Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 6 (6.2.1844)
- Date
- 1844-02-06
- Page
- Spalte 87-88 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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87 Studien. Geschichte der Smnson'schen Freischule zu Wolfenbüttel. 88 Eltern dann noch übrig, als dieselben erfahrnen Pädagogen anzuvertrauen, welche ihr Leben dem edelsten Berufe geweiht haben? Dies sind freilich nur äußere Gründe; ist mit ihnen aber schon die Berechtigung zur Existenz der Erziehungsanstalt überhaupt erkannt, so wage ich eine jüdische E. A. sogar für ein wahres Bedürfniß in unsrer Zeit zu erklären. Unsere Zeit ist eine Zeit der Ga'hrung, die Gegensätze treten schroff einander entgegen, fast keine Familie ist frei von Kämpfen. Schon vereinigt uns nicht mehr das Banner des gemeinsamen Kampfes gegen den Druck der Staaten. Das Leben tritt den Kindern schon im häuslichen Kreise in all seiner Rauheit entgegen; die Menschen zeigen sich in ihren Inkonsequenzen, ihren verwirrenden Reden und Handlungen, so daß den Kindern in früher Jugend das geraubt wird, was die Jugend so schön, so echt kindlich macht, die glaubensvolle, zweifelfreie Seele. Man wende mir nicht ein, sie habe dafür Gelegenheit, früh die Gegensätze kennen zu lernen, wie sie im Leben sich einst offenbaren und dadurch sich für das Leben zu bilden. Ich halte dieses Nivellirungssystem für eine Sünde an der Kinderwelt. Die Jugend soll sich frei und ungehemmt entwickeln können, soll ihre geistige Kraft, ihre Phantasie nicht eingezwängt fühlen anders, als durch das Sittengesetz; nicht einmal die Vernunft sollsie beengen. Die Grundlage der ganzen Erziehung sei der Glauben, der religiöse Glauben ebenso wie der Glauben an die Liebe und Sorgfalt der Eltern und Lehrer. Was soll die Jugend mit Lebenserfahrung? was mit dem Bewußtsein des praktisch Nützlichen? 4S) was mit der Sorge für der Zukunft? Ja, ich halte es, mit einem geachteten Pädagogen, überhaupt für den Beruf jeder Schule46), von der Elementarschule an bis zum Gymnasium, blos die geistigen Kräfte der Schüler zu beleben, zum Bewußtsein zu bringen, so daß nur der Bildungsstand im Allgemeinen, den die Kinder erstreben sollen, einen Unterschied unter den Arten der Schulen Hervorrufen könne. Unser Streben sei, dem Kinde eine tüchtige Grundlage für die Zukunft mitzugeben. Alles für das Leben im Voraus Fesselnde bleibe möglichst entfernt. Dann verschwindet der Mechanismus, und der Geist herrscht allein. Dem jüdischen Knaben thut dieses Fernhalten des Materiellen vorzüglich Roth, damit die Materie ihn nicht spater ganz erfasse; dem jüdischen Knaben muß die reinste Liebe zum väterlichen Glauben so frühzeitig und so tief ein- 45) Möge ich nicht mißverstanden werden. Ich will keine klausurartige Abschließung der Jugend von der Außenwelt, im Gegentheil eine stete Berührung mit derselben, aber auch dies nur (mehr passiv, als aktiv) zur Erhaltung des heitern Iugendsinnes, nicht daß der Ernst des Lebens vorzeitig in die Kinderherzen sich festsetze. Ebenso wenig soll die Jndividialität jedes einzelnen Kindes verwischt werden, dieselbe kann sich gerade auf dem angegebenen Wege am freisten entwickeln. 46) Mt Ausschluß der eigentlichen Gewerbschule. gehaucht werden, daß derselbe sein ganzes Ich durchdringe und sein Lebensglück begründe, auch wenn die Außenwelt rauh und drangvoll erscheint. Der jüdische Glauben greift aber gar tief ein in das ganze Leben, er läßt sich nicht, wie in vielen Schulen, aus einzelne Religionsstunden beschränken, und so als Nebensache behandeln. Wie jene bis zum vorigen Jahrhundert lebensvolle Frömmigkeit das ganze Sein unsrer frommen Ellern durchdrang, so muß derselbe Glauben, mehr vergeistigt und in anregender Erscheinung, dem Kinde überall und konsequent entgegentreten, in der Familie, dem Unterrichte, dem Gebete. Mit diesem Gedanken stehen wir vor der jüdischen Erziehungsanstalt. Sie soll Ausgleichen, soll ersetzen, was das Elternhaus nicht vermag, das ist der Beruf der Samson' s ch e n F r e i s ch u l e in der Gegenwart; sie ist eine erweiterte Familie, ein Asyl für den Glauben; sie legt dm Grund für das bürgerliche Leben. Daß sie daneben die Armuth unterstützt, den Dürftigen kleidet, speist und emporhebt zum Selbstbewußtsein, ist erst das zweite Moment. Fasten wir daher mit kurzen Worten den Beruf der S. Fr. Sch. zusammen, so soll dieselbe zunächst arme jüdische Knabe» vom neunten Jahre an^) erziehen, d. h. sie durch das Mittel einer sittlich religiösen Grundlage und einer gewiste» Summe von Kenntnissen zu ihrer Bestimmung im bÜMlichen Leben4S) vorbereiten. — Daß sie dieses Ziel in dem obigen Sinne immer und vollständig erreicht, darf ich nicht behaupten; wie sie es anstrebt, sollen die folgenden Abschnitte lehren. b. Verwaltun g. Die Samson'sche Freischule steht unter der besonder» Verwaltung eines der 3 genannten Administratoren des Sam son'schen Legatenfonds 49), der jährlich einmal seinen Mitadministratoren und dem Stadt-Magistrate zu Wolfenbüttel Rechnung ablegt, ohne daß diesem letztern oder der Regierung überhaupt ein Eingriff in die Art der Verwaltung zusteht. Die Administration beaufsichtigt die äußern und innern Verhältnisse der Anstalt, bestimmt und kontrollirt die Ausgaben jeder Art, empfängt halbjährige Censurberichte über die Zöglinge, inspicirt die Anstalt selbst und bildet überhaupt die einzige zuständige Behörde für das sämmtliche Personal der Freischule. 47) Indem die Kinder selten vor dem neunten Jahre in die Anstalt treten, hat in ihren Herzen die Liebe für Eltern und Geschwistern schon tiefe Wurzeln geschlagen und wird auf's sorgfältigste gepflegt. Sie haben auch körperlich M'N eine solche Selbstständigkeit erlangt, wie sie zur körperlichen Abhärtung und zur Erweckung der geistigen Kräfte erforderlich ist. 48) Gegenwärtig mit Ausschluß des Gelehrtenstandes. 49) Seit 1840 versieht dies mühsame Amt Hr. Dr. Cohen in Hannover, bekannt als Vorkämpfer für die Emancipation der Juden im Königreiche Hannover.