Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-01-30 · 5 (30.1.1844) · p. Spalte 71-72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
5 (30.1.1844)
Date
1844-01-30
Page
Spalte 71-72 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8555529-9890798-9890803--3412-3530050
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

71 Studien. Geschichte der Samson'schen Freischule zu Wolfenbüttel. 72 ren Knaben) einem dreieckigen Hute. Alle Sabbate wurden Hemden gewechselt, diese aber nur dann ausgebessert, wenn allzuviel Natur herausschaute, überhaupt Strümpfe, Nachtmützen und dergl. so lange getragen, bis sie völlig zerfetzt waren. ' Die Nahrung hing von der Güte der Pflegeeltern ab, und auch hier zeichnete sich das erste Deeennium rühmlich aus, d. h. so lange die würdigen Stifter selbst ihre Stiftung besuchten. Des Morgens ward Lhee oder Milch gereicht; das Mittag- und Abendbrot ward im Laufe der Zeit immer kärglicher. Die Kinder aßen sich selten satt und versuchten öfter, sich auf andere selbst unredliche Weise Sättigung zu verschaffen. Das Abendessen bestand in einem Stück trocknen Brotes, wozu bisweilen ein lebhaft bevölkerter Käse oder ein Teller voll Kopfsallat gegeben wurde. . Unsrer bisherigen Schilderung der körperlichen Pflege entsprach der Unterricht und die Erziehung vollkommen 9). Man begann im Sommer um 8, im Winter um 9 Uhr und beschäftigte sich bis 5 Uhr Nachmittags mit dem Talmud10), nur Freitag Morgens mit dem Pentateuch und Nachmittags mit dem Auslesen der Erbsen und Bohnen. Die Propheten und übrigen Schriften lasen die Schüler aus Neugierde oder Frömmigkeit für sich. Außerdem waren 4—5 Stunden wöchentlich dem Unterrichte im Deutschen und im Rechnen gewidmet, den ein christlicher Lehrer") ertheilte, während derselbe allein mit unbedecktem Haupte saß. — Von körperlichen Hebungen war nicht die Rede; höchstens ward an Feiertagen oder am Freitag Nachmittags ein Spaziergang vor das Thor gemacht. — Beide Anstalten waren in 2 Klassen getheilt mit je 2 Lehrern und 3—4 größtentheils über 13 Jahr alten Schülern. An Kursus und Methode war nicht zu denken. Der Lehrer erschien im Schlafrocke und in der Nachtmütze, in der Hand einen mehrfach geblätterten, zu einem Ganzen genäheten Riemen, etwa 1 Elle lang. Dann forderte er der Reihe nach die Schüler 12) zum Vortrage eines talmudischen Stücks auf, das vorher aufgegeben war. Jeder Schüler mußte sich vorbereitet und alle Kommentatoren nachgelesen haben; dabei wurde lebhaft mit Kops und Händen gestikutirt. Der Lehrer äußerte nie'seinen Beifall, wohl aber erzeugten Jrr- 9) Wiederum zeigte sich dabei die Bebandlungsweise der älteren Stiftung etwas rücksichtsvoller, wenigstens so weit die Milde oder Strenge der Lehrer in Rede kommt; sonst war kein Unterschied. 10) In der ältesten Zeit bis 2 Uhr des Nachts. 11) Die christlichen Lehrer ertheilten denselben Unterricht in beiden Anstalten, es waren: 1) I. A. Karsten aus Steterburg (Seminarist) 1786— 1791 (gest. als Kantor in Vraunschweig); 2) I. P. Dankworth aus Schöningen, 1791 —1801 (gest. als Kreisger.- Sekr.); 3) I. H. Do rm ei er, 1801—1802 (jetzt Oberlandesger. Fiskal und Sekr.); 4) G. Bertrand aus Braunschweig, 1802—1807 (benutzte die Kinder oft zum Abschreiben seiner Romane, gest. 1813). 12) Vom Lehrer gewöhnlich mit Scheltnamen, gerufen. thümer oft Flüche und starke Riemenhiebe. War jedoch der Lehrer besonders wohlgelaunt, so erzählte er in den. Stunden jüdische Anekdoten und Wortspiele. Die freien Morgen- und Abendstunden verwandten die Schüler zum Lesen alter Midraschim öfter noch zum Würfel- und Kartenspiel. Jeden Mittag lasen sie einige Paragraphen aus dem D»n rra fy am Sabbat wurden nrTO gesungen imb als Uebungen! des Scharfsinns auswendig hergesagt. Deutsche Bücher zu! lesen war streng untersagt; daher wußten die Kinder Nichts! von der Welt und was sie füllt, von Menschen und dem ge:! sellschaftlichen Leben, von all den Lehrfächern, die unsre Heu.- j tige Jugend schon im 13. Jahr durchgemacht hat. Dec! ganze sittliche Zustand der Zöglinge war die vollkorn- 1 menste Verwahrlosung. Nur die religiöse Scheu hielt Man- I chm noch aufrecht, der an der Persönlichkeit der Mägde, an j dem Familienleben der Lehrer selten ein erbauliches Beispiel j vor sich sah. Die Stärkern beherrschten die Schwachen; Schimpfen und Zanken war an der Tagesordnung; ein Zuf sammenwirken fand nur Statt, wenn der Lehrer geärgert | Werden sollte, und an Unsittlichkeiten andrer Art fehlte es ij nicht. Die Sprache war der grauenhafteste Jargon; die 1 meisten verstanden gar nicht, wenn sie hochdeutsch aiigercki g wurden. Selbst die religiöse Seite, welche eigentlich am § meisten kultivirt werden sollte, war fast ein leeres Blatt, i Man wußte und übte das Ceremoniell, nahm auch >vch! 1 Kabbalisterei mit auf; aber den innern Kern des Herzens 8 berührte die Religion nicht. Keinerlei durchgreifendes mm- | lisches Princip konnte Wurzel fassen; die ganze Erziehung g geschah planlos, so daß der Jüngling, wenn er mtlchn 8 wurde, nicht wußte, wo hinaus, und sich dem Zufall hMb. | Die herrlichsten Anlagen gingen da verloren, und von samt- 1 lichen Schülern des Bet ha-Mdrasch ") blieben wenige bei g dem Talmud-Studium, wenige konnten sich zu einem inihli- 8 chen Leben heranbilden; viele gingen völlig unter. Waren | sie auch dankbar der Stiftung eingedenk, die sie genährt und J gekleidet hatte, so mußten sie es sich doch seufzend gestehen, | daß beschränkte und selbst rohe Ansichten ihnen die beftn 8 Jahre ihrer Jugend geraubt hatten. Moses Mendels- 1 sohn hatte zwar schon längst seine Blitze in die mittelaltecß liche Nacht geschleudert; der Geist des 19. Jahrhunderts | rüttelte mächtig an den eingewurzelten Vorurtheileir; aber | die Riegel des Bet ha-Midrasch blieben verschloffen, bis die | Zeiterschütterungen und des Himmels wohlthätige Fügung ft j zersprengte. jj Im Herbste des Jahres 1804 starben plötzlich beide Lehj rer der Philipp Samson'schen und 1805 der erste Lehrer der j Herz Samson'schen Stiftung. Die-Zöglinge der erstem bej suchten nun während des Winters den Unterricht im jünger! B. h., erhielten auch im Frühjahre 1805 einen neuen Lehrer. j Aber dieser kam an, wie ein Ziegentreiber, sah am liebsten 13) Ein Verzeichniß derselben existirt nicht, ebensowenig Dokumente über Aufnahme, Rechnungen und dergl.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.