Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 5 (30.1.1844)
- Date
- 1844-01-30
- Page
- Spalte 75-76 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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7o Studien. Geschichte der Samson'schen Freischule zu Wolfenbüttel. 25' Proceß: W Abklärung konnte erst allmälig vor sich gehen, 'Und das zu erringende Ziel war mehr ein allgemein Menschliches, als ein klar ausgesprochen dem Blicke Vorliegendes. Ohne Zweifel wäre es ebenso unpädagogisch, als dem damaligen Standpunkte und dem Bedürfnisse der Schule entgegen gewesen, hätte man den Talmud von dem Lehrplane entfernt; derselbe ward noch in wöchentlich 10 Stunden gelehrt--), aber er blieb nicht mehr Zweck der Somson'schen Freischule, sondern vernunftmäßige Erziehung bei echterFrömmigkeit, deutsche Bildung und systematischer Unterricht, humane Freiheit bei gesetzmäßiger Ordnung sollten in dieselbe einkehren. Daher ertheilten mit dem Inspektor noch drei andere (2christliche) Lehrer-^) den Unterricht in der deutschen, französischen und hebräischen Sprache, im Rechnen-, der Geographie, Geschichte und Kalligraphie"). Aber das erste Augenmerk des Inspektors war auf die Religion gerichtet, deren wahrer Zustand aus der getreuen Schilderung des B. h. zur Genüge erhellt. Der Bibel - Kermtniß ward zuerst eine größere Sorgfalt geweiht, der Pentateuch theils mit Raschi theils kursorisch gelesen, die Propheten und Hagiographen exegetisch und grammatisch durchforscht, die hebräische Grammatik aber, in Verbindung mit Übersetzungen aus dem Deutschen m's Hebräische tüchtig studirt. Auf die Bibel stützte sich auch der systematische Religionsunterricht, in drei wöchentlichen Stunden, und ältere wie jüngere Schüler erinnern sich noch mit besondrer Freude dieses mit Liebe und Wärme ertheilten Unterrichts, der nicht wenig dazu beigetragen hat, dem größten Theile der aus der S. F. Sch. entlassenen Zöglinge einen so tüchtigen Fonds moralischer Grundsätze einzuprägen, welcher sich in den. Stürmen des Lebens als beste Mitgabe bewähren mußte. Früher als irgendwo in Deutschland -*) wagte der Inspektor den wichtigen, damals unerhörten Schritt, den Kursus der Religion mit dem öffentlich abgelegten Glaubensbekenntniß eines Kiraben und daran geknüpften Segen abzuschließen. Es bedurfte deshalb in der mir vorliegenden Einleitungsrede noch der Entschuldigung und Rechtfertigung bei den Anwesenden über das Neue, Seltsame der Handlung *6). Freilich ist die Form noch nickt abgerundet"); sie zeigt, wie alles Andere, den Uebergang 22' Durch den Talmudisten des zweiten B. h. Bär Blumenthal bis 1834. 23) S. unten Abschn. 4. e. 24) Hebräische Kursivschrift ward von 1804 — 13 von Ruhen Polli gelehrt, der seit 1834 an der Stelle des obengenannten Talmudisten den Unterricht im Talmud bis 1841 versah. 25) Und soweit mir bekannt ist, in ganz Europa. 26) Diese geschah am 22. August 1807. Der erste konsirmirte Knabe war— Leopold Zunz. 27) Es dürfte nicht ohne Interesse sein, diese schüchterne Form der ersten Einsegnung und ihr allmäliges zum Bewußtsein und zur Selbstständigkeit gelangten mit kurzen Worten anzudeuten, indem sie (und das ist so wichtig) nicht etwa aus Kompendien, sondern rein aus sich selbst, aus der Wechselaus der alten Zeit in die neue und wächst empor und erweitert sich mit dem Fortschritte der Gesammterziehung. Darum eben ist sie so lebensvoll, weil sie unmittelbar aus dem Leben hervorgeht, nicht künstlich anerzieht, was nicht im Kinderherzen rubt, und in dem Maaße wechselt, wie der Ideenkreis sich verändert. In ähnlicher Weise wie die höhere Weihe der Religion zog auch die Wissenschaft in die Samson'sche Freischule ein. Mit gewaltigem Durste, mit einer Hast, welche das Versäumte doppelt wieder einzubringen trachtete, drangen besonders die Zöglinge des Bet ha - Midrasch ein in die neu ecschloßnen Hatten der Wissenschaft. Wer möchte es dem Lehrer verdenken, daß er einen so schönen Eifer nicht zu hemmen wagte, und mit gleichem Eifer dem Wiffensdrange genügte? Daher füllte sich der Lehrplan mit wohl allzuvielen Fächern, eine Erscheinung, die damals freilich mit Lust und Freude überwunden wurde, später aber nach und nach auf einen mäßigen Normalstand zurückgeführt werden mußte. 2. Zeit der westphäli schon Regierung und des Befreiungskrieges bis 1815. Die westphälische Negierung hatte den Juden ihre Menschenrechte zurückgegeben; Israel Jakobson staud an der Spitze eines jüdischen Konsistoriums und begann mit Feuereifer seine Reformen in Schule und Tempel. Jede Schute ward in den Kreis der Konsistorialgewalt gezogen, und die Samson'sche Freischule um so mehr, da Jakobson mit der Familie des Stifters nahe verwandt war. Anfangs wünschte er auch meinen Vater als Konsistorialrath nach Kassel zu versetzen, gab jedoch diesen Wunsch wieder auf, als er mit inniger Freude das Institut inspicirt und dessen Standpunkt erkannt hatte. Außer einigen bei Gelegenheit solcher Inspektionen (1810 und 1811) abgehaltenen Prüfungen in Gegenwart zweier Konst'storialräthe beschränkte sich indes die Oberaufsicht des Konsistoriums auf eine jährl. allgemeine Rechnungsabnahme über die Vermögensverhältniffe. Einen Eingriff in die innern Verhältnisse wagte Niemand; selbst die Hemmung der Konfirmationen ") ward desavouirt und ist mehr der Gewiffenhaftigt des Inspektors, der das Gesetz unter jeder Bedingung achtete, als der Aufsicht jenes Kollegiums zuzuschreiben. Dasselbe wußte recht wohl, daß die Samson'sche Freischule seinen Verordnungen größtentheils schon vorausgeeilt war und von vielen Seiten bald als Musterschule angesehen wurde. Dagegen wollte das Konsistorium jenes 1767 gestiftete, gänzlich zerfallene Bet Ha-Midrasch Samson Gumpel's ohne Zuziehung des Administrators und gegen den Willen des Stifters in ein Seminarium für Gotteswirkung zwischen Lehrer und Schüler hervorgegangen ist. Ich habe deshalb im Anhänge l. Alles zusammengestellt, was über die Konfirmationen in der Sams. Freisch. bis auf die neueste Zeit überhaupt zu sagen war. 28) S. den Anhang 1.