Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1844-01-16 · Heft 3 (16.1.1844) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 3 (16.1.1844)
Date
1844-01-16
Page
Seite 19 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2360092-2360310-2360314--4314-3530003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

19 lung jener Thatsachen die doch nun einmal, wie Hr. von W. zugiebt, erzählt werden sollten und mußten — in die gefälligsten Formen eingekleidet , mit den zartesten, feinsten, elegantesten und verblümtesten Namen und Wendungen übertüncht und überzuckert, wenn ich sie in lauter Sonnetten und LrioLetten publicirt hatte. Was hätte das geholfen? Vergebene Mühe! Die Sache wäre immer dieselbe geblieben und jeder nur halbgeübte Leser hätte sie sehr bald herausgefunden und der aufgewendeten undankbaren Kunst gespottet. Die gesellschaftliche Aufklärung ist bekanntlich bereits bis zu dem Punkte gediehen, daß man unter dem polirten Euphemismus: „C’est un errcur“ ganz genau dasselbe versteht, als wenn man vormals gerade heraus sprach: „Das ist gelogen!" — Ob die gewählten Vertreter der Gemeinden von Jerusalem — freilich als Richter in eigner Sache — befugt waren oder nicht, die Vollmachten und Aufträge zurückzunehmen, die sich Hr. Lehren schon ursprünglich wider den Willen und trotz der Protestationen der Gemeinden zu verschaffen gewußt*), und die diesen in so vielfacher Beziehung nachtheilige und verderbliche Dienstfertigkeit des Hrn. Lehren und Kons, für die Zukunft ernstlich zurückzuweisen, oder ob dies eine „höchst amaßliche Entsetzung" zu nennen, über diese Form- und Rechtsfrage möge das Wet-Din von Jerusalem mit Hrn. von W. rechten und fühle ich mich nicht veranlaßt, die Kompetenz des hierosolemitanischen Bet-Din hier zu vertreten. Daß indessen jedenfalls die Androhung des Banns von Seiten dieser Behörde als eine machtlose und lächerliche Anmaßung erscheint, ist außer allem Zweifel. Es mag dieses Eherem-Bombardement als Seitenstück neben demjenigen stehen, welches im vorigen Winter von Seiten der von Hrn. Lehren eingesetzten zwölf Einnehmer gegen Diejenigen in Europa losgelassen wurde, die sich erkühnen würden, Hrn. Aaron Selig gastfreundlich aufzunehmen — jener zwölf Personen, die zwar nirgends in dem von ihnen ausgegangenen Aktenstücke sich selbst als das Rabbinat geriren, aber gleichwohl in der Überschrift der von Hrn. Lehren herausgegebenen deutschen Uebersetzung ihres „Sendschreibens" dafür ausgegeben werden. (Man vgl. das ebenfalls in Amsterdam gedruckte hebräische Original mit dieser Rubrik der Uebersetzung!) Freilich Hr. Lehren selbst darf und wird sich über diesen Cherem - Kram weniger verwundern; denn e r hat sogar in Jerusalem bei Hrn. G agin einen Cherem, und zwar einen von der echtesten Sorte, nämlich einen an der Ruine des Tempels (imyD bnD) ") Als Hr. Lehren sich 1822 zum Einnehmer und Verwalter für die vier heiligen Städte aufgeworfen hatte, schickten die betr. Gemeinden eigne Abgeordnete nach Europa, um ihre Verwahrung dagegen geltend zu machen. In Amsterdam wurden diese Abgeordneten durch einen Beschluß der zu diesem Behufe eigends zum Bet-Din konstituirten Rabbiner von Amsterdam, Rotterdam und dem Haag zum Schweigen gebracht! — — Gedanken hierüber sind nicht verboten. ausgesprochenen, bestellt, d. h., im Koncepte dorthin zur Unterschrift eingesendet, worin meiner Wenigkeit die unverdiente Ehre erzeigt wird, sammt allen, die es mit mir hielten, mittelst des Schofars in den Bann geblasen zu werden (das heißt doch einmal Wind gemacht!). Dieses Dokument sollte in Form eines Briefes hiehrr an Hrn. v. Rothschild gesendet werden, und Hr. L. in seiner frommen Ungeduld wartete die Ankunft des Originals nicht ab und ließ — wohl auch etwas „vorzeitig" — die Abschrift seines Koneeptes einstweilen hinter unserm Rücken im Dunkeln unter seinen Korrespondenten cirkuliren. Daß die Bestellung hinterher von Jerusalem aus gar nicht effektuirt ward und der so privisorisch in die Welt gesetzte Kopie-Bastard nunmehr vergebens auf einen Original-Vater warten muß — ist blos ein Mißgeschick, und wer kann für Mißgeschicke? — Indessen dürste der unparteiische Hr. v. W. vielleicht geneigt sein, auch dieses Verfahren, unfern, in öffentlichen Blättern, also vor den Augen der Gegenpartei geschehenden Schritten gegenüber, als eine wahrhaft „unverzeihliche" Jntrigue zu betrachten. Wir sind jetzt bei dem Kapitel von der öffentlichen Abrechnung angekomwen, und ich gestehe Hrn. v. W. offen ein, daß es mir nie eingefallen wäre, solche von Hrn. Lehren zu fordern, wenn ich nicht durch jene wahrhaft erschrecklichen Nachrichten aus dem heil. Lande zuerst über die Verwendungsweise des Hrn. L. so sehr empört gewesen wäre, daß mir überhaupt von da ab ein sonderliches Vertrauen auf ihn eigentlich nicht wohl mehr zugemuthet werden konnte — besonders seitdem ich im Sept. 1843 in den Besitz der, unter den am 15. Sept. 1843 eingetroffenen zehn Aktenstücken ebenfalls befindlichen, seither durch Hrn. Kirchheim (Orient Nr. 49) veröffentlichen Rechnung über Ankauf und Bezahlung des von der Familie Lehren in Jerusalem erworbenen Grundeigenthums gelangte. Uebrigens begnügte ich mich keinesweges mit dem Verlangen der offenst. Rechnung, sondern ich begehrte, als die hiesigen Anhänger des Hrn L« mich mit Untersuchung der Sache zu beauftragen beabsichtigten, neben der RechtNMgsablage, auch Vorlegung der vollständigen Verwaltuugskorrespondenz, kontrollirt durch die gleichfalls vorzulegenden Kopier bücher des Hauptkomite's an eine unparteiische Kommission. Da, und da allein würde, wie Hr. Lehren ebensowohl weiß als ich, die Prüfungskommission hinter Dinge gekommen sein, welche ihren Mitgliedern die Haut schaudern machen und die Haare bergan treiben mußte. — Aber d a und da vorzüglich lag eben auch der wahrhafte easus belli, d a war der kritische Punkt, an welchem die vorher schon, sehr weit gediehenen Vergleichsunterhandlungen scheitern mußten — mußten, wohlverstanden; denn in dem Eingehen in dieses Verlangen hätte Hr. Lehren sich und vielleicht dem ganzen Chasidäismus in Europa und Asien das Todesurtheil unterschrieben. —- (Fortsetzung folgt.) 3 *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.