Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1844)
- Date
- 1844-01-02
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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3 D. A. Z. über das Elend und die Verzweiflung der Grenzbewohner gegebene Schilderung aus Iurburg. — Die neulich erwähnte Schrift des Wirkte Geh- Oberfinanzraths Wolfart (Potsdam bei Riegel): Ueber die Emanc. der Juden in Preußen, wendet sich gegm Streckfuß' zweite Schrift und gegen den Beschluß der rheinpreuß. Stände und behauptet, in einem chn'fll. Staate wie Preußen (Franko England u. s» w. fob auch Holland?j sind ihm nur christl. Länder) müßte den Juden der Zutritt zu allen sich auf das Christenthum beziehenden Aemtern (also doch wenigstens nicht zu höheren Militairchargen) verschlossen bleiben 5 indessen scheint H. Wolfart die Juden nicht als Fremde behandelt wissen zu wollen und überhaupt eine Malice gegen alle Nichtchristen, wozu ihm auch die Philosophen und besonders der Bäuerische Anhang gehören, zu haben. Ob wohl Herr Wolfart den Leuten in's Herz sehen kann und ob er wohl verblendet genug ist, nicht zu gewahren, daß schon jetzt die preußische Bureaukratie mit dem Christenrhum nichts zu thun hat und ihm größtenteils schon entfremdet ist? Wmn man doch endlich in Deutschland dieses unselige Klassisiziren der Gesinnungen, Glaubens- Meinungen und Schattirungen, Konfessionen und Sekten aufgeben und nicht immer wieder neuen kirchlichen Hader erzeugen wollte! So gehen viele Kräfte verloren oder wenden sich wenigstens einer solchen Richtung zu und selbst ein Bruno Bauer sieht nicht ein, daß das Summum jus mit der summa injuria gleichbedeutend und seine vermeintliche, praktische Richtung gerade die Vertiefung in die unpraktischste Theorie von der Welt sei, daß eben die Gegner des Fortschrittes sich in's Fäustchen lachen, wenn sie ihn und seine GeisteSgeuossen mit ihrer Sisyphusarbeit sich abquälen und darüber eine reelle Organisation einer vernünftigen und nur das Praktische wollenden Opposition verabsäumen, verzögern oder gar vereiteln sehen. Fällt es einem Lugene Sue wohl ein, sich gegen das Christenthum oder das Judenthum zu wenden und die Entartung einzelner nur Bekenner dieser beiden Religionen zum Vorwande'zu gebrauchen, um drakonische Gesetze vorzuschlagen oder zu beschönigen? Er geht lieber dem wirklichen Nebel, nicht dem blos eingebildeten, zu Leide; er sieht sich das menschliche Wesen, das gedrückt am Boden liegt, an, ohne nach seinem Glauben zu fragen und macht das allgemeine Mitleid rege oder erinnert die Wett an die Menschenrechte, auch des Aermsten, des Ungebildetsten, dessen Sünde und Thorheit und Elend zum guten Theile auf dem Gesetze und den Machthabern oder ihren Dienern lastet. — Deutschland hat, wenn es sich nicht aus seinem bisherigen Träumen emporrafft, die meiste Aussicht, eine neue Auflage der Inquisition den Augen der Welt darzubieten. Schon jetzt richten die Einen überall Demagogen, die Andern Aristokraten; dort fürchtet man die Jesuiten, hier-die Junghegelianerund aus diesem babylonischen Sprachen - und Meinungengewirre ziehen die schlauen Feinde des Lichtes einen immer steigenden Gewinn. Nur durch Befolgung des Grundsatzes: Divide et impera ist es, wie jetzt der Augenschein lehrt, einer kleinen soi-disant frommen Partei möglich, den Fortschritt aufzuhalten und die Bestrebungen der Besseren zu hemmen oder gar für ihre Zwecke auszubeuten. Diese Zersplitterung zeigt sich leider in allen deutschen öffentlichen Verhältnissen, und auch unter den Juden tritt sie immer klarer und trauriger hervor» Selbst die Spenden für Jerusalem haben einen bittern Kampf erzeugt, der jetzt sogar die polit. Zeitungen zu füllen beginnt, wie die Selbstvertheidigung des H. Lehren im Amsterd. Handelsblatt und in der Franks. Oberpostämtszeit. und die Erwiderung der Herren Löwenstein und Kirchheim in der Augsb. Allg. Zeit, vom 12. Dec.Aarthun. — Von literarischen Novitäten , welche die Leser des Orients interessiren dürsten, führe ich zunächst folgende an: Grundtöne des alten Testaments von F. W. K. Umbreit. Heidelb. bei Mohr 1843 (18 ggr.). Das Werk zerfällt in drei Abschnitte- Gott, der Mensch und der Messias. — Ferner: Offenbarungsglaube und Kritik der biblischen Geschichtsbücher am Beispiele des Buches Josua in ihrer nothwendigen Einheit dargethan von G. A. Hauff, Prof, und Stadtpfarrer in Waldenbruch. Stuttg. Belfer 1843,. XX. uud 412 S. 8. — In Frankreich ist erschienen: Ce que les juifs sont en France, par M. Cerfbeer de Medelsheim. Der Verfasser ist feit längerer Zeit in einen heftigen Streit mit Sahen, dem Red. der Archives israelites verwickelt und als Gegner der Juden bekannt. Bemerkenswerther ist, daß Herr Franck, Prof, an einem Pariser College und als Verf. des Werkes über die Kabbala (?aiüs b. Has chett^) bekannt, die Einleitung zum Dietionnaire des Sciences philosophiques (Paris bei Hachette, 8 Halbbände a 5 Fr. — Erste Lieferung sl Halbband j 1843) und den Artikel: Die Seele (l'ame) versaßt hat. Auch Munk ist Mitarb. an diesem phil. Wörterbuche, welches Cousin in der Aeademie des scienccs morales et politiques außerordentlich gelobt hat. Vielleicht rührt der Artikel über arab. Philosophie in der ersten Lieferung von Munk her. — Leipzig, 1. Jan. Nach den neuesten hier aufgenommenen Bevölkerungslisten leben hier unter einer Gesammtbevölkerung von 54,519, jüdischen Glaubens 235. Unter diesen ist der vierte Theil wenigstens hier nicht ansaßig, sondern entweder zum Behuse des Handels, namentlich als Kommissionäre, oder zum Besuche der Handelsschule, auf längere Zeit sich'hier aufhaltend, so daß ein Zurechnen derselben zu einem sich etwa bildenden Gememdeverbande nicht denkbar ist. Aber selbst von den als Familien hier lebenden Juden, deren es hier ungefähr 21 giebt, sind auch nur etwa 4, die ein eigentliches Schutzrecht, wenn auch im beschränktesten Sinne, genießen, während die übrigen, als auf Heimathsschein hier verweilend, .kaum als eigentliche Glieder angesehen werden dürfen. Dazu kommt noch, daß die seit einigen Jahren sich hier etablirten jüdischen Hauser, obgleich als Familien gerechnet, hier gar kein Familienleben bilden, so daß kaum 12 Familien bleiben, die einen Gememdeverband bilden könnten. Wirklich existirt hier kein Gemeindeverhälrmß; die Leipziger Juden haben weder eine Synagoge oder Bethaus, noch einen 1*