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Der Orient · 1844-01-09 · 2 (9.1.1844) · p. Spalte 21-22

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Journal
Der Orient
Volume
1844
Issue
2 (9.1.1844)
Date
1844-01-09
Page
Spalte 21-22 (sequence 3)
Language
German
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21 Studien. Gutachten des Rabb. und Dr. Gutmann über den Frankfurter Reform-Berein. 22 \ Stimmen und Uriheile über dm Frankfurter Reform-Verein. f III. | Offene« Antwortschreiben an die jüdischen Reformfreunde in Frankfurt a. Wt. | \ (Schluß.) I IL I Das Verwcrfungsurtheil, welches Sie gegen den Talmud arlssprechen, würde nur alsdann ein Gewicht in ihrem Munde haben, wenn Sie Ihren Glauben an die gcoffentbarte Lehre | Gottes zuvor deutlich und unverholen ausgesprochen, wenn Sie | Ihre Stellung auf dem Boden des Iudenthums dadurch auf |j eine unzweideutige Weise zu erkennen gegeben hätten, daß | Cie die heiligen Bücher, welche nach dem Glauben Israels fl Moses und die Propheten durch Gottes Eingebung niedergeg schrieben haben, für das erste, für das einzige Princip der I kehre und des Lebens erklärten. Wenn Sie diesen Grundsatz I: an die Spitze Ihres Bekenntnisses gestellt hätten, dann würde e iuct)t eine sehr große Anzahl von den jetzt lebenden Jsraeli- { tcit diesem Grundsätze sowohl als der Zurückweisung der : dogmatischen und gesetzlichen Verbindlichkeit des Talmuds und j der rabbinischen Schriften zugestimmt haben. Und auch ich H summe zwar nicht für eine gänzliche Verwerfung des Tal- Ei »ms, da derselbe nicht allein in historischere Beziehung, son- |- dem auch zum Verständniß der mosaischen Lehre immerhin li ton Wichtigkeit ist, aber doch dafür, daß derselbe ein mensch- U liches Werk sei, welchem gar viele Mängel und Gebrechen | Wkleben, und das daher der heiligen Schrift durchaus nicht p. an die Seite gestellt .werden darf. In seiner Beurtheilung p muß dem denkenden Geiste allerdings sein volles Recht vindi- II cirt werben, da er selbst ein Produkt der Abstraktion und l der denkende Geist der Urheber desselben ist. Selbst nach l dem orthodoxen Standpunkte eines Maimonides und anderer p w.bbimschen Autoritäten ist nur bei Weitem der allerkleinste | Theil der im Talmud enthalteen Lehren und Vorschriften als I göttliche Tradition Zu betrachten, indem er alle die Sätze, | welche einer Kontroverse zwischen den Lehrern des Talmuds | unterliegen, von jener Kategorie ausschließt. Ich nehme auch keinen Anstand, mich offen dahin zu erklären, daß die Ten- | welche die Talmudisten einschlugen, wiewohl ihnen selbst tz uubewußt, meistencheils eine verkehrte war, indem sie die I Vorschriften des mosaischen Gesetzes durch ihre willkürlichen E "ud minutiösen Deuteleien ins Unendliche vermehrten und auf | Ne Weise dahin wirkten, daß das religiöse Leben nach und | nach fast in lauter Aeußcrlichkeiten verloren ging; auch völlig I abgesehen davon, daß ihre dem Ort und der Zeit angemessek llen Begriffe mit den Aussprüchen einer reinen Moral nicht "nmer in Einklang zu bringen sind. Hierin liegt allerdings Hauptgebrechm des heutigen rabbinischen Iudenthums, und der Widerspruch zwischen seiner Lehre und dem Leben vieler seiner Bekenner, dessen Aufhebung und Beseitigung der ostensible Zweck Ihrer Reformbestrebung ist, kann durchaus nicht weggeleugnet werden. Diesen Widerspruch zu lösen, eine Reform nicht blos in den äußerlichen Formen des Kultus, sondern in der Lehre selbst nach dieser Seite hin zu bewirken, das Mosaische und Biblische von dem Talmudischen und Rabbinischen zu scheiden, damit nicht jenes zugleich mit diesem, wie doch jetzt schon nur zu häufig geschieht, völlig über Bord geworfen werde, dahin sollten alle diejenigen, welchen die Erhaltung der Religion wirklich am Herzen liegt, ihre vereinten Bestrebungen richten. Wer aber die Vernichtung alles O ffen b ar u n g s g (a ub e n s offen oderversteckt zum Ziele seines Strebens macht, dem kann man überhaupt kein Recht zugestehen, in Sachen der Religion mitzusprechen, und das Verdammungsurth^il, welches er gegen die menschliche Satzung schleudert, verdient schon deshalb keine Berücksichtigung, weil er mit der göttlichen Lehre auch nicht glimpflicher verfährt, weil überhaupt der Gott, welchem dieser fröhnt, ganz verschieden ist von dem Gotte Israels. III. Was nun dem dritten Punkt Ihrer Erklärung, die Erwartung eines Messias und die Hoffnung auf die Rückkehr nach Palästina, anbelangt, so ist wohl mit Grund anzunehmen, daß der Glaube und die Hoffnung, daß dereinst alle Israeliten durch einen von Gott ausdrücklich dazu gesandten Mann in das Land Palästina werden zurückgeführt werden, um dort ein eignes selbstständiges Reich zu bilden, nur noch in den Herzen weniger Israeliten lebendig sein möchte. Die Allermeisten kennen mit Ihnen kein anderes Vaterland, als das, dem sie durch Geburt und bürgerliche Verhältnisse angehören. Aber auch aus der Art und Weise, wie dieser Artikel in Ihrer Erklärung behandelt und abgefertigt wird, leuchtet nur zu deutlich Ihr ganzes negatives Bestreben hervor, und wie die von Ihnen beabsichtigte Reform nichts anderes als eine Untergrabung des ehrwürdigen Gebäudes der mosaischen Religion zu nennen ist. Auch, von uns wird ein Messias, der uns in das Land Palästina zurückführe, weder erwartet noch gewünscht. Allein die Verheißung eines Messias, eines Erlösers von leiblichen Nebeln und von geistiger Knechtschaft, diese Verheißung, welche sich wie ein rothcr Faden durch sämmtliche Bücher der heiligen Schrift zieht, an den die herrlichsten und schönsten Hoffnungen angereiht sind, lassen wir uns durch keinen Machtspruch rauben. Sie ist vielmehr auf das Innigste mit unserem ganzen Glauben verwebt, und dieser verliert seine höchste Zierde, wenn ihm jene entrissen wird. Die messiamschen Verheißungen haben, wenn irgend eine andere Hoffnung oder Lehre, ihren sichern Grund in dem geoffenbarten Worte Gottes selbst, auf welches jeder rechtgläubige Israelit zu leben und zu sterben sich verpflichtet fühlt. Doch fassen wir jene Verheißungen nicht in dem beschränkten und partikularistischen Sinne auf, als ob der Messias blos Israel erlösen und demselben etwa auch die 2 *

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