Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1844)
- Date
- 1844-02-06
- Page
- Seite 44 (sequence 7)
- Language
- German
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44 eine geraume Zeit verflossen; waren wir auch weit entfernt zu glauben, daß er, nachdem so viele Stimmen in der mosaischen Religion voranzustellen, so ergiebt doch schon der Wortlaut, daß die eigentliche Grundlage beibehalten und nicht hinweggeräumt, daß nicht mit der Schale auch der Kern weggeworfen werden dürfe, da eine Fortbildung, wenn auch noch so unbeschränkt , ohne Stütz- und Ausgangspunkt nicht denkbar ist. Auch bekundet die Geschichte diese Fortbildung, da Niemand behaupten wird , das heutige rabbinische Judenthum sei das des Moses oder der Propheten. Man hat uns auch auf die Folgen unsres Beginnens nach Außen aufmerksam gemacht, und angeführt, daß solches gegen die gerechten Ansprüche unsrer Glaubensgenossen im allgemeinen auf bürgerliche Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern benutzt werden könnte. Dieses war uns selbst nicht entgangen. Allein war dies mit dem seitherigen Zustande des Judenthums weniger der Fall? Sind aus demselben nicht ebenfalls Einwendungen gegen jene Ansprüche hergenommen worden? Und soll die Soune nicht leuchten, weil sie auch Giftpflanzen zeitigt? Wo immer übrigens solche Einwendungen bisher gemacht worden sind, ist es theils redlich und im Ernste, theils nur scheinbar und zur Selbsttäuschung geschehen. Es ist reicher Gewinn, wenn wir uns des Beifalls der Wohlgesinnten zu erfreuen haben solltendas anerzogene und eingewurzelte Uebel wollen oder glaubten wir nicht beachten zu dürfen. Wir glaubten vielmehr, es sei die Zeit gekommen, wo offenes Vertrauen eher zum Ziele führe, als mistrauische Verschlossenheit; und wir haben uns, was zum wenigsten unsre nächste Umgebung betrifft, nicht getäuscht; unsre hiesigen christlichen Mitbürger haben unser Auftreten mit entschiedenem Wohlwollen ausgenommen. Ueberall in Deutschland meinen es die Regierungen gut mit ihren jüdischen Unterthanen, und sie behandeln dieselben nur verschieden nach der Verschiedenheit ihrer Grundsätze im Allgemeinen, eigentlich nach den verschiedenen Ansichten ihrer Staatsmänner über Staat und Kirche, über Stabilität und Fortschrittes ist nur unglücklich und beklagenswerth, daß das Schicksal so Vieler von solchen dem Wechsel unterliegenden Zufälligkeiten und wandelbaren Theorien abhängt. Es stand nicht zu befürchten, daß von irgend einer deutschen Negierung unser jedenfalls gutgemeintes und uneigennütziges Vorhaben unrichtig gedeutet oder gehindert werden würde, und wirklich hat sich zn einer solchen Besorgniß kein Grund ergeben. Wohl aber trägt die bisherige absichtliche Verhüllung der inneren Zustände des Iudenthums von Seiten seiner Bekenner große Schuld an dem vielen unlaugbaren Unrecht, an manchem herben Ur- Lheile, das sie erfahren. Man hat uns vorgehalten, uns fehle der rechte Ernst, wir seien indifferent. Freilich von Fanatismus verspüren wir nicht den leisesten Anflug; wir haben zu unserem Unternehmen nur die Begeisterung gebracht, welche eine klare Anschauung bei reinem Bewußtsein giebt, und sind weit entfernt, Andersdenkende oder Andersglaubende zu hassen und zu verfolgen; darum sind wir auch keine Sektirer. Daß wir aber in unserem Streben ernst, daß wir nicht gleichgültig sind, dafür spricht die Lhatsache, daß manche von uns ihrer Pietät, ihrem Beharren beim Judenthum, kn politischer und materieller Beziehung Opfer gebracht haben, deren sich schwerlich einer unsrer Gegner rühmen kann. Der Eindruck endlich, welchen unser Unternehmen auf' unsere Glaubensgenossen gemacht, entsprach ganz unseren Erwartungen. Die Widersacher eiferten, die Gleichgesinnten dagegen und nicht eine einzige — dafür vernommen wurde, von der Bühne gänzlich abtreten wolle, so hatten wir doch erwartet, daß er in sofern zum Bewußtsein kommen würde, als er seine Nichtigkeit begreifen, die vielerlei Beurtheilungen benutzen und unter einer besseren Gestalt auftreten werde. Wir hofften daher von einer neuen offlciellen Publikation jedenfalls etwas Festes, Bestimmtes, Haltbares; daß unsere Erwartung getauscht wurde, liefert uns auf's Neue den Beweis, daß das ganze Schauspiel des Vereins als eine ephemare Erscheinung zu betrachten sei, die nie Wurzel fassen wird, und daß wir uns in früheren Beurtheilungen nicht .'geltet barten. Wenn ich dennoch diesem Gegenstände eine ausführliche Besprechung widme, so geschieht es, (Heils weil er viel von sich sprechen gemacht und Unkundigen viel Lockendes bietet, theils weil verschiedene Artikel in einzelnen Tagesblattern ihn von einer ganz falschen Seite auffassen. Wir dürfen nur diesen Korrespondenzen nicht zu viel Werth beilegen, und wenige Andeutungen sind hinreichend, sie vollständig zu würdigen. — Es ist Jedem erinnerlich, daß schon geraume Zeit vor dem Erscheinen des Programms diejenigen Frankfurter Korrespondenzen, in denen der Verein und seine Begründer mehr oder weniger gelobhudelt worden, in den besseren Organen sich unaufhörlich wiederholten. Diejenigen, welche sie verfaßten, mußten nothwendigerweise von den Gründern oder von den Mitgliedern des Vereins diese Mittheilungen erhalten haben; denn es hat sich dieser Gegenstand nicht einmal unter der hiesigen jüdischen Bevölkerung zu einer Tagesfrage erhoben, und bei der Abgeschlossenheit, in welcher hier die einzelnen Konfessionen stehen, laßt sich kernesweges annehmen, daß christliche Korrespondenten ihre Mittheilungen so zu sagen aus der Lust gegriffen haben. Daß sogar einzelne Zeitungen schon früher von der Pudlicirung des Programms einzelne Bruchstücke davon enthielten, konnte als ein Wunder gelten, wenn der natürliche Weg nicht gar zu leicht denkbar wäre. Der RV. hat diese Artikel von sich gewiesen und klug daran gethan; er weist sogar die stimmten zwar bei, nahmen aber noch großentheils Anstand die Erklärung zu unterzeichnen; hier wurden Rücksichten geltend gemacht, dort hegte man Besorgnisse; eigentlich aber war von der Abgabe einer schriftlichen Erklärung ein unmittelbarer persönlicher Vortheil nicht zu erlangen, eher ein Nachtheil zu besorgen. Nichts desto weniger haben wir uns des Beitritts vieler wackeren Männer von nahe und fern zu erfreuen, nnd da unser Unternehmen nicht auf Tage oder Wochen berechnet gewesen, so finden wir uns in unserem Vertrauen auf keine Weise erschüttert, haben uns vielmehr bewogen gefunden, auf ein Organ bedacht zu sein, welches nicht nur von dem Fortgang des Unternehmens regelmäßige Kunde geben, sondern sich auch dessen freimüthlge und gründliche Besprechung wie die Entwickelung der Konsequenzen angelegen sein lassen wird." Der Resormverein.