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Der Orient · 1844-01-09 · Heft 2 (9.1.1844) · p. Seite 11

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Journal
Der Orient
Volume
5 (1844)
Issue
Heft 2 (9.1.1844)
Date
1844-01-09
Page
Seite 11 (sequence 5)
Language
German
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11 tetc* Wie, wäre das Verfahren der hochherzigen Vertheidrger der damastener Israeliten als ,..vorzeitig" zu verwerfen? Wenn man das vielfach misverstandene Wort „Leidenschaftlichkeit" siic gleichbedeutend hält mit unlautern, persönlichen Motiven, mit rtäiüb &bw m^D, mit einem Behandeln öffentlicher Dinge aus privaten, der Sache selbst fremden Beweggründen und mit der Absicht, dadurch irgend eine egoistische Leidenschaft zu befriedigen, dann ist ein solcher Vorwurf, auf mich in der vorliegenden Streitfrage angewendet, so völlig grundlos und unhaltbar, daß er die Mühe einer Widerrede nicht verdient. Ich stehe von jeher außer aller Berührung mit Hrn. Lehren und seinem Komik?, und seitdem er mir einmal, als ich kaum dem Knabenalter entwachsen war, die Ehre erzeigt hat, mich zu „benschen," hatte ich nicht das Vergnügen, ein Wort mit ihm zu reden. Mit den Mitgliedern des hiesigen Komitu's stand ich nie in irgend einem feindseligen Verhäitniß und zähle sogar, ungeachtet der eben jetzt durch den in Rede stehenden Streit entstandenen Mishelligkeiten, einige Freunde unter denselben. Noch viel enger und inniger befreundet ist Hr. Kirchheim allen diesen Herren durch Stellung, Grundsätze, Verbindungen und gesellschaftliche Berührungen. — Soll etwa mit dem Ausdruck „Leidenschaftlichkeit" angedeutet werden, daß ich mich von meinem Eifer für die von mir vertretene Sache über die Grenzen der Gerechtigkeit hinaus hätte verleiten lassen? Dann wäre es nöthig, einen solchen Vorwurf durch irgend einen Beleg zu begründen. Der Ausdruck „Leidenschaftlichkeit," insofern man damit ein tadelnswertes öffentliches Auftreten bezeichnen will, darf sich nicht etwa auf stilistische Formen des Vortrags beziehen, sondern man rügt mit diesem Vorwurfe jene parteiische Hitze, die, ihres Gegenstandes nicht mehr mächtig, mehr spricht, als sie vor Vernunft und Wahrheit verantworten kann, gleichviel, ob nun in einem lebhaften oder in einem sogen, ruhigen Tone gesprochen worden. Leidenschaftliches Verfahren kommt bekanntlich ebenso häufig bei kalten, besonnenen Temperamenten und .Handlungen wie bei heftigen, übereilten vor, und von Hrn. B. M. Adler z. B., der sich ln der Vertheidigung des Hrn. Lehren (Orient Nr. 23 , bei aller äußern Ruhe und Gelassenheit seines Styls, so weit vergaß, sich zu Gunsten seiner Partei auf das Zeugniß der Herren v. Rothschild und Montefiore zu berufen, ohne von Diese n j e d a zu a u tor isir t word e n zu sein, und von dem hiesigen Komitemitglied, das u. A. dafür gestimmt hat, daß man, falls das Publikum wirklich dem amsterd. Komite sein Vertrauen entzöge, Lieber die Spenden nach Palästina überhaupt einstellen, als solche durch eine anderweitige V er mittlug dorthin befördern lassen solle, von solchen überfanatischen Parteimännern, sage ich, kann, wie ruhig sie sich auch in Ausdruck und Vortrag halten und gebehrden und wie sehr auch Hr. V. M. Adler sich berechtigt geglaubt haben mag, mir in dem ebengedachtcn Aufsatze meine „Leidenschaftlichkeit" vorzuhalten, nicht anders gesagt werden, als daß sie in ihrer Parteilichkeit zu weit gegangen, mit andern Worten, daß sie dabei sehr „leidenschaftlich" zu Werke gegangen. Wenn man jedoch unter meiner sogen. „Leidenschaftlichkeit" jenen Eifer verstanden wissen will, jenes Feuer, das für eine heilige Sache, die wir vertreten, in unserm Herzen auflodert und unser ganzes Wesen für Recht und Wahrheit entflammt; wenn damit jene heilige Glut gemeint ist, in welche der Anblick des Unrechts den Rechtsfreund, der Triumph des Lasters und der Lüge den Verehrer der Tugend und der Wahrheit, das Leiden der Unschuld, den Menschenfreund versetzt und ihn fremde Angelegenheiten zu seinen eignen machen läßt; wenn damit jene innige Eingenommenheit für öffentliches Wohl, jene persönliche Interessen und Leidenschaften noch bei weitem an Tiefe übertreffende Entrüstung über öffentliche Unthaten bezeichnet wird, die mir wohl schon früher von manchen Recensenten meiner „Damascia" — z. B. von den Herren Hitzig und Häring und von einem gewissen holländischen Kritikus — unter eben dieser Benennung zum Vorwurfe gemacht werden: dann, ja, dann verdiene ich, und zwar recht gern, diesen Vorwurf, und man möge ihn mir einst auf mein Grabmal setzen. Ja, ich kann Hrn. v. W. versichern, daß der erste glaubwürdige Bericht über die in Palästina vorgefallenen beispiellosen Schändlichkeiten mich im Augenblicke in eine solche Erbitterung versetzte, daß ich, ein zweiter Nero, in meiner „Leidenschaftlichkeit" dem ganzen amsterd. „Hauptkomite" benebst allen seinen aseendirenden und descendirmden Gilden, Adjunkten und Schwanzkomitos sammt und sonders nur einen einzigen Kopf hätte wünschen mögen, um ihnen allesammt zumal — Ohrfeigen geben zu können. Welche auffallende Aehnlichkeit doch oft zwischen großen und kleinen Dingen vorkommt — ,3si Licet exempLis ln parvo grandil>us uti!tc-O ihr Edelsten dei' Menschengeschlechts, welche Ehre widerfährt uns und wie haben wir es verdient, mit euch gemeinschaftlich ben gleichen Vorwurf zu tragen! — Wie „leidenschaftlich" trat wohl einst Vater Abraham gegen die Götzen des Urherdenthums auf! Mit welcher „Leidenschaftlichkeit" — so urtheilte man ohne Zweifel einst am egyptischen Hofe — benahm sich Moses gegen den Pharao! Wie „leidenschaftlich" war der Prophet Jesaja gegen das Verderbniß und die Thorheiten seiner Zeit eingenommen! Und war es nicht eben auch pure „Leidenschaftlichkeit," die dein königlichen Sänger die Worte in .den Mund legte: „Fürwahr, ich haße Deine Feinde, Gott, Ich hadere mit Deinen Widersachern, Ich hasse sie voll tiefen Grolls, Betrachte sie als Feinde!"? — So möge man denn auch immerhin fortfahren, mir die leidige „Leidenschaftlichkeit" bis an's Ende meiner Tage vorzurücken, wenn nur bis dahin stets die Sachen, für die ich „leidenschaftlich" werde, nur reine und gute sein werden; wenn ick) 2*

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