit, als noch nämlich der Druck ohne eine unversiegbare Quelle des Trostes unerträglich war, als unstre Blicke nur meist aufwärts gerichtet waren, und Ersatz für so viele, und in so viel Selbstverla'ugnung zu stehen kommende Entbehrungen nur der rein erhaltene Glaube in Fülle versprach, und als noch seine Wechsel überall hoch im Werthe standen, herrschte ausschließlich der Talmud mit seinem zahlreichen Hofgefolge. In den kleinsten wie in den größten Gemeinden gab es Icschibot, wo der Ortsrabbine unentgeldlich, und nicht selten mit aufopfernder Uneigennützigkcit der aus allen Gegenden herbeiströmenden Jugend, mit beiderseitiger aber aufrichtiger Selbsttäuschung, über die ungereimtesten Fragen die spitzfindigsten Vorlesungen oft mit außerordentlichem Geistes-Aufwand hielt. Ein jeder Vater schickte seinen Sohn auf eine solche hohe Schule. Sein Fortkommen traute er meist der Barmherzigkeit der Söhne Israels an, selbst wenn er bemittelt war; hingegen speiste täglich auch er an seinem Tische einen oder mehre „ Ba ch urim wohl dem, der im Stande war, die Tora in seiner eignen Behausung Lernen zu lassen, und selbst der Unwissendste versah seinen Schrank mit allen nöthigen Lehrbüchern, in soweit es seine Kräfte erlaubten; denn die Frömmigkeit , und der damalige Prunk Legten gleichmäßig ihm diese Pflicht auf. Nur hie und da versuchte Mancher, etwa ermattet nach vieler Anstrengung¬ oder aus Unmuth, seinen Namen deutsch oder ungarisch auf die Ränder des aufgeschlagenen Buches anzubringen, wie sehr es für Entweihung des Heiligthums galt, — und so zufällig gewann mancher die Fertigkeit zu schreibendie später jene des Lesens nach sich zog, da dann der nach Wissen heißhungrige Jüngling in eine neue Welt eingeführt, bis an deren äußerste Spitze meist nach eigner Leitung vorzudringen sich erkühnte. Und das Leben war von der Schule nicht getrennt, denn wer für den Scharfsinnigsten gehalten war, um den stritten sich die reichsten Eltern schöner Mädchen. Er brachte Glanz in jede Familie, und sein Schwiegervater, wenn er sehr reich war, und besonderes Wohlgefallen an seinem Schwiegersöhne fand, versicherte ibm auch, seinen heißesten Wunsch zu erfüllen, nämlich ihn in Stand zu setzen, daß er das wahre Wissen weiter verbreite. — Doch das hat sich Alles geändert, denn, wenn

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