Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1844)
- Date
- 1844-01-16
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 Verbindung, die mich zu einigen Bemerkungen veranlaßt. Es heißt daselbst, nachdem an jüdische Naturforscher Dänemarks und Schwedens die Aufforderung gerichtet worden, die demnächst im Sommer d. I. zu Christianea abzuhaltende Versammlung von Naturforschern und Aerzten Ln größmöglicher Anzahl zu besuchen, insbesondere von mir, ich habe „auch in den vorjährigen (jetzt vorvorjährigen) Verhandlungen des Stocthings über die Aufnahme der Juden in Norwegen durch meine (seine) Anregung den ersten Anstoß gegeben". Dieser Behauptung muß ich nothwendig die geziemende Einschränkung dahin geben, daß nicht meine schwachen Kräfte und Arbeiten so Großes bewirkt haben oder auch hatten. Dieser Ruhm und diese Ehre gebührt dem trefflichen Herrn Hendrik Wergeland, königl. Archivarius in Chcistiama, demselben, der schon vor bald fünf Jahren aus in nerm reinen Antriebe in das Storthmg die Motive einbringen ließ, oder selbst eingebracht hat, „daß man den Zusatz zum §. 2. der Gcundverfaffung, der die Juden aus Norwegen verbannt, aufheden möge. Meine geringe Wirksamkeit hebt erst an, als die meines vielgeehrten, mir leider bis jetzt unbekannten Freundes, bereits im vollen Gange war, und schon viele Sympathien zu erregen angefangen hatte. Ich reiste hauptsächlich darum nach Kopenhagen zur skandinavischen Naturforschergesellschaft, um Verbindungen mit Norwegischen Gelehrten anzuknüpfen, und, durch deren Vermittelung, mit dem hochherzigen Vertreter des Menschenrechts im hohen Norden. Es gelang mir, ein offenes Sendschreiben an den Storthingsprasiventen, den treffli- Sörm sen, in einer dänischen Uebecsetzung in einer liberalen Norwegischen Zeitung aufnehmen zu lassen. Dies veranlaßt« die bekannte wirksame Adresse des nunmehr dahingeschiedenen Probsten H ezberg, eines hochbetagten erblindeten Greises, an die Stellvertreter Norwegens, durch welche sie auf's eindringlichste ermahnt wurden, jenen, für ihre herrliche Verfassung annoch bestehenden Schandfleck, je eher je lieber auszumerzen. Außer diesem Sendschreiben, und einer spatem Entgegnung auf eine Flugschrift eines dortigen Professors der Jurisprudenz, in welcher das alte Unrecht in Schutz genommen war, wüßte ich kaum etwas Wesentliches für die Abolition jenes Passus gethan zu haben. Daher muß ich jene rühmende Anerkennung des Artikels im Oriente, als unverdient, ablehnen, und sie auf den würdigem Herrn Archivarius Wergeland zu übertragen bitten. Was ferner die Aufforderung betrifft, jene bevorstehende Versammlung zahlreich zu besuchen: so muß ich meine hiervon ganz und gar abweichende Ansicht offen darlegen. Ich nämlich halte es für unwürdig, ein Land oder eine Stadt, durch einen königlichen „Geleitsbrief" oder anderweitiges Ausnahmegesetz von der Barbarei der Staalsverfasiung gestützt, in genannter Absicht als Gelehrter zu betreten. Dies mag dem kaufmännischen Interesse hingehen, durch welches dies und mehr noch gerechtfertigt zu werden pflegt. Daher muß ich im Gegensätze zu jenem Herrn Korrespondenten dringend ermahnen, und meine jüdischen Herren Kollegen ernstlich ersuchen, sich von jenen Stätten der Barbarei entfernt zu halten. Ich hege das Vertrauen, daß sie, von einem richtigen Takte der Ehrenhaftigkeit geleitet, weder die Norwegische noch die Bremische Versammlung besuchen werden. Endlich ist die Anmuthung an meine Person von Seiten des Unbekannten, jenes Zweckes halber wiederum eine so beschwerliche und kostspielige Reise zu unternehmen, doch ein wenig zu stark, besonders da derselbe wissen kann, wie traurig die Theilnahme war, die der Schreiber dieses auch bei denen gesunden, für die er so freudig das erste Mal seine Zeit und sein Gut geopfert hat. Doch manum de tabula! Steinheim. Breslau, 1. Jan. Eine auffallende Windstille soll unter allen Umständen ein bewegtes stürmendes Wetter ahnen lassen, unsere Gemeindeverhaltnisse, oder besser mit dem stereotyp gewordenen Ausdrucke „Rabbinatswirren", geben dieser meteorologischen Konlequenz ein scharfes Dementi. Die Spannung, die mir dem Ableben Tiktin's sich verdoppelte und gewitterschwüle Tage fürchten ließ, hat sich nach und nach verpufft, der angehauste Zündstoff verglomm und ein eigner Zustand ist seitdem eingetceten, ein abgespannter, lethargischer, der bereits ein Jahr anhält. Beiden Prätendenten mag ein solcher vielleicht gar nicht unbehaglich sein; für den parteilosen Beobachter hingegen, der dlos die gute Sache im Auge hat und aus dem Boden des Kampfes gerne die Blume höherer Entfaltung erblühen sieht, ist er nichts weniger als erfreulich. Beide Jn terimrabbinen erwarten noch immer ihre Bestätigung höhern Orts, versehen jedoch vorläufig ruhig neben einander die rabbinischen Funktionen: fungiren bei Trauungen und Ehescheidungen, stellen Gutachten aus und bieten das seltene Beispiel dar von „zwei Königen mit einer Krone (Schlafmütze)", wie der Talmud sagt. Dr. G. hat nun, vermöge seines Pnncips die Prärogative voraus, unschuldige Reformen einzuführen: z. B. daß er das Personal der den Chasan accompagnirenden mit einem bedeutenden Zuwachs vermehrt und mit dem klingenden Namen Chor belegt hat; ferner, daß er den Almemar aus der Mitte der Synagoge nah an die Gesetzeslade hat progressiren lassen, welche Fortschritte leider nicht genug anerkannt werden. Außer diesen Veränderungen würde einem Fremden Nichts entgegen treten, was ihn erinnerte, daß er sich in einer Gemeinde befindet, an welche sich so schöne Hoffnungen geknüpft, und die seit Jahren die Augen des jüdischen Europa auf sich gezogen.