Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-12-13 · Heft 51 (13.12.1842) · p. Seite 404

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 51 (13.12.1842)
Date
1842-12-13
Page
Seite 404 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360201-2360253--2767-3529900
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Enthusiasmus ausgenommen worden sei. Die Aufrechthaltung des jüd. Gesetzes soll den Juden zugesichert und die Reform auf's Schonendste eingeführt werden. Im Widerspruche mit v. Krusenstecns halbofsiciellem Berichte und glaubwürdigen Privatmittheilungen heißt es hier, die Schule zu Uman sei noch nicht zu Stande gekommen. — Wo das Schulwesen gedeiht, wird auch die Richtung auf die Erlangung der höheren Lebensgüter überhaupt nicht lange ausbleiden. Ich führe Jynen zum Belege dafür dieselbe jüdische Gemeinde-in der Schweiz an, über deren Schuleinweihungsfeier jüngst berichtet wurde. