Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1844)
- Date
- 1844-02-20
- Page
- Seite 63 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63 dem Schlendrian und in der schwächlichen Weichherzigkeit ihren Grund hat, aber mir kommt's nur auf die nackte Thatsache an. Man braucht sich nur auf unserem Markts umzusehen, wo tausend Gestalten in der für die Juden so unheilvollen Tracht in allen möglichen Stellungen, gestützt auf ihren Stöcken, den abschreckendsten Müßiggang repräsentiren, und in diesem Müßiggänge, in dieser widerlichen Unthatigkeit liegt das Unglück, die Armuth Bcody's, welche weder reiche Spenden noch Almosen je vertreiben können. Aber diese Unthatigkeit, diese Armuth ist selbst nur erst eine Folge, die sich aus der unglücklichen Lage Brody's erst ergiebt. Brody ist unglücklicher Weise eine Freistadt, die einzige in Galizien, und wie ich glaube in ganz Oesterreich, und wäre sie durch diese Freiheit nicht so grenzenlos elend, so könnte man wohl leicht denken, daß Oesterreich sie vernichtet haben würde. Als Freistadt darf zwar jede Art ausländischer Waare hereinkommm, aber nirgends hinaus, so daß unser Verkehr buchstäblich um und um abgeschnitten ist. Von dem Verkehr mit Oesterreich und Rußland gleich ausgeschlossen, ohne Gewerbe und Kunst, ohne Handwerke und Ackerbau und doch nur auf sich ganz allein angewiesen, so kann man sich leicht denken, daß diese unförmliche Masse zum tiefsten Elend, zur grenzenlosen Armuth herabsinken muß. Ein Theil sucht zwar in Leipzig und Wien durch Sensaldienste sich zu bestimmten Zeiten etwas zu erwerben, aber da selbst zu diesem Erwerbe der Zudrang zu stark ist, da ferner dieselben in unserer Stadt das anderswo Erworbene verzehren müssen, so bleiben sie selbst bei den bedeutenstenVerdiensten immer arm, und oft kann eine einzige Zufälligkeit, wie z. SS. Krankheit, eine achtbare Familie zum Bettelstab bringen. Dazu kommt noch der Zulauf aus Rußland, indem oft ganze Banden von Vagabunden, Trupps entlaufener Kinder unsere Freistadt als Zufluchtsstätte aufsuchen, um der russischen Geißel zu entgehen. Daß dieser Zufluß nur die Armuth befördert, ist leicht zu begreifen, vorzüglich da Niemand im Stande ist, weder die eingebornen hiesigen, noch die eingewanderten Armen nützlich zu beschäftigen. Aber warum geschieht dieses nicht? Darauf hört man die stereotype Antwort: „Es wird durch den Staat verhindert^; aber so viele Hindernisse und Hemmnisse auch durch den Staat gegebensind, die beharrliche Vorstellungen könnten sie beseitigen, und unsere Reichen sollten schon aus eigenem Voctheil auf Beseitung der Hindernisse hinarbeiten. Von den vielen Hindernissen will ich beispielsweise nur folgendes erwähnen. Nichts wäre bekanntlich für unsere von armen Glaubensgenossen übervölkerte Stadt heilsamer als die Auswanderung, woran zwar schon viele Menschenfreunde gedacht, aber keiner seine Kräfte daran gesetzt, um sie möglich zu machen. Nun weiß Jeder, daß Auswanderungen in die Grönländer oder in die andern Provinzen des Kaiserthums sehr schwer sind, da die außergalizischen Provinzen die Einwanderung galizischer Juden nicht erlauben; aber da bleiben noch die Auswanderungen nach Frankreich, England und Amerika, wo der Jude in seinen heiligsten Lebensgütern nicht geknechtet wird, und diese Auswanderung ist gesetzlich erlaubt. Der Gebrauch, die Auswandernden durch die besondere Taxen- und Steuer-Verhältnisse zurückzuhatten, hat sich gegen das Gesetz eingeschlichen, und wenn es unseren Reichen und Großen Ernst wäre, so würden sie diese Hindernisse besiegen können. Und wie doppelt wohlthätig wäre eine solche Auswanderung der Brodyer Armen! (Fortsetzung folgt.) Moldau und Walachei. Jassy, 1. Febr. Durch lange und mühsame Debatten hat es der Ritter Neugebauer, preußischer Konsul in unserer Stadt, endlich durchgesetzt, daß das geraubte und gewaltsam getaufte Judenmädchen Feige Mandelbaum den Eltern zurückgegeben werden muß. Der Fürst S tour dz a soll eigenhändig diese Verfügung getroffen haben, um, wie er sich ausdrückte, mit Preußen in gutem Vernehmen zu bleiben. Was die strengen Maaßregeln gegen uns anlanqt, so enthält beiligende Korrespondenz das Nöthrge darüber, sowie überhaupt das Wichtigste aus unserer neuesten Geschichte. Zur Geschichte der Jude» in der Moldau und Walachei. Jassy, 1. Februar 1844. Die Nachricht von der beschränkenden neuen Verordnung gegen die Israeliten der Moldau, werden Sie gewiß aus den öffentlichen Blättern erfahren und vielleicht durch ein besonderes Schreiben zur Kunde gebracht haben (s. Nr. 2). Ohne dasselbe aber hier zu wiederholen, "will ich nur bemerken, daß die Angabe in vielen politischen Blättern, die moldauischen Israeliten hätten der Negierung eine Summe Geldes für eine Zurücknahme jener schändlichen Verordnung augeboten, seine volle Nichtigkeit habe. Es war überhaupt nur aus eine Geldprellerei abgesehen, wie hier zu Lande alle Gesetze über Juden, und da man wußte, worauf es eigentlich ankommt, so wurden die Geldhebel in Bewegung gesetzt, die wenigstens das Resultat lieferten, daß die Verordnungen ad Acta gelegt wurden. Ihre idealistischen Leser in Deutschland, die edlen Kämpfer für Recht und Freiheit in deutscher Zunge, höre ich schon die Frage aufwerfen: Warum nicht das Recht fordern und dafür die Bestechung vorziehen? Diesen möchte ich aber antworten,