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Der Orient · 1844-02-06 · Heft 6 (6.2.1844) · p. Seite 43

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 6 (6.2.1844)
Date
1844-02-06
Page
Seite 43 (sequence 5)
Language
German
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43 Posen, 21. Jan. Bis jetzt ist für die. jüdischrussischen Grenzbewohner mit Worten gekämpft worden. Die deutsche Presse hat einen würdigen Kamps gegen den russischen Giganten geführt: Rußland aber blieb taub. Nun ist Hr.Dr. H ic schfeld, Rabbiner zu Wollstein, nebst seinem Schwiegervater nach Berlin gereist, um für die Unglücklichen zu wirken. Möge ihr edles Streben nicht ohne Erfolg bleiben! — Die jüdische Real-Encyklopädie, für welches die bedeutendsten Gelehrten sich lebhaft interessiren, soll nun bald an daS Licht hervortreten. Man muß es Herrn Eassel Dank wissen/ daß er die schwierige und mühsame Redaktion übernommen hat. Berlin, 1. Febr. Mehren Zeitungen zufolge soll von Seiten des Kultusministeriums an die Rabbiner im Herzogthum Posen der Befehl ergangen sein, Vorschläge zur tüchtigen Heranbildung der posen'schen Jugend zu machen. Frankfurt a. M», 12. Jan. (Würdigung des Reform-Vereins vom nichttheologischen Standpunkte.) Der Reform-Verein hat ein neues Lebenszeichen von sich gegeben, ein Eirkular, daß ich Ihnen beigehend übersende*); so ist es denn auch an der Zeit, ihn wiederum 1) Dieses Cirkular lautet r „Unser Rundschreiben vom Aug. v. I. brachte Ihnen Programm und Erklärung. Wer glaubten einige Zeit hingehen lassen und die Wirkung abwarten zu müssen, welche unser Auftreten haben würde, und sind nun im Stande hierüber zu berichten. Zuvörderst konnte es uns nicht befremden, uns angegriffen und verdächtigt zu sehen, und eben so wenig konnte es auffallen, daß man sich dazu unwürdiger Mittel und Werkzeuge bediente. Wir hatten gewagt, der Schlange auf den Kopf zu treten, und mußten erwarten, daß sie Gift spritzen werde. Auch die Glaubens- Einfalt und der Glaubens-Eifer fühlten sich herausgefordert, und verketzerten zum Ruhme Gottes und zum Heile der Seelen. Seltsam genug berichteten öffentliche Blätter von hier aus fast täglich, das Unternehmen sei in der Geburt erstickt, aus Mangel'an Thellnahme verschieden und dergleichen mehr, während es seinen ruhigen Fortgang hatte und allgemeines Interesse erregte. „Wer da bauet an den Gassen, muß die Leute reden lassen", sagt ein altes Sprichwort; das von uns begonnene Werk lag frei vor Aller Augen, wir hatten es der öffentlichen Beurtheilung unterstellt, und mußten uns diese gefallen lassen, mit der Einschränkung jedoch, aus der wohlgemeinten Nutzen zu ziehen, und uns um die andere nicht zu kümmern. Die vielen Ausfälle, Schmähungen, Aufforderungen rc., welche manche Zeitungen unausgesetzt brachten, haben wir unerwiedert und unbeachtet gelassen, und den persönlich Angegriffenen die Selbstvertheidigung anheimgestettt; diesem Borsatze werden rvir auch in der Folge treu bleiben, und „die Leute reden lassen". Dagegen sind uns von wohlmeinenden, unbefangenen und stimmberechtigten Männern Bedenken geäußerr und Einwürfe gemacht worden, welchen zu begegnen wir als Pflicht betrachten, und die wir hier in Kürze zusammen fassen wollen. Der erste Einwurf ist gegen unsre Persönlichkeit und Stellung im Leben gerichtet; man fragt nämlich, woher uns zum Gegenstände einer ausführlichen Besprechung zu machen. Seit der Mittheilung seines Programms ist Nichttheologen der Beruf zur Reform des Judenthums