Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 8 (20.2.1844)
- Date
- 1844-02-20
- Page
- Spalte 119-120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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119 Studien. Geschichte der Samson'schm Freischule zu Wolfenbüttel. 12» religiösen Feiertage werden mit alter Gemächlichkeit,05)( die Familienfeste der Lehrer mit Liebe begangen, die Kinder fühlen es, daß sie einer größer« Familie angehören und ihr Herz gewinnt dadurch an Empfänglichkeit und Interesse für das eigne hcimathliche Familienleben. — Die jährlichen Haupt- Prüfungen tragen viel zur Anregung der Lehrer und Schüler und zu einer freieren Bewegung der letzter» bei, wenn auch die verhältnißmäßig kleinen Räume nur eine beschränkte Oeffentlichkeit gestalten. — Ferien im eigentlichen Sinne können für eine Erziehungsanstalt nicht eintreten, in der arme Kinder aus weitentfernten Gegenden leben. Doch hört der regelmäßige Unterricht zu der Zeit der Pesach- und Sukkotfeste auf; die nahe wohnenden Eltern werden von ihren Kindern besucht, die übrigen bringen die Zeit, in der Anstalt selbst, des Morgens mit Arbeiten, des Nachmittags und Abends mit Spielen, mechanischen Beschäftigungen 10*) und Spaziergängen hin.. Die Michaelisserien dauern 2—3 Wochen, weil dann der Kursus sich abschließt, Zöglinge entlassen, andere neu ausgenommen werden.. Schluß. Ueberblicken wir jetzt, mit Hinweglassung der Bet ha-Midrasch Zeit, die 37 Lebensjahre der Samson'schen Freischule, so erkennen wir auch in ihnen den Bildungsgang des deutschen Iudenthums. Wie dieses sich aus einer durch tausendjährigen .Druck und tausendjährige Gewöhnung verhärteten Schaale löst und sich freier und fester entfaltet, so schüttelt auch die Schule jene Fesseln finstrer Zeiten von sich ab und gründet, nach kurzem Schwanken, der Jugend ein neues Haus voll schöner und inniger Zukunstshoffnungen. Der Erzieher selbst steht muthig inmitten der Zeit und ihrer Kämpfe, nimmt diese in sich auf und muß sich hindurcharbeiten zur Klarheit, muß kämpfen für seine Emancipation, nicht von bürgerlichem Drucke, sondern von der Oberherrlichkeit des NabbinismuS104); aber der Jugend hält er die Gährung fern, denn zeitig genug stürzt des Lebens Drang die jugendlichen Phantasiegebilde und Lustschlösser um, so wie der Hoffnung des Erziehers gleichfalls manche schöne Knabenblüthe zu Boden sinkt —- ein sehr herber Schmerz I — Wollte man die Erziehungsresultate der S. Fr. Sch. im Einzelnen ver- 102) Dem Neujahre fehlen nie die kindlichen Glückwünsche und Blumenkränze für die Lehrer. Die Abende des Chanuka-Festes werden zu heitern Spielen verwendet; zum Purim schließt sich an Spiel und Lust ein gemeinschaftliches Festmahl an. . 103) Eine Erweiterung solcher mechanischen Arbeiten lohne einen Uebergriff in die praktisch-gewerbliche Tendenz) halte ich für sehr wünschenswerth. Wahrscheinlich erhält die S. Fr. Sch. schon im nächsten Sommer einen praktischen Lehrer der Gärtnerei. Dann sollen die Knaben unter dessen Aufsicht in ihren Freistunden den Garten bearbeiten und auch in solcher Weise Körper und Geist für die Zukunft stärken. 104) Wie weit diese Emancipation des Lehrerstandes gehen müsse, das bedarf einer gründlichern und umfassender» Erörterung, als der Ort es hier zuläßt. folgen, man bedürfte der göttlichen Allwissenheit, um zu einem sichern Schluffe zu gelangen. Möge ein Jeder sich selbst die Frage beantworten: Wie viel müßte eine Anstalt in der geschilderten Verfassung während eines 37jährigen Wirkens zu den Bildungsfortschritten im Judenthume beitragen? — und hierbei noch folgende Thatsachen 10 5) beachten, die ich einfach so gebe, wie sie mir vorliegen. Bis zum Schlüsse des Jahres 1843 sind 201 Zöglinge (darunter 39 Pensionäre und 6 Halbpens.) in die S. Fr. Sch. ausgenommen und 183 aus derselben entlassen worden; 23 sind seitdem gestorben, zum Theil ehe sie sich zu irgend einem Berufe bestimmen konnten. Unter den Uebrigen sind kaum 6—8, die überhaupt durch ihr späteres Betragen der Schule nicht zur Ehre gereichen; die Meisten zeichnen sich mehr durch ein sicheres moralisches Selbstbewußtsein, als durch äußerlich keckes Hervortreten aus: eine Erscheinung, welche den ■ sehr häufig einlaufenden Bitten um Zuweisung entlassener Zöglinge der S. Fr. Sch. entspricht. — Da in der ersten Hälfte des Zeitraums viele Knaben das Gymnasium besucht haben, so finden sich aus dieser Zeit mehr Studirende, als später, nachdem die Anstalt entschiedener der Bestimmung einer Bürgerschule sich zugewandt hatte; — aber auch wehr zum Christenthume Uebergetretene, weil dem Juden (wenn er nicht Arzt war) bald jede Aussicht zum Fortkommen innerhalb der Wissenschaft genommen ward. Von den bis zum I. 1824 Aufgenommenen haben daher zehn ihre Religion gewechselt, nach dieser Zeit nicht ein einziger. Nach den Fächern, die sie ergriffen haben, vertheilten sich die Zöglinge in folgender Weise, soweit darüber Nachricht einzuziehen möglich gewesen ist. Zu Lehrern an Schulen und Universitäten haben sich bestimmt oder ausgebildet — — — 23 106), zu Aerzten — — 8, zum Advokaten — — — — 1, — Chemiker — —- — — 1, zu Apothekern — — - — 2, — O ekonomen — — — _ 2, — Künstlern und Handwerkern — 34 107), — Fabrikanten, Comtoir isten uno Kauf- ' leuten -- — — — 73. Den eigentlichen Kleinhandel hat, so viel mir bekannt ist, keiner von Allen ergriffen, doch sind einzelne Schüler gänzlich meinen Augen entrückt worden und alle Erkundigungen vergeblich gewesen. Möchten dieselben sich den 105) „Das sicherste äußere Erkennungszeichen, ob eine angewendete Methode der Erziehung und des Unterrichts gut sei, liegt blos in dem Erfolge." So Braubach Fundamentallehre der Pädagogik. Gieß. 1841. S. 173. 106) Darunter 3 Professoren (1 Dr. theol. und 2DDr. phil.), 4 Doktoren der Philosophie (ohne die vorher genannten), 1 Prediger —fast alle zugleich als Schriftsteller berühmt und geachtet — 2 studiren noch;. einer ist später Kaufmann geworden. ' 107) Von denen 2 nachher Kaufleute geworden sind.