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Der Orient · 1844-02-20 · Heft 8 (20.2.1844) · p. Seite 62

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 8 (20.2.1844)
Date
1844-02-20
Page
Seite 62 (sequence 11)
Language
German
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62 Handlungen darüber gediehen seien, ob es bald ins Leben treten werde w. Leider kann ich Ihnen darauf blos erwidern, daß Ihr und Ihrer Leser Wunsch ein pimn clesiderium ist, indem ein ernstes Einschreiten, um das erwähnte Kollegium gründen zu können, selbst noch unter die pia disideria gezählt werden muß. Und doch bedarf es nicht vieler Worte, um die dringende Nothwendigkeit eines solchen Instituts darzuthun. Zwar wirken Rapaport, Freund, Redisch, Sachs, Wessely für die Bildung der Rabbiuatskandidaten, deren es bei uns eine bedeutende Anzahl aus den verschiedensten Landern giebt; allein es fehlt die Einheit, die gehörige Proportion in den Lehrgegenständen> es bleiben noch immer Lücken, die nur ein geregeltes Institut ausfüllen kann. Bin ich auch jetzt nicht im Stande, Ihrem Wunsche zu entsprechen, so habe ich doch zu der rastlosen Tätigkeit unseres Vorstehers Landau Vertrauen, und lebe der Hoffnung, Ihnen vielleicht bald von der Einweihung des Collegium Rabbinicum berichten zu können. — Der Bibliothekar an der hiesigen k. k. Bibliothek, Hr. Dr. Anton Spirk, giebt in den von Schmidt in Wien redigirten ,,österreichischen Blättern für Literatur rc." eine Beschreibung der hiesigen Bibliothek Wir richten an diesen wahrhaft humanen Gelehrten im Namen Vieler die Bitte, die orientalischen Bücher und Handschriften, welche sich auf der Bibliothek finden, in einem passenden Organe beschreiben zu wollen oder beschreiben zu lassen, so es seine anderweitigen Beschäftigungen ihm nicht erlauben. , Von der Humanität dieses Gelehrten hoffen wir die Gewährung unserer Bitte. Brvdy, 1. Febr. (Dritter Brief*). Die Kunst sollte den Staat, gleich der Gerechtigkeit, in dem Bilde einer die Augen umhüllten Minerva darstellen, welche die Waage in der Rechten halt; denn der letzte Begriff des Staats ist nichts Anderes, als die Vergegenwärtigung der Gerechtigkeit gegen alle Genossen desselben, nichts Anderes, als das Gesetz und die Gleichheit vor demselben. Aber die freie Kunst hat eine solche bildliche Darstellung noch nicht gemacht, weil sie nicht der Lüge und dem Truge feil ist; noch giebt's keinen Staat, der ohne Ansehen der Personen Gerechtigkeit allen seinen Genossen spendet, noch giebt's keinen, der die Waage in seiner Rechten halt, um ja keinem Stand, keiner Konfession Unrecht zu thun; obgleich schon manche Staaten die Schranken der Bekenntniß-Unterschiede gebrochen, und die Scheidewände der Stande äußerlich niedergerissen. Oesterreich, unser Vaterland, kann gewiß nicht auf diese ideale Darstellung eines Staates Anspruch machen; Oesterreich ist in mancher Beziehung der Gegensatz jener Minerva; ohne Augenbinde, ohne Waage und gewiß nicht das ideale Muster *) Der. zweite konnte bis jetzt aus den oben Nr. 4 angegebenen Gründen nicht abgedruckt werden. Red. eines Minerva - Staates. In Standes - Unterschiede vielfach zersprengt, in konfessionelle Abstufuugen unheilvoll gesondert, allgemein stack besteuert und manchem geistigen Drucke ausgesetzt, muß es uns Galizier tief erschüttern, innerhalb des großen Staatskörpers noch einer eigenen Abstufung von Vexationen, geistigen und leiblichen Druckes ausgesetzt zu sein. Ich würde meiner Darstellung die glühenden Farben eines Correggio gewünscht haben, wenn nicht schon die einfachen Thatsachen mit feurigen Zungen unser Unglück laut genug verkündeten. Den Juden Rußlands tritt die nordische Harte barsch und gewappnet entgegen, unbekümmert um unsere Ansichten über Humanität Ukase gebend, und gleichgültig, wenn die Schläge auch das Leben vernichten; die Judengesetze Oesterreichs verbinden gewohnte Eigenschaften mit dem Raffinement der Civilisation und die erkünstelte Humanität gleicht den galvanischen Schlagen, welche die Erschöpfung zum neuen Leben ruft. Die Armuth und das Elend unserer galizischen Glaubensgenossen, namentlich das tiefe Elend und die Nahrungslosigkeit in unserem von Juden übervölkerten Brody ist herzzerreißend, daß die Staatspolitik es schon erforderlich gemacht, bei diesem traurigen Anblicke an eine Milderung der Steuerlasten zu denken. Aber Oesterreich scheint das konservative Princip über Alles zu erheben; die Einsicht in die Folgerungen der Gegenwart, das Wohl der jüdischen Staatsgenossen, sind dem obersten Staatsprincipe gegenüber nur untergeordnete Faktoren, die man wegen des großen Zweckes unbeachtet läßt. Doch mein Vorsatz ist hier nicht, die Staatsgrundsätze zu meistern, sondern nur unsere Zustände zu schildern, und diese sind so furchtbar und herzbrechend, daß ich, wie die Chinesen, ohne Schatten malen kann, um mein Nachtgemalde darzustellen. 1. Die jüdische Bevölkerung unserer Stadt, gegen welche die christliche fast ganz verschwindet, belauft sich auf ungefähr 25—30,000 Seelen, und in dieser großen angehäuften Masse hat man Mühe, 50 im deutschen Sinne wohlhabende Familien zu entdecken, alles übrige ist arm, blutarm, so daß bei einem großen Theile die ser Armenkolonie ihre elende Existenz wie ein Wunder erscheint. Nicht die reichen jüdischen Familien Deutschlands, die große Summen der jüdischen Armenkommission übergeben, sondern unsere wenigen Reichen wissen von der Qual der Armuth zu erzählen; denn von früh bis spät ruht nicht die Bettelei in allen Formen, in allen Gestalten, und ich habe oft den Muth unserer Wohlthäter bewundert, die willig sich diesem Fegefeuer hingeben. Das ist die Allmacht der Gewohnheit. Das Spenden der Almosen ist eine angeerbte Tugend, und Alles was man ohne eigenes Bewußtsein, ohne eigenen Willen thut, hört auf eine Tugend zu sein. Es fallt mir daher nicht ein, die Freigebigkeit unserer Brodyer reichen Juden als Tugend anzupreisen, da diese Tugend mehr in

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