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Der Orient · 1844-01-30 · 5 (30.1.1844) · p. Spalte 73-74

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
5 (30.1.1844)
Date
1844-01-30
Page
Spalte 73-74 (sequence 5)
Language
German
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13 Studien. Geschichte der Samson'schen Freischule zu Wolfenbüttel. 74 aus dem Fenster und bekümmerte sich so wenig um seine Zöglinge, daß dieselben gänzlich verwilderten und zuletzt buchfiä'hlich keine ganze Hose, keinen undurchsichtigen Strumpf besaßen. Da starb am 4. December 1805 Philipp .Samson selbst und hinterließ, außer den seinen Namen auf die späte Nachwelt übertragenden Stiftungen, die treffliche testamentarische Bestimmung, daß sein Neffe und Schwiegersohn I. H. Samson") die Verwaltung sämmtlicher wohlthätigen Stiftungen übernehmen sollte. Ein Kodicill, in welchem der Geh. Finanz-Rath Jakobson zum Mitadministrator bestimmt ■ war, erklärten die Gerichte freilich für ungültig; dennoch nahm derselbe einige Jahre an der Verwaltung Lheil, und beide Männer: Israel Jakobson und Isaak Herz- Samson begannen mit Liebe und Kraft das Werk der! Reform, nachdem Jakobson selbst schon 1801 die Schule in! Seesen gestiftet hatte. Der interimistisch angestellte Talmuj bist Mich ael ward im Mai 1806 verabschiedet, die erwachsenen Zöglinge wurden entlassen, die kleinern aber vorläufig der jüngern Stiftung zugetheilt, wo sie freilich dieselbe trau-; rige Behandlung wie die andern Kinder erleiden mußten, in- 4 deß wenigstens sogleich mit neuen Kleidern versehen wurben lS)> Der neue Administrator erkannte mit klarem Blicke,? daß beide Anstalten getrennt wenig, vereinigt Bedeutendes & leisten würden. Er erlangte von der Regierung die Erlaubst niß zu dieser Vereinigung und bestimmte das ältere größere Lokal zum Sitze der neuen Anstalt. Im Sommer 1806 bes. pnen die Bauten, die sich so weit erstreckten, als die zu £ einer Schule freilich wenig geeignete Lokalität es zuließ, und im Frühjahr 1807 waren die nöthigen Vorbereitungen beens digt: die Zeit des Bet ha-Midrasch schloß sich ab — eine r neue Aera begann"). l B. Die Samson'sche Freischule. (Vom I. 1807 bis auf die neueste Zeit.) - 1. Einweihung und erste Einrichtung. \ (1807 und 1808.) \ Der Administrator erblickte nur dann wahres, dauerndes; Heil für die Zukunft der neuen Anstalt, wenn ihre Leitung I ~~ I 14) Damals in Braunschweig, später in Berlin. j . 15) „Als ich einmal wieder einen ganzen Strumpf anzog, hatte ich ein Gefühl, wie wenn ein Seeverschlagener jj wieder an wirthbares Ufer kommt" erzählte mir einer der § damaligen Zöglinge. I 16) „Den Lag vergesse ich nicht", erzählt derselbe Au- § Mzeuge, „wo es hieß: heute schlafen wir zum letzten Male | im B. h.; morgen geht es nach der restaurirten Wohnung, | und die Herrschaft des ..... hat ein Ende. Wir sind buch- Üablich aus einer mittelalterlichen Zeit in eine neue an ei- § uem Lage übergegangen. Alles, was ich bis dahin entbehrt hatte, Eltern, Liebe, Unterweisung, Bildungsmittel, ward wir plötzlich gegeben." einer einzigen festen Hand anvertraut würde, und berief daher i. I. 1806 meinen der Samson'schen Familie längst befreundeten Vater Samuel Meyer Ehrenberg, der sich als Erzieher schon bewährt hatte17), zum Vorsteher und Inspektor der Schule, die unter dem Namen Samson's che Frei sch ule ins Leben treten sollte. Der neue Inspektor betrat am 1. April 1807 den Schauplatz seiner künftigen Wirksamkeit und ward am 5. April in Gegenwart des Administrators, aller Lehrer uud Schüler, so wie einer bedeutenden Anzahl Gönner und Freunde der Anstalt, durch den Geh. F. R. Jakobson feierlich in sein Amt eingeführt. An die kräftige und schöne Rede Jakodson's schloß sich ein hebräisches Gebet und eine deutsche Anrede des Inspektors"), der zugleich die Gesetze vorlas und mit einem Gebete schloß. Am andern Lage begann der Unterricht. Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Schwierigkeiten, die dem Inspektor entgegentraten, so stellt sich von vorn herein der Mangel eines passenden Vorbildes, also der Mangel an Erfahrung durch andere ähnliche Schulen heraus. Die wenigen überhaupt damals vorhandenen jüdischen Schulen hatten entweder, wie die in Dessau, Frankfurt a. M., Breslau, eine sehr verschiedene Tendenz, oder waren, wie die Berliner, im traurigen Zustande"), und selbst die Jakobsonsschule in Seesen war so großartig angelegt und kämpfte mit so mannigfachen Schwierigkeiten, daß sie als Muster noch keineswegs gelten konnte ' °). Außerdem fehlte es, namentlich für den Religionsunterricht, an paffenden Leitfaden; es mußte der ganze Untecrichtszweig gewissermaaßen neu geschaffen werden; und endlich traten die aus den alten Stiftungen herüber genommenen Zöglinge in ihrer geschilderten Verwahrlosung der Verbesserung ihres Zustandes ohne ihre Schuld so hemmend entgegen, daß Muth und Ausdauer, Liebe und Ernst dazu gehörten, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden. Die ersten Jahre des neuen Instituts -* l) waren vor Allem dem Ausrotten des alten Wustes gewidmet. Die Begriffe mußten entwickelt, der niedergedrückte Geist zugleich mit dem verwahrlosten Körper ausgerichtet, der Blick erhellt, der verdorbene Dialekt beseitigt, die mannigfachsten Unarten durch die Einführung einer festgeregelten Ordnung und Aufsicht ausgetilgt werden. Daneben aber wollte und konnte der Inspektor die historische Grundlage des Instituts nicht ganz verlassen, und von diesem Gesichtspunkte aus entwickelte sich der erste Lehrplan der Samson'schen Freischule von selbst. Es war, wie die ganze damalige Zeitgeschichte, ein Gährungs- 17) S. Sulamit Jahrg. I. Hst. 6. 18) Abgedruckt: Sulamit Jahrg.!. Heft 7, wo die Einweihung näher geschildert ist. 19) Sulamit a. a. O. 20) Wie herrlich diese Anstalt durch den Eifer der edlen Kuratoren und unter der trefflichen Leitung des Direktors Wo hl will jetzt erblüht, ist bekannt genug. 21) Es begann mit 6 Schülern des B. h. und 2 neuen.

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