Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1844)
- Date
- 1844-03-12
- Page
- Seite 88 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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noch immer hie und da in den slowakischen Winkeln der alte Eifer noch nicht erkaltet, und sogar an vielen, „ONO'N" noch geschrieben wird, so geschieht es nur darum, weil (die slowakische oder deutsche) Umgebung auch noch an alten Lappen nagt, der Oeffentlichkeit sich noch nicht zugewendet, ja sogar sich als Hinderniß der mächtigen Umwälzung entgegenstemmt. Anders sieht es aus in den liberalen (magyarischen) Gegenden. Hier beginnt das Leben in mächtigen Strömungen zu fluthen, seine Wogen reißen Alles mit sich fort, und nur das Schwimmen rettet Einen. Die Politik hat sich Aller bemächtiget, und wie könnten die Juden, denen das leiseste Lüftchen hörbar weht, widerstehen? Und sie haben 'entsagt dem Erbtheile glorreicher, wenn auch finsterer Zeiten, und, haben die Wirklichkeit mit heißer Gier umarmt. Zuerst mußte der Glaube vor den neuerrichteten Richterstuhl des erwachten Prüfsinnes sich stellen. Die Mode war die Anklägerin. Ihren einschmeichelnden Einflüsterungen sich bezaubert dahingebend, verdammten viele summarisch ihre alte Amme, und buhlten um das Lächeln der Herrscherin des Tages. Und auf verbotenen Wegen schlichen sie ihr nach, schwelgten in ihrem Dienste, und suchten sich in ihren Genüssen zu berauschen, da in nüchternen Augenblicken ein wehmüthiges Gefühl zurück in die Nähe der treuen Wärterin unwiderstehlich zog. Andere, denen eine Schattenseite der neuen Gebieterin zu sehr in die Augen fiel, verharrten desto hartnäckiger bei der ersten, versperrten Schloß und Riegel gegen den Andrang der neu emporgetauchten verführerischen Schlangen, beweinten still die Verirrten, und hofften das Allerbeste. Doch der gesunde Kern erwachte zum Nachdenken, wog reiflich ab alle Gründe, und es bildete sich die forschende Klaffe, die, sich immer mehr und mehr verstärkend, die Mehrzahl ausmacht, und in verschiedenen Richtungen folgende Theile bildet. — Daß Deutschland auch in diesem Streite jeder Partei die Waffen an die 5zand reicht, ist, auch außerdem, daß dort die jüdische Gottesgelehrtheit die höchste Blüthe erreicht (?), schon darum natürlich, weil die ganze wissenschaftliche Bewegung in meinem Vaterlande auf einen Anstoß von Deutschland erfolgt ist.— Daher das Bedürfniß nach verbessertem Gottesdienst, wo es entstanden, in den Einrichtungen, die dort gang und gäbe sind, Befriedigung findet; daher haben die ne-uern deutschen theologischen Schriften an den nach Erleuchtung Lechzenden bei uns einen so zahlreichen Leserkreis; daher wir deutsche Predigt vor Allem gewünscht, und deutscher Klang stempelt den falschesten Inhalt zu echter Münze. — Und als der Kampf begann, bediente sich die freisinnige Partei der deutschen ■ Sprache vorzüglich, wiewohl sie auch die hebräische ausgezeichnet geschickt handhabte; während die sich noch fester verrammelnde das Deutsche in die Acht legte, und rein Hebrä'flch schreiben für Gotteslästerung erklärte; zusammen wurde aber noch wenig der Kampf aus das Feld der Literatur versetzt, und auf der nationalen ist noch gar kein Treffen geliefert. — Den Anfang machte Chorin, ein Mann von Begeisterung, Thatkrast und gutem Witten, bereichert mit einem großen Schatz alten Wissens, aber außerhalb des Iudenthumes sich keines fußbreit festen Grundes erfreuend. Aber sein Feuereifer setzte ihn über Abgründe weg, und wäre er nicht in eine solche schlechte Umgebung gerathen, er hätte eine noch stärkere Bewegung hervorgerusen, die von besseren Folgen wäre. Seine Entschiedenheit im Auftreten,, die große Kraft, die er im Streite entwickelte, hat diesen durch eine lange Reihe von Jahren rege erhalten, und auch im fernsten Auslande zurückfallen gemacht. Und wirklich betrachtet vom Standpunkte, den er sich gewählt, und von dem aus ihn auch die meisten Zeitgenossen beobachteten, hat er, abgesehen von einigen Fragen, durch welche er sich lächerlich gemacht, wie über Sabbat, über Barhauptbeten, nützlich gewirkt; er hat das trügliche Gespinnst seiner Gegner, besonders Müntz, Sopher's zerrissen, und zum Nachdenken angefeuert. Leider ward ihm der Vorabend seines Lebens verbittert, denn es bescheerte ihm das Schicksal eine gemeine Nachkommenschaft, aus der Viele in das gemeinschaftlichen Feindeslager übergelausen, jüngst sogar einer thöricht genug war, seinen Säugling in den Schlund der alleinseligmachenden Kirche zu werfen. Während der Apostel des Freisinns im Glaubensfache reißende Fortschritte machte, und sein Anhang sich, vorzüglich in Ostsüden täglich vergrößerte, donnerte Sofer in Preßburg Strafreden gegen Alle, die einen deutschen Buchstaben kennen, verdammte jede leiseste Veränderung, die dem geheiligten alten Herkommen nur im Entfernsten Eintrag zu thun im Stande wäre. Er klebte fest am alten Buchstaben; ihm war das Leben, mit seinen Erfahrungen, seinen Entdeckungen, seinen Erlebnissen nichts. Er meinte einen Schatz zu besitzen, dessen Werth die heftigsten Umwälzungen nicht verringern könnten, er wähnte auf einen Felsen zu fußen, gegen den die stürmischesten Wellen fruchtlos brandeten. Auch sah er ruhig aus das ringsum sich aufthürmende Ungewitter; als der Sturm der Zeit die Wogen am wildesten peitschte, und viele Anhänger von ihm losrießen, da verzagte er nicht, sondern fand Trost in dem Bewußtsein, daß Alles Zum Besten hinauslaufe. In diesem Sinn bildete er sich eine Schülerschaft, der er seinen Glauben einzuhauchen unermüdlich trachtete, und die er, höchst vorsichtig (er war in vieler Hinsicht, wenn auch kein vollendeter, Pfaffe) auf den ganzen Erdbällen zu zerstreuen strebte, damit sie ein Netz bildeten, das die ganze Menschheit, oder mindestens die ganze Iudenschaft umstricke. — Zugleich fand der übertriebenste Chasidäismus im Nordost in der Person des Moses Teutelbaum, des Ujhelyer Rabbiners, einen eifrigen Verbreiter, der mit Amuletten und durch mannigfachc Verbindungen zwischen den Hofleuten des Herrgottes die unglaublichen Wunder ausführend, und einen vergötternden An- ' hang habend, von weit und breit von Nothleidenden allerArc heimgesucht wurde. (Beschluß folgt.) Verlag von E. L. Fritzsche. Druck von I. H. Nagel.