Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 5 (1844)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1844)
- Date
- 1844-01-02
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360310-2360312--4297-3529986- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ihnen allein zugehörigen Schächter, der so zu sagen blos für die Gemeinde wäre. Die Synagoge, worin sie beten, gehört den Berliner Meßfremden, welche sie den Leipzigern Zur Mitbenutzung überlassen. Daß aber trotz diesen ungenügenden Elementen sich hier dennoch eine Gemeinde herausgebildet haben würde, ist klar, und die Hauptschuld, das; es nicht geschieht, ist wohl der Mangel eines Rabbiners, der sich der hiesigen Glieder annehme. O e st e r r e ich. P>xag, 20. Dec. 1843. Das Gespenst der böhmischen Judensteuer treibt noch immer sein Unwesen. Denn trotz der Posaunenstöße, mit denen die Laufein „RedituaL-Steuer" und der Besteuerungsmodus in allen Zeitungsbla'ttern ansgerufen worden, bleibt Alles nach wie vor: die Regierung bereichert die Staatskasse um 200,000 fl. CM. jährlich, die Steuerdirektion drückt die Unbemittelten und verschont die angesehenen Reichen, und die böhmischen Juden lassen sich in ihrer Gutmüthigkeit und Unterwürfigkeit drücken und pressen. Von Energie, Ausdauer, Beharrlichkeit, Gememsinn ist keine Spur unter den böhmischen Juden zu treffen. Ein veraltetes, inhumanes Gesetz wagt man nicht vor das Forum des Menschenrechts zu bringen, läßt man jedes Jahr Hundertausende verschlingen, sucht man nicht durch unermüdliches Appelliren außer Kraft und Wirkung zu setzen. Man lasse nur jenes Erpressungs-Institut der Steuerdirektion fortwirken z es wird nicht ermüden, Familienglück zu zerstören, dem Kranken die letzten Stunden auf dem Lodtenbette zu verbittern. „Die Steuerdirektion muß, wenn sie auch nicht will"z sie will aber auch, was sie nicht muß. Und würde die Steuerdirektion sich auflösen, wahrlich! der Staat würde es doch aufgeben, den Zehnten von seinen jüdisch-böhmischen Unterthanen zu fordern. Leben wir doch, Dank der fortschreitenden Bildung, nicht mehr in einer Zeit, in der man die Juden aus dem Lande wegtrieb und wegtreiben konnte! Aber, „wehe, die da verloren gegangen sind, können nicht mehr gefunden werden!" Die Steuerdirekrion hat eine mächtige Säule verloren: Herr Wiener, der Steuerdirektor, ist, beklagt und betrauert von den armen Juden, in das Reich der Seligen übergegangen! — Doch kehren wir lieber gleich zu den Lebenden zurück. Unser trefflicher Vorsteher, Hr. Landau, dem kein Jude in Böhmen an die Seite gesetzt werden kann, zeigte sich bei dieser Gelegenheit als ein Mann von Ehre, als ein Mann, der, wenn er auch das Weh feiner Glaubensbrüder nicht aus dem Wege räumen kann, doch nicht selbst Hervorrufen will. Es wurde ihm nämlich das Direktorat angetragen, und er schlug es aus. Er wollte nicht zur Maschine der Gelderpreffungen dienen. Schätzten wir unfern Landau, so haben wir ihn jetzt liebgewonnen. Mehre Steuerbedrückte. Die S'alomon Heinessche Stiftung in Hamburg. Da, wo das Geld die allgemeine Elle ist, mit der man den Menschenwerth mißt, die Wagschale, in welche man die einzelnen Glieder des Gefellschastskörpers wirft und ihr Gewicht bis auf Loth und Gran mit dürrer Kalkulationslust bestimmt, — da, wo das Besitzen höchstes Verdienst ist, wird es beinahe zum Phänomen, freudig und großherzig dem Besitze 'entsagen zu können. Von diesem Gesichtspunkte aus haben wir Herrn Salomon Heine, welcher gleichzeitig Hamburgs reichster und Hamburgs wohltätigster Mann ist, immer am aufrichtigsten verehrt. Die Summen, welche er im Verlaufe eines langen, von der Glücksgöttin hochgefegneten Lebens in edlen Handlungen jeder Art gespendet hat, bilden an und für sich ein sehr beträchtliches Vermögen, würden auch nur die betrachtet, welche der Welt bekannt geworden. Die feierliche Einweihung des auf Kosten Heine's erbauten neuen israelitischen Krankenhauses, die am 7. Sept. v. I. stattgefunden, lenkte, wie so oft schon, von Neuem die allgemeine Aufmerksamkeit und Verehrung auf einen Mann, dec abermals durch einen Akt großartiger Wohlthatigkeit bewiesen, daß Geld und Herz, zwei Wörter, deren Einklang die deutsche Sprache wohlweislich vermied, im Gebiete des Lebens nicht immer in gleicher Disharmonie stehen. Salomon Heine gehört in die ziemlich kurze Reihe der öffentlichen Charakteie Hamburgs. Es koncentrirt sich in ihm die Macht unseres ersten europäisch berühmten Banquierhcmses und die einflußreichste Autorität der Hamburger Börse. Wir glauben übrigens, diese tüchtige, körnige, unzweifelhaft originelle Menschennatur würde unter jedem Stempel der Verhältnisse zu einer auffallenden Bedeutsamkeit sich ausgeprägt haben. Freilich, nicht ohne den kräftigen Hilferuck des Glückes kam Heine auf die Höhe seiner jetzigen Stellung, aber nichtsdestoweniger gehört er zu den neidenswerthen Sterblichen, welche von sich sagen dürfen, mit eigener Hand die Barke gezimmert zu haben, worin sie mit edlem Stolze über den Strom des Lebens schiffen. Charaktere dieser Art nehmen sehr oft eine barocke, seltsame Färbung an. Das so gerechte Selbstgefühl in ihnen schlägt leicht in Überschätzung um. Sie zeigen sich ungleich, unfaßbar, heißblütig, auffahrend, wetterwendisch im Spiel der Launen, haben viele Schroffheiten, viele Ecken und Kanten, Eigenschaften, die nicht mehr befremden können, wenn man ihnen bis zur Quelle nachgeht. Auch Salomon Heine blieb nicht frei davon und wurde so nicht selten von Seiten Einzelner Gegenstand schiefer Auffassung und falscher Beurtheilung. Wir erklären diesen unhaltbaren, isolirten Widerspruch gegen die allge-