Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1844)
- Date
- 1844-03-12
- Page
- Seite 86 (sequence 11)
- Language
- German
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86 Nachspotten der jüdischen Ausdrucksweise selbst bei den größten Judenfeinden nicht gebräuchlich, und, wenn es auch hie und da durch einige dumme Komödienschreiber auf die Bühne gebracht wurde, so war es den Deutschen nachgeahmt, und hat größtentheils Fiasko gemacht. Man findet wohl auch tüchtige Slaven unter uns, aber beiweitem nicht in diesem Grade, und in dieser Anzahl, als gute Ungaren. Daß aber jetzt so eine Liebe zur ungarischen Sprache und Literatur bei uns erwacht ist, wissen Sie schon längst, und freuen sich gewiß darüber, da die ungarische Sprache gewiffermaaßen in sich liberte unb e^alite enthält, und der fernere Schritt zu der so wünschenswerthen Verschmelzung ist. Auch die Sitten, wie sie die Übereinkunft gebildet, wider die die Vernunft nichts einwendet, oder ihre Einwürfe nicht geltend machen kann, sind mit der Sprache von derselben Beschaffenheit; die sich noch gar nicht an den Geist der Oertlichkeit angeschmiegt, behielten ihre mitgebrachten Gewohnheiten in Nahrung, Kleidung, Häuslichkeit, u. s. w., das um so leichter in Ungarn stattsindet, da der Ungar, nirgends des ausschließlichen Besitzthumes einer großen Gegend sich erfreuend, und bei seinem gesunden Verstand viel öfter die Keckheit manches Eindringlings duldete, als er auch das Fremdartigste zu unterdrücken strebte. — Doch in vielen Gegenden ist der Jude allmälig in den vorherrschenden Geist übergegangen, und daß sich der Höherstehende ausschließend französisch oder deutsch kleidet, geschieht darum, weil überhaupt die hervorragende Klaffe unseres Landes bisher fremden Götzen opferte, und erst in den neuesten Zeiten, als das Selbstständigkeitsgefühl den Hausen selbstangeschmiedeter Ketten so siegreich gesprengt, und nun durch alle Adern so begeisternd strömt, beginnt das edle echt heldenmäßige Nationalkleid Mode zu werden, und diese allgewaltige Göttin wird mehr durchsetzen, als den hinreißendsten Reden unserer Q’Ccmnels unmittelbar gelungen. 4. Bildungsstufe. Läßt sich auch mit freier Stirne behaupten, daß bei dem unmenschlichen Drucke, dem wir durch eine lange Reihe von Jahrhunderten so schmählich unterworfen waren, wir doch nie den Staub geküßt, vielmehr aus allen Kräften uns weigernd und wehrend, wenn auch Alles aufgaben, doch den innern freien Sinn uns nicht unterjochen ließen, sondern stets in der Reihe der Geister um einen Ehrenplatz kämpften, und ihn auch, Dank unserer Kraft, trotz den Anfeindungen gelehrter Bullenbeißer erfochten; und dürfen wir auch in muthiger Erwartung jeder Einrede es aussprechen, daß auch wir mit der übrigen ungarischen Nation auf gleicher Höhe der Aufklärung stehen, so genügt dies Alles den Anforderungen, die ich an meine Stammesgenossen zu machen gewohnt bin, und zu denen, wie ich meine, deren wirklich und in jeder Hinsicht gesunde Kern berechtigt, keineswegs: ich halte ihnen eine höhere Aufgabe vor, und wollte gern eine andere Richtung bei ihnen wahrnehmen, als die sich offenbar kund giebt in ihrem Thun und Lassen. Aus meinen früheren Briefen werden Sie ersehen haben, daß ich Salvador, wenn er die, Juden die Messiasse heißt, vollkommen Recht gebe; ja einzig dies ist und sei unsere Aufgabe: die Welt zu befreien, und jede Lyrannei, weß Namens sie auch sei, zu verbannen, und jede Spur der Knechtschaft zu vernichten. Denn, man täuscht sich, wenn man schon Siege feiert, noch klirren Ketten überall, noch giebt es Herren oder Diener, freie Menschen findet man noch keine. Uns, die wir die Sprache aller Völker sprechen, sie alle lieben und von ihnen allen leiden, die wir in den Kabinetten und in den Werkstuben, bei den gelehrten Gesellschaften, wie hinter dem Pfluge unsere Vertreter haben, und da wir die empfindlichsten Wesen sind, die auch den leisesten Schmerz fühlen, uns könnte es gelingen, wären wir ganz was wir sein sollten, den heißerflehten Lag zu befördern, an dem der Mensch wieder in feine Würde eintritt. Doch, sollte dies durch uns geschehen, so müßten wir alle Gemeinheit, die in so hohem Grade sich bei uns eingenistet, weit wegbannen, allen jenen elenden Leidenschaften, die das Mark des Lebens verzehren, und, selbst die Genußfähigkeit aufreibend, uns in die Kloake der jetzigen Modesöhnchen Hineinschleppen, entsagen, denn leider nehmt euch nur die Mühe, zu untersuchen, und ihr werdet es bestätigt finden, .daß unsere Ettern, wie sehr ihr in eurer christelnden Manier euch über sie belustigen könnet und bei dem Anblicke altherkömmlicher Gestalten so unbändig lacht, waren viel edlere Wesen denn ihr, und weit eher geziemte es ihnen, zu lachen über ihre entnervten Nachkömmlinge, die so thöricht sind gegen Gold, das ihnen in der Einfachheit, Bescheidenheit und Genügsamkeit früherer Zeiten hinterlaffen wurde, falsche Diamanten: Prunksucht, Unersättlichkeit u. s. w., weil sie eben die Schattenseiten unserer Gegner von jeher waren, und sie auch zu Unmmschlichkeiten wider ihre Brüder verleiteten, einzutauschen. Und so sieht es denn auch mit unserer öffentlichen Bildung hier aus. Keiner will sich mit dem ihm beschiedenen Loos begnügen, und Jeder strebt himmelhoch hinan. So lange die höchsten Lebensinteressen dadurch nicht gefährdet werden, und der Klang des Goldes die Stimme der Vernunft, die ohnedies sich heiser geschrieen, nicht übertönt, hat die ausgedehnteste Betriebsamkeit unendlich gute Folgen, da mit Vermögen sich Vieles, woran der beste Wille scheitert, und die fähigsten Talente sich kaum wagen, mit Bequemlichkeit ausrichten läßt. Wo aber die zügelloseste Sucht hervorzuragen so alle Mitglieder angesteckt, wie es in vielen ungarischen Gemeinden gejchehen , unb alle Lage weiter um sich reißt, ist wirklich das Ende nicht leicht abzusehen. Ein Wahn ist es, der Alle verblendet, eine lange Schwelgerei, welche die edelsten Kräfte lähmt, und Familien, die bisher geblüht, in einen Liefen Abgrund sicher führt. Es gehört schon zu den ersten Bedürfnissen eines emporgekommenen Hausircrs feine Wäsche, wie ein reichdepfründeter Bischof zu haben, es darf kein Graf ln der Mode ihm zuvorkommen, sein Weib muß die ganze schöne Welt rings um sich verdunkeln; auf allen Bällen, wenn