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Der Orient · 1844-02-20 · Heft 8 (20.2.1844) · p. Seite 59

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 8 (20.2.1844)
Date
1844-02-20
Page
Seite 59 (sequence 5)
Language
German
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59 Posen, 5. Febr. Der junge Literat Mauritius hierüber eine kleine, sehr einseitige und unvollständige Schrift über die neueste polnische Literatur herausgegeben und vor Kurzem auch einigen Skandal mit der hiesigen Geistlichkeit halte, hat die Meinung aufgestellt, daß die preußische Regierung darauf hinzuarbeiten habe, das vorwaltende, jüdische Element in unserer Provinz, welches für den Handel und den Gewerbfleiß so nachtheilig einwirkt, durch zweckmäßige Gesetze und Vorschriften zurückzudrängen. Au diesem Zwecke schlagt ec vor, bei der Ertheilung einer völligen Emancipation nur diejenigen Städte zu berücksichtigen, wo die jüdische Bevölkerung sehr unbedeutend ist, hingegen in unserer Stadt, wo gegen 10,000 jüdischen Glaubens wohnen, so wie in den Städten mit großen Judengemeinden, soll die Emancipation noch verschoben werden. Ueberdies sollte die Regierung darauf hinarbeiten, die Auswanderung der Juden aus unserer Provinz in die andern zu befördern und die Zuwanderung durchaus zu verhindern. Es verlohnte sich in der Thal nicht der Mühe, das Schlechte und Falsche in diesen Wünschen zu widerlegen, und wenn ich hier doch Einiges darüber sage, so geschieht es nur deshalb, damit die Negierung, der jetzt die Ausarbeitung eines neuen Judengefetzes vorliegt, nicht durch diese preußenseindliche, polnische Gesinnung sich täuschen lasse. Ist die Förderung des Handels und des Gewerbfleißes von Seiten unserer Posener Juden an und für sich etwas Verderbliches, dann hätten wir mit Hrn. Mauritius gar nicht zu rechten, da diese Ansicht als verkehrt bekannt ist. Meint er aber blos, daß die Juden in einer unehrlichen und betrügerischen Weise in Handel und Gewerbfleiß walten, so müssen wir ihn als den unverschämtesten Lügner bezeichnen, da weder die Bewohner unserer Stadt noch das Gesetz den Juden bis jetzt diesen Vorwurf gemacht. Die Juden waren und sind noch jetzt die Einzigen in dieser unter der polnischen Herrschaft, so .verwahrlost gewesenen Provinz, welche Handel und Industrie gefördert, sie sind die Einzigen, welche der polnischen Faulheit gegenüber einigen Wohlstand in dieser Provinz hervorgezaubert, und wenn die Juden in Folge dessen im Ganzen wohlhabender geworden, wenn sie begüterter und wohlständiger dem indolenten, stolzen undarmseligen Adel gegenüber erscheinen, so ist dies natürlich nur eine Folge ihres Gewerbfleißes und ihrer Industrie. Herr Mauritius gehe zu den jüdischen Bankiers, zu den Groß- und Kleinhändlern, zu den Fabrikanten, ich brauche sie ihm nicht Mit Namen zu nennen, und er möge Zusehen, ob er einen dem Staate schädlichen Gewerbfleiß findet. Aber Hr. M. wird fragen: warum giebt es denn in unserer Hauptstadt nur einen jüdischen Gewecbsteiß, warum findet man ihn nicht bei den 30 Tausend der übrigen Bevölkerung? Aber auch wir würden aus wahrem Patriotismus diese Frage auswerfen, wenn nicht die Antwort so sehr nahe läge: die deutsche Bevölkerung prevalirt in dem Beamtenstand und die große polnische Masse ist auf ihrer tiefen Kulturstufe noch nicht zu der Einsicht gelangt, daß Handel und Industrie die vorzüglichsten Faktoren sind, welche ein Volk zum Selbstbewußtsein führen. Zwar haben die Polen in der jüngsten Zeit es einzusehen angesangen, daß der Handel denn doch nicht blos für Juden oder Sklaven da sei; diese Idee leitete den klugen Gründer des Bazar, aber die intoleranten Zwecke, die ihn begleiteten, die Verachtung, mit welcher der sogenannte große Adel aus diesen niedrigen Krameradel seither noch immer herabsieht, giebt den Polen das Zeugniß, daß sie für das Staatswohl noch erst erzogen werden müssen. Aus dieser klaren Darstellung ist gewiß Jedem einleuchtend, daß die Vorschläge des Hrn. Mauritius, wenn nicht pecsid, doch wenigstens aus Jrrthum entstanden sein müssen. — Daß sich bei unseren Provinzialstanden nur eine einzige Stimme für die Judenemancipation ausgesprochen, worauf Hr. M. hinweist, hat uns nicht überrascht, da die Gewählten Polen waren und nicht einmal eine Stimme hat irgend etwas für das Wohl unserer Provinz gesprochen. — Das allgemein verbreitete Gerücht, daß die Aufhebung der 18 Judengesetze Preußens in nächster Zeit zur Ausführung kommen soll, hat sich hier verbreitet, jedoch kann ich es mit Bestimmtheit behaupten, daß an unsere Gemeinde, die doch die größte im preußischen Staate ist, nicht die geringste Notiz darüber zugekommen und es ist uns auch unwahrscheinlich, daß die Gemeinden in Berlin, Breslau und Königsberg etwas Ofsicielles darüber erhalten. Berlin, 10. Febr. Ich theile Ihnen -folgenden neuen Ukas mit, ohne irgend eine Betrachtung daran zu knüpfen x „Ein kaisers. Ukas, am 4. Jan. dem dirlgirenden Senat zur genauesten Vollziehung übertragen, schreibt vor: 1) Die-Juden sind aus dem Gouvernement in. die Stadt Kiew nur zur Vollziehung ihrer dringendsten Geschäfte zuzulassen. Sie dürfen in der Stadt nur höchstens 3—4 Tage verweilen, unter Aufenthaltsscheinen, die sie nächst ihren Pässen an den Stadtthoren zu lösen haben. Für diese werden an diesen 5 verabschiedete Unterofsiciere als Wächter angestellt. 2) Lassen sich Juden in Kiew ohne diese Aufenthaltsscheine oder über den in ihnen festgesetzten Terminen ertappen, so sotten sie für diese Widersetzlichkeit in den Kreisstädten des Gouvernements auf einige Wochen zu öffentlichen Arbeiten verwendet werden. Für ihren beschränkten Aufenthalt in der Stadt werden in ihren entlegenern Vorstädten zwei besondere Herbergen eingerichtet und diese an Christen aus bestimmte Jahre in Pacht gegeben. Wahrend ihres Aufenthalts in Kiew stehen die Juden unter polizeilicher Aufsicht." Die Gesinnung, von welcher dieser Ukas eingegeben ist, ist die Gesinnung Rußlands gegen die Juden überhaupt, wie 8

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