Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-12-20 · Heft 52 (20.12.1842) · p. Seite 414

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 52 (20.12.1842)
Date
1842-12-20
Page
Seite 414 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360254--2778-3529920
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

414 Widerspruch wohnen und selbst Grundeigenthümer sind; wiewohl sie mit manchen Inkongruenzen, das Eigenthum nur unter fremdem Namen besitzen können. Es scheint nicht angemessen, diese Beschränkungen länger gesetzlich , bestehen zu lassen; und nach E. E. Raths Dafürhalten ist besonders der gegenwärtige Augenblick dazu geeignet, sie aufzuheben. Das ganze Quartier der Altstadt, wo die Israeliten Hauser auf eigenen Namen erwerben konnten und unbehindert wohnen durften, ist durch die Feuersbrunst im Mai d. I. zerstört, und es werden gerade in dieser Gegend sehr umfangreiche Expropriationen emtreten müssen. Es wäre unbillig, die Juden noch mehr als bisher zu beschranken, schwierig, ihnen eine andere Gegend anzuweisen; ihre Concucrenz bei dem Ankauf von Grundstücken in einer Zeit wie die gegenwärtige, kann nur wohlthatig wirken." „Unter der Bemerkung, daß E. Oberalten und Collegium der Sechsziger über diesen Gegenstand mit E. E. Rache einverstanden sind, ersucht derselbe auch Erbges. Bürgerschaft um ihre Mitgenehmigung". Der erste Schritt wäre also geschehen. Ein scheinbar unbedeutendes Augestandniß ist den Juden in Hamburg gemacht worden und nicht sowohl die Humanität als der Staatsvortheil—- indirekt die Feuersbrunst — sind die Veranlassung dazu geworden, daß den Juden fortan eine freiere Bewegung in einer Rücksicht gestattet sein wird: aber es ist, der allgemeinen Meinung nach, dadurch schon viel gewonnen. Die Bahn zu weiteren Fortschritten ist jetzt, und eigentlich jetzt erst, eröffnet. Der Bürgerkonvent, in welchem diese Proposüion angenommen wurde, soll sehr schwach besucht gewesen fein. Man behauptet, es waren nur etwa 350 erbgesessene Bürger zugegen gewesen. Vorher hatte verlautet, der Senat habe der Proposttion die Clausel beigefügt, daß durch das beantragte Augestandniß den Juden keinerlei Rechtsanspruch in bürgerlicher und politischer Beziehung erwachsen solle. So soll es in den extra für die Bürgerschaftsberechtigten gedruckten und zwei Tage vorher an dieselben privatim vertheilten Exemplaren der Propositionen sammt Leigefügter Motivirung auch wirklich gestanden haben; in den öffentlichen Blättern aber ist keine solche Clause! zu finden (vgl. oben die wortgetreue Mittheilung). — Von Seiten der Oberalten soll eine Beschränkung der den Juden zu ertheilenden Erlaubniß hinsichtlich des Detailhandels und seiner Betreibung in der Altstadt begehrt, aber vom Senate zurückgewiesen worden sein. Ob drei Kirchspiele gegen 2, oder 4 gegen 1 für die Juden gestimmt haben, darüber lauten die Angaben verschieden. — Das nächste Augenmerk ist wohl auf die Betreibung der Handwerke und Zulassung jüdischer Advokaten zu richten. In dem Streite der Blätter über die Dienstbotenangelegenheit ist eine kleine Pause eingetreten. Doch hat sich Herr Dr. Voigt in. den N. Hamb. Bl. am letzten Mittwoch noch einmal gegen H. Haarbleicher vernehmen lassen. Wiederum der Wahn, Hamburg sei ein christlicher Staat; wiederum der Zorn gegen Rationalisten und Indifferentsten; wiederum die Anspielung auch die allerdings verhältnißmäßig große jüdische Bevölkerung in Hamburg (wobei jedoch nur eine Vergleichung mit England, Frankreich, Würtemberg, Kurhessen und Belgien angestellt, die mit dem christlichffrommen, kaufmännisch-eifersüchtigen , aber zugleich den Juden volles Bürgerrecht gewahrenden Holland hingegen — gewiß das schlagendste Beispiel — wie es scheint absichtlich, übergangen wurde). — Im Ganzen hat indessen Dr. Voigt einen würdigen Ton behauptet und Alles eingeräumt, was er eben von seinem orthodox-christlichen Standpunkte aus einräumen konnte. — Sein christlicher Gegner (Dr. Baumeister) soll jetzt mit der Abfassung einer Denkschrift über die Juden beschäftigt sein, welche die patriotische Gesellschaft mit in ihre dem Drucke zu übergebenden und dem Senate vorzulegenden Gravamina aufnehmen will. Dem Vernehmen nach erklärt sich Dr. Baumeister für vollständige Emcmcipation. — Außer dem voranstehenden auf Hamburg Bezüglichen verdient nur noch der freiwillige Austritt des H. Dr. Gerson aus dem Gesundheitsrathe und der in der neuesten Nummer der Blätter des Enthaltsamkeitsvereins (vom 1. Dec.) enthaltene Schluß der Rede des H. Dr. Frankfurter über den Einfluß der Mäßigkeit auf das Familienleben bemerkt zu werden. Auch in Lübeck scheint die Angelegenheit dec Juden bald eine erfreulichere Wendung nehmen zu wollen. Der Eifer für Reform ist auch dort erwacht und am 5. Dec. beginnen die Sitzungen eines kürzlich genehmigten Verfassungsrevisions - Comite. — Schon 1841 wurde der Moislinger Schule ein bis dahin vermischet gewesenes Lokal eingeräumt. — Die „Börsenliste" vom 1. Dec. bringt über dieselbe Angelegenheit einige Mittheilungen, die mir auch privatim bestätigt worden sind. Schlimmer steht es noch wegen der Verweigerung der Freizügigkeit im Holsteinischen. Der König har dort viele Zugeständnisse gemacht; aber die Stände dissentirten. Die darüber in dem „Wandsbecker Jntelligenzblatt" vom 3. Dec. enthaltene furchtbare und den Juden in moralischer Beziehung sehr schmeichelhafte Schilderung aus Kiel ist jedoch mit großer Vorsicht und cum grano salis aufzunehmen und zu würdigen. Man darf nämlich nicht vergessen, daß das Wandsb. Wochenblatt radikal ist und besonders die Holstein. Stände nicht leiden mag, weil sie für die Vereinigung Schleswigs mit Holstein gestimmt haben. Diese projektirte Vereinigung ist aber dem Wandsbecker Blatte ein Greuel- Hamburg, 30. November. (Wochenbericht über jüdische Verhältnisse. 23— 30. November.) Ein erfreuliches Zeichen der Zeit ist die hier und gewiß überall unter den Juden ohne Unterschied der Meinungs-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.