Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1844)
- Date
- 1844-03-05
- Page
- Seite 77 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360321--4379-3530133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
77 Erscheinung ist um so erfreulicher, als bis jetzt noch kein Jude die griechischen Bildungsanstalten besucht hat und durch diese Gabe sie vielleicht dazu veranlaßt werden könnten. Polen und Rußland. Von der polnischen Grenze, 24. Februar. Daß das Loos der jüdisch-russischen Grenzbewohner bedeutend gemildert worden, haben die geehrten Leser gewiß aus den öffentlichen Blättern bereits erfahren. Was aber das Herz des Czaren mit einem Male gerührt, ist unbekannt. Doch versichern viele sehr hochgestellte Personen, daß eine Intervention der Deutschen Machte stattgefunden. Dies ist um so wahrscheinlicher, als die Stimme der Oeffentlichkeit bei weitem nicht denselben Einfluß auf Rußland wie auf Deutschland übt. — Auch sollen die Milderungen nur die ersten Schritte zur gänzlichen Widerrufung des Ukases sein. Zur Geschichte der Juden in der Moldau und Walachei. (Fortsetzung und Beschluß.) In diesem Geiste ist unser Rabbiner, sind unsere Dajanim angestellt und die russischen Chasidim - Rabbi's betrachten seit ungefähr zwanzig Jahren die Moldau und Walachei als ihre einträglichsten Diöcesen. *) Neben dieser allgemeinen religiösen Verfinsterung, welcher merkwürdiger Weise unser Krösus Michel Daniel vorsteht, herrscht noch die größte und bedauerlichste Zerfahrenheit. Wir Juden find die einzige Glaubcnspartei, die weder in Jassy noch in den übrigen moldauischen Städten eigens erbaute Synagogen hat, sondern in gemietheten Detstuben wird die Andacht verrichtet; obgleich uns die Erbauung von Synagogen gestattet ist und von Seiten der Behörde schon manchmal dazu ermuntert wurde. Jedoch muß ich der Wahrheit die Ehre geben und bezeugen, daß der Bau einer großen Synagoge 1841 von der Gemeinde feierlich beschlossen wurde, sobald die Kommunalkasse es gestatte. — Der Bau eines Krankenhauses ist bald °) Als vor einigen Jahren der Chasidim-Rabbi I i scolka Baal Schem nach Jassy kam, hat er 12,000 £)iu ten von dieser bothörlen Gemeinde heim geführt. Jetzt wohnt dieser Gauner und Betrüger in S ada Gora in der » Bukowina. beendigt, und der große Geldaufwand für denselben mag der Hauptgrund sein, daß der Synagogenbau nicht begonnen wird. Was die Rechte unseres Bet-Din anlangt, so dürfen sie alle Civil-Processe zwischen Israeliten nach talmudischem Rechte schlichten, jedoch steht es den Parteien frei, ihre Rechtsstreitigkeiten vor die Landgerichte zu bringen, was freilich nur ein geringer Theil thut. Eine eigenthümliche Erscheinung aber ist es, daß neben dem fanatischen Chasidismus und bei aller finstern Orthodoxie, welche der Rabbiner mit seinen Kollegen zu verbreiten suchen, neben der Abgesondertheit in Kleidung und Sitten und großentheils auch in Sprache von den andern Moldauern, dennoch der Uebertritt zur orientalisch-griechischen Kirche (selten zur katholischen oder protestantischen) nicht selten ist. Die Nationalkirche gewährt so viele Vortheile und die Bekehrten werden so kräftig mit Geld und durch Protektion unterstützt, daß dieses wohl vorzüglich die Bekehrungen veranlassen mag, obgleich schon ein Grad von religiösem Jndifferentismus dazu gehört, den ich so hart neben dem Fanatismus kaum begreife. Eigenthümlich ist es auch, daß alle getauften Juden der Moldau den Namen „Basil Botusat" (d. h. Basil der Getaufte) erhalten, was mir der Zeit, da sich dieser Name so vielfach wiederholte, nun blos „getaufter Jude^ bezeichnet. — Wie tief noch unser Rabbinismus steht, möge man aus folgendem Vorgänge entnehmen. Ein junger verheiratheter Mann kaufte von den Christen geschlachtetes Fleisch und verspeiste es; der Rabbiner verurtheilte ihn, in der Synagoge längere Zeit hindurch nur an der Lhüre seine Gebete verrichten zu dürfen, so daß natürlich jeder Eintretende mit Fingern auf ihn wies. Ferner wurde ihm ein schweres Stück nicht koscheres Fleisch aus die Brust, und ein gleiches auf den Rücken gehängt und in diesem lächerlichen Auszuge mußte er die Straßen durchwandern. Zum Desert wurde er der Polizei übergeben, die ihn mit dreißig Peitschenhieben absolvirte. So tief stehen wir noch in Europa und die stolzen, heuchlerischen und niederträchtigen Rabbiner Deutschlands meinen, wir hätten vor lauter Aufklärung nichts mehr zu (hun! Daß kein Jude bis jetzt am Unterrichte in einer öffentlichen Anstalt Theil nimmt, obgleich Georg Asaki, der gebildete und gelehrte Vorsteher dieser Anstalten schon oft dazu ermahnte, ist kein Wunder. Nur in ärztlicher Beziehung leisten die Juden hier wie überall sehr viel; zwei Dritttheile der moldauischen Aerzte sind Juden aus Galizien und Ungarn, aber freilich keine Einheimischen. In Bezug aus die ärztliche Praxis zeigt sich hier dieselbe' Erscheinung wie in Rußland; der Charlatan und Aufschneider, der eigene Equipage hält und mit einer Zigeuner-Bedienung austritt, macht sein Glück, während der ordentliche hier keinen Eingang findet. — Nächst dem politisch - allgemeinen und religiösen Zustande bietet der bürgerlich-sociale noch sehr reichen Stoff zur Mil- 1 theürrng; den ich hier um so lieber benutze, als man dadurch eine Ansicht von dem hiesigen Leben und Treiben gewinnt..