Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1844
- Issue
- 5 (30.1.1844)
- Date
- 1844-01-30
- Page
- Spalte 69-70 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Studien. Geschichte der Samson'schen Freischule zu Wolfenbnttel. 70 69 umschränkt nach seinem Gutdünken organisirte. Die Praxis! ^llte verschiedene Zwecke heraus: theils sollten arme Familimglieder unterstützt werden, daher deren Kinder bei der I Aufnahme vorgezogen wurden; theils wollte der Stifter die I ^uber nach damaligen Begriffen durch das Talmudstudium zur Seligkeit führen; theils endlich wollte er in stinem kurz! vorher erbauten Tempel die genügende Anzahl (pjo) zum I regelmäßigen Gottesdienste stets zur Disposition haben. Die- £ [er dreifache Zweck ward demnach angestrebt und sollte noch I in großerm Maaßstabe durch Einrichtung des zweiten - Ket H a-Midra sch (1796) aus dem Nachlasse des C. A. Herz Samson erreicht werden. Beide Stiftungen unterß schieden sich dcher nur durch die Persönlichkeit der Lehrer | und können bei der folgenden Schilderung der innern Einrichg: mg zusammengefaßt werden. § Versetzt man sich auf den Standpunkt jener dunkeln Zeit, g die rabbinische Wissenschaft fast nur in leeren Spitzsindig- I leiten sich bewegte, und der Geist freier Forschung, der Be- I griff einer kräftigen Heranbildung des Iugendgeschlechtskaum von wenigen hervorragenden Männern erkannt wurde: so | wird man es nicht auffallend finden, daß die Stifter mit jihrer Bildung noch ganz im Mittelalter fußten, und der z sroinme Direktor des B. h. vollkommen sich selbst genügt i hatte, wenn er für jede Anstalt 2 Lehrer 5) (meist Polen oder l Deutsche mit polnischer Bildung) anstellte, ihnen einen sehr ß kärglichen Gehalt aussetzte6) und sie anwies, mit ihren Schü- | lern vom Morgen bis zum Abend sich zu beschäftigen, d. h. | ihnen Kenntniß des Talmuds und der Kommentare beizubring gen und sie zur Frömmigkeit zu erziehen. Dies war das | ausgesprochene Ziel, wie es bei dem Leben des C. A. Herz j| Samson theilweise auch erreicht wurde. Derselbe kam jährk lieh dreimal nach Wolfenbuttel, exammirte die Zöglinge auf | Ansuchen und in Gegenwart seines Bruders und ordnete p förmliche Disputationen über talmudische Gegenstände an. Diese sehr rigorosen Examina regten daher im Allgemeinen 5) Die Namen der Lehrer: l. P hi lipp S am s on siche Stiftung: a) Erste Talmudklaffe: 1) Jakob Mendel aus Lublin 1786—17 96 (gest. 1808 in Braunschweig); 2) Iosua aus | Lissa 1796—1800 (gest. 1806 zu Berlin); 3) Lob ausBurgz Eberach (gest. Septbr. 1804 im Institute). I d) Zweite Talmudklaffe: 1) Kalman Jakob aus Elll rich 1786-1804(gest.im Institute); 2) Michael ausBurg- I Eberach 1805—1806. | Benlevi aus Sandersleben lehrte in beiden Klaffen j jüdisch Schreiben bis April 1804. I H. Herz Samson'sche Stiftung: a) Erste Talmudklaffe: David aus Schwersenz 1799— W5 (gest. im Institute). f d) Zweite Talmudklaffe: Beer (Blumenthal) aus Hil- I desheim 1796-1807 (gest. 1842 im Institute), l 6) Ein Lehrer erhielt wöchentlich 4Thlr., dazu für Holz | jährlich 25 Thlr., für Wäsche und deren Ausbesserung 25 I Das Kostgeld für jeden Zögling betrug 20 gGr. wöf gütlich; nur in theuren Zeiten fand eine Vergütung statt. zu tüchtigem Fleiße an, sielen aber nach 1796 gänzlich fort, und seitdem besuchte der Direktor niemals eine der Anstalten, noch trat er sonst in direkte Beziehung zu den Kindern. Die ältere Stiftung berührte er täglich, wenn er in die Synagoge ging, wo der Gottesdienst nie vor feiner Ankunft beginnen durste, und wo er sich die Segens spräche (rniro) von einem Knaben vorlesen ließ, damit er Amen sagen konnte. Bei dieser Gelegenheit mußten auch kleine Bitten lz. B. um Kleidungsstücke) oder Danksagungen für Geschenke angebracht werden; denn die Kinder erhielten an gewissen Sterbetagen Samsonsicher Familienglieder kleine Stipendien, waren aber verbunden, pünktlich die Synagoge zu besuchen und wurden dazu 7) gleichsam mit Gewalt selbst von fremden Personen requirirt. Sonst gab es weder Schulgesetze noch überhaupt ein Reglement, wonach sich die Lehrer richten konnten; daher geschah kein Schritt für das wahre Bedürfniß der Knaben, für sittliche und echt religiöse Bildung. Die Lehrer übten die ärgste Despotie über ihre Schüler aus, wie die altem Knaben über die jüngern. Der edle Stifter mochte kaum ahnen, wie weit die Ausführung des frommen Werkes nach und nach sich von dem ursprünglichen Plane entfernte. Was, nun zunächst das Lokal und die körperliche Pflege der Kinder betrifft, so waren beide Häuser ohne Rücksicht auf ihren Zweck gebaut und eingerichtet, nur die Wohnzimmer der Lehrer geheizt, alle übrigen mit Gyps gepflastert, die Fenster und Thüren gespalten, der Luftzug im Winter so arg, daß die Kammern oft voll Schnee lagen. In den letzten Jahren des altern B. h. wohnten, lernten und aßen die Schüler im Winter nur in dem einen Lehrerzimmer; indem neuern B. h. benutzte man zum Unterrichte eine obere Bodenkammer, deren Wände aschgrau waren, und durch welche die Magd in ihre Schlafkammer ging. — Die Persönlichkeit der Lehrer im Philipp Samson'schen Stift und die zur Pflege bestellte Gattin des einen derselben trugen wesentlich dazu bei, daß deren Zöglinge, besonders in den ersten 10 Jahren, im Allgemeinen ziemlich gut behandelt wurden; später freilich ward auch hier die Sauberkeit der Kinder bedeutend vernachlässigt, war aber im zweiten B. h. grausenerregend. Das Ungeziefer nahm hier an den Wänden, in den Betten und an dem Leibe der Knaben überhand, und viele krankhafte Zufälle waren die Folgen der Vernachlässigung. Vom Baden war nicht die Rede; das Waschen geschah nur wegen des Schulchan Aruch; ein Handtuch diente Vielen zum Gebrauchs), an.Reinigung der Kleider dachte Niemand, nur Schuhe und Schnallen wurden alle Freitage geputzt. Die Kleidung selbst bestand in einer Jacke und einem Winterrocke, einer ledernen Kniehose, einer wollenen Weste, Hemden von grobem Hanfleinen, schwarzen wollenen Strümpfen, Schuhen mit Schnallen, einer ledernen Klappmütze oder (bei den größe- 7) Auch zum Backen der Mazzot. 8) Die erste Zahnbürste sah ein Schüler erst 3 Jahre nach seinem Eintritte. 5 *