Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1844)
- Date
- 1844-01-16
- Page
- Seite 22 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Dieser flaue (um mit der Börse zu sprechen), winterliche Zustand hat aber den Nachtheil in seinem Gefolge, daß mit dem Parteielfer auch der Enthusiasmus für die gute Sache verraucht, und es ist beinah dahin gekommen, daß eine Streitsache, die auf dem bestem Wege war, klare, entschiedene Peineipien zu erzeugen, unterweges umgeschlagen ist und Nichts als ein unerquicklicher, kleinlicher Kehila- Streit daraus geworden ist. -— Nicht einmal ein wichtiges und lange ersehntes Ereigniß, wie die Ernennung eines königlichen Kommissars, der die Sachlage prüfen und einen versöhnenden Weg einschlagen soll, nicht einmal dieses Ereigniß hat die Lethargie gestört. Der ernannte Kommissar, der hiesige Regierungsrath von Haiden, und nicht, wie der Berliner Korrespondent (in allen politischen Blattern und auch in der D. A. I.) völlig aus der Luft gegriffen, von Ladenberg, — hat bereits beide Parteien getrennt, einmal zum Protokoll vernommen; ein Resultat kann allerdings noch nicht bekannt sein. — An diesem anhaltenden, zähen Stillstände mag vielleicht auch die Entfernung des kampflustigen Fr. aus den hiesigen Kreisen seinen Antheil haben, welcher kleine Jokel-Hans mit der ihm eigenen etwas ordinären Taktik unauflösliche Knoten zu schürzen und zu zerhauen verstand, und auf diese Weise Freund und Feind in steter Wachsamkeit und Spannung erhielt. Auf diese Vermuthung könnte man allenfalls durch die jüngsten Vorgänge in der Berliner Gemeinde geführt werden. Diese friedliche bis zum Phlegma unbewegliche Gemeinde, in deren Mitte bisher selbst bei der nun beantworteten Frage der Rabbinenwahl nur eine schwache, oberflächliche Opposition auftauchte, hat sich jetzt zu pur force Schritten Hinreißen lassen und zeigt das Bild einer plötzlichen fabelhaften Metamorphose. Ein Eontre-Vorstand, der so Zu sagen den legitimen, angestammten Vorstand vor seine Schranken ladet, der mit einer entschiedenen, planmäßigen Opposition operirt, der die Lebensfrage jeder jüdischen Gemeinde, zumal der influirenden, maaßgebenden Berliner — die Rabbi ne cfrage — zu einer untergeordneten und letzten zu machen sucht: diese unerwarwarttte, dummdreiste aber doch charakteristische Polemik läßt leicht einen bekannten fahrenden Ritter oder Charlaran errathen, der sein bisheriges Manöver nicht aufgegeben zu haben scheint, sondern das Terrain seiner Thätigkeit nur deswegen verlassen, um in der ersten Gemeinde des Königreiches mehr Spielraum für sein großes, donquichottisches Talent zu finden. Das Judenthum, dem Hr. F. jetzt seinen ganzen Eifer zuwendet, dürste sich Glück wünschen zu dem Unglücke desselben bei seinem Habilitations-Examen in Halle, sonst würde es zu seinem Leidwesen diesen gewandten, reichbegabten Ritter vielleicht jetzt in den Reihen der christlichen Kreuzritter erblicken. Nun noch etwas. Der erwähnte Ritter von der traurigen Gestalt reist gegenwärtig in Deutschland umher, allenthalben anktopfend und einen Emancipations- Verein ausbietend. Im Ernst, einen solchen Verein, den der Engländer Goldsmith vor zwei Jahren angeregt und sich auch darüber in Leipzig und Dresden ausgelassen, aber mit Recht als unpraktisch und nachtheilig zurückgewiesen wurde, hat unser Ritter zu gründen im Sinne, um zu sehen, ob es. ihm gelingen würde, dadurch einige Aufmerksamkeit zu erregen. Auf das Unpraktische und Nachtheilige eines solchen Vereins, werde ich, wenn die Leser es erlauben, in meiner nächsten Mittheilung zurückkommen. Geschichte der Jnden-Emavcipatiov in dem Großhcrzogthunre Baden. Die Thätigkeit der badischen Standeversammlung in diesem Augenblicke und die durch alle Tagesblätter cirkulirende Sage, daß die Israeliten in Karlsruhe im Begriffe stehen, eine Petition an die zweite Kammer zu richten, worin um völlige Gleichstellung gebeten werden soll, wird es wohl hinlänglich entschuldigen, wenn wir hier eine kurze skizzirte Geschichte der Emancipationsfrage in Baden de? Lesern des „Orient" mittheilen. Die unermüdliche Thätigkeit der jüdischen Badenser im Fordern ihrer bürgerlich-politischen Rechte, die große politische Regsamkeit, welche die Israeliten Badens seit 1818 (in welchem Jahre volksverlretende Kammern eingeführt wurden), namentlich aber seit 1830 durchdringt, macht sie mit Recht befähigt, als Muster für die Israeliten der übrigen Staaten Deutschlands zu gelten. Aber nicht nur die Juden, sondern auch die Ständemitglieder dürsten aus folgender kurzen Geschichte so Manches lernen; sie werden nämlich aus dieser Skizze ersehen, daß das Ständewesen in Baden, obgleich es stets die glänzendsten Volksvertreter in seiner Mitte vereinigt, dennoch schnell seinem Verfalle zueilt, und zwar weniger durch äußere Hemmnisse und Eingriffe, als durch eigene Unfreiheit des deutschen Liberalismus. Die alte Geschichte der Juden ist oft genug auf den Kanzeln und Kathedern als Beispiel für die Völker vorgetragen worden, auch diese Skizze soll nicht mehr fein-, und wenn hie und da ein falscher Liberaler ob des Erzählten erröthet, so ist der Erzähler belohnt. Seit 1818 bestehen in Baden volksvertretende Kammern, große Hoffnungen setzten die badischen Patrioten in die Männer der Versammlung; aber erst mit dem Jahre 1830 durchzuckte eine geistige Bewegung dieses Land, und die durch die benachbarte Schweiz in diesem Jahre entstandene Aufgeregtheit entzündete den großartigen Aufschwung des öffentliches