komme? Damit steht der Vorwurf im Zusammenhänge, daß wir negirten, ohne zu afflrmiren, daß wir einreißen wollten, ohne auszubauen, daß wir erschütterten, ohne wieder zu befestigen. Dieser Einwand beruht jedoch auf einer irrigen Auffassung der Aufgabe, welche wir uns stellten. Uns ist es allein darum zu ihun, die unläugbare Thatsache zur Offenkundigkeit zu bringen, daß ein großer, um nicht zu sagen, der größere Theil unsrer Glaubensgenossen, zum wenigsten in Deutschland, unsre Ansichten über Talmud und Messias theilen und ihre Lebensweise demgemäß einrichten. Deshalb ist unsre Aufforderung zum Beitritte nur an Gleichgesinnte gerichtet gewesen, deshalb erklärten wir von vornherein, keine Proselyten machen, keine neue Sekte im Iudenthum bilden zu wollen. Man braucht aber nicht Theologe zu sein, um Zeugniß zu geben über eine Thatsache, und um Andere aufzusordern, ein Gleiches zu thun; man braucht nicht Theologe zu sein, um einzusehen, daß es immer gut ist, wenn die Wahrheit an den Tag kommt, und daß man seinem Vaterlande die Wahrheit schuldig ist. Wir werben nicht, wir protcstiren nicht, wir bezeugen, und wünschen, daß Alle diejenigen sich uns anschließen, welche es in ihrem Gewissen können; wir geben und fordern kein Glaubensbekenntniß, nur eine Erklärung. Auch über die Folgen dieses Zeugnisses konnten wir uns nicht täuschen, am wenigsten über die nach Innen, und gerade deshalb glaubten wir uns zu einem Anderen und Weiteren nicht berufen. Die Lücke nämlich, welche durch das Hinwegsallen des Talmuds in der äußeren Erscheinung des Judenthums als einer kirchlichen Gemeinheit entstanden ist, eine Lücke, die wir nicht veranlaßt, sondern nur bezeugt haben, müssen wir Andern auszugleichen überlassen, welche durch Studien und Beruf sich dazu besser als wir eignen. Und glücklicherweise fehlt es in Deutschland nicht an jüdischen Theologen, die klar im Denken, ernst im Forschen, tüchtig im Handeln, mit sorgsamer Hand neues Leben auf den Ruinen erblühen zu machen im Stande sein werden, wie sie auch schon theilweise mit Erfolg versucht haben. Ist erst unsre Aufgabe gelöst, haben sich die Gleichgesinnten in allen deutschen Landen geschaart, dann werden größere Kräfte als die sind, über welche wir verfügen, das begonnene Werk fort und zu Ende führen. Davon durchdringe sich Jeder, der denkt wir wir, duß, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen, es nur Eines bedarf: die Wahrheit erkennen zu machen, — und daß wir jenen wesentlich fördern, wenn wir von dieser Zeugniß geben. Wer den theilweisen innern Verfall eines alten Gebäudes durch äußere Uebertünchung zu verdecken sucht, führt solches dem gänzlichen Verfalle entgegen, während das Aufdecken und Ausbeffern der schadhaften Theile dessen Fortbestand sichert. Wir begegnen nun zweien sich kreuzenden Einwürfen: daß nämlich unsre Erklärung zu weit, und anderseits daß sie nicht weit genug gehe. In sofern dieselben mit den schon besprochenen zusammen fallen, können wir sie unberührt lassen, und haben sie nur aus dm ihnen eigenen Gesichtspunkten zu betrachten. Wie im Aeußern sind auch im Innern nicht zwei Menschen einander gleich; nicht zwei Menschen denken, fühlen und glauben ganz dasselbe. Die Erklärung mußte so gefaßt sein, daß sich darüber, woraus es zunächst ankam, Jeder aussprechen konnte, ohne dadurch der Wahrheit und seinem Gewissen Zwang anzuthun. War aus diesem Grunde die Möglichkeit einer nicht beschränkten Fortbildung 6*

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