Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1844)
- Date
- 1844-02-27
- Page
- Seite 68 (sequence 7)
- Language
- German
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63 - bensbrüdern, und die Schwierigkeit, zuverlässige Nachrichten von dort zu erhalten, trug dazu bei, daß die deutschen Juden fortwährend ohne Argwohn ihre Gelder arglos dahingaben. Die Reise des Sir Moses Montesiore nach Palästina gab den diesseitigen Israeliten zuerst Gelegenheit, Anknüpfungspunkte mit diesem Lande zu erhalten, wodurch man endlich genaue Mittheilung erhielt, die vorläufig dahin geführt, daß man von dem Konnte wiederholt in öffentlichen Blättern Rechenschaft forderte, die es jedoch bis zur Stunde geradezu abzulegen verweigerte und genug gethan zu haben glaubte, wenn es seiner zu Frankfurt am Main eingesetzten Agentur einen Buchauszug zur Einsicht vorlegte! Genauere und spätere ofsicielle Mittheilungen brachten nun die seltsam klingende Mähre, daß der Präses dieses Komitees sich den Titel eines Fürsten von Palästina beigelegt, von seinem fernen Wohnorte aus Rabbiner und Gemeindevorstände ab- und einsetzte und Agenten besoldet, die sich alle möglichen Bedrückungen rc. erlaubten; so daß er sogar Dekrete und Edikte im Namen europäischer Fürsten erließ und zur Ausführung brachte! Die Israeliten in England, von diesem Unwesen zuerst in Kenntniß gesetzt, machten den Anfang damit, ihre sehr bedeutenden Spenden dem amsterdamer Konnte nicht mehr zu schicken, und mehre große Gemeinden Deutschlands folgten diesem Beispiel. Der edle Montifiore, einsehend, daß die moralischen Gebrechen dieses Landes eine Folge der verwahrlosten Erziehung und des verknechteten Sinnes der Bewohner seien, faßte den hochherzigen Entschluß, eine Schule dort selbst zu errichten zur Erziehung und Heranbildung einer Jugend, der es nur an einem Hebel für ihre intellektuellen Kräfte fehlte, um sich geistig und materiell von den schmählichen Banden eines Unberufenen zu befreien. Zu gleicher Zeit sollte ein Hospital gegründet werden, damit die jüdischen Kranken nicht mehr nöthig hätten, im englischen Missions-Hospital ein Asyl anzunehmen, das häufig mit der Aufgebung des väterlichen Glaubens erkauft worden war. In England sind bereits ansehnliche Summen zu diesem Behuse 'gezeichnet worden und die Familie Rothschild bestimmte die bedeutende Gabe von 100,000 Francs für diesen humanen Zweck. Man durste wohl voraussehen, daß das amsterdamer Konnte dieser nützlichen Institution wenigstens nicht entgegenarbeiten würde; aber im Rathe der frommen Männer in Amsterdam war es nicht so beschlossen. Der „Fürst von Palästina" sich vergeblich dahin bemühend, daß die erwähnte großmüthige Schenkung zurückgenommen würde, wandte sich an seine Untergebenen in Palästina, die sich nun selbst dahin verwenden sollen, daß die geistig und körperlich verwahrloste Jugend keinen Unterricht genösse, daß die Liebe zu nützlichen Gewerben nicht angeregt und. den Hilflosen und Kranken kein Asyl gegeben werde. Die holländische Opposition, den ihr von Deutschland zugehenden Unterstützungsgeldern hauptsächlich ihre Macht und ihr Ansehen verdankend, konnte lediglich durch Entziehung derselben gebrochen werden, und wirklich haben schon angesehene Gemeinden und Personen ihre gewöhnlichen Spenden für Palästina den erwähnten projektirten Instituten zugewendet. Der großherz, badische Oberrath ging mit seinem einflußreichen Beispiel voran, und wir hoffen, daß noch andere Gemeinden, die das Bedürfnisder Zeit besser erkennen, als der „palästinensische Fürst," hierin nicht Zurückbleiben werden. Deutschland. Tübingen, im Febr. Der christliche Staat; ist das Schreckdild, das die Juden vom Felde des Bür-; gerthums fern halten soll. Das Wörtchen und wiederum so inhaltschwere Wort „christlich" wird den Juden als Antwort ertheilt, wenn sie in den Staatskörper ausgenommen zu werden verlangen. Allein nicht blos die Emancipation muß dem „christlichen" Staate geopfert werden, auch die Wissenschaft, die Lehrfreiheit wird in einem konsequent christlichen Staate beschränkt, ja ist un- \ möglich. Dieses fo vielfach besprochene Thema hat Hr. Zeller, Privatdocent an der hiesigen Universität, in den \ hier erscheinenden „Jahrbüchern der Gegenwart" zum Gegenstände einer Abhandlung gewählt und ist, wie es wohl zu erwarten war, auch auf die Emancipation der : Juden gekommen. Mit Recht hebt Hr. Z. die Jnkonsequenz des christlich sein wollenden oder sollenden Staal tes hervor, der die Juden und überhaupt alle Nicht- 1 christen gar nicht dulden dürfe, und dies einzige Faktum! reicht hin, den christlichen Staat Lügen zu strafen. Eben , so wahr ist es, nach Hrn. Z., daß kein Staat der Emanl cipation der Juden auf lange hin sich werde widersehen I können, und daß das Bürgerthum höher als der Adel > stehen müsse, indem selbst diejenigen Smaten, welche ' den Juden keine Bürgerrechte eiuraumen wollen, sie doch : für würdig halten, in den Adelsstand erhoben zu wer-! den und ihnen Orden zu verleihen. Doch was ist's, > worauf wir eigentlich hinauskommen wollten? — Daß; nicht blos im Interesse der Juden, sondern auch zu! Gunsten der Wissenschaft, d. h. der freien, gegen den { christlichen Staat angekampft werden müsse; daß daher } nicht blos Juden, sondern auch Christen, die frei im l vollen Wortst'nne sein wollen, dem „christlichen" Staate - mit aller Kraft und allem Nachdrucke sich entgegensetzen : müssen. Die Judenftage ist die Frage der Mensch- : heit! \ Nassau, 11. Febr. Gestern wurde unsere Ständel' Versammlung eröffnet, und auch die Juden werden eine k Petition um völlige Emancipation einbringen, zu welcher wir vorzüglich vorbereitet sind. Da sich unsere Stände \ immer Human gezeigt, so erwartet man von ihnen das z Beste. Bevliitt, 16. Febr. DerKrkminalaktuar Thiele, bekannt durch sein zweibändiges Werk ,,über die jüdischen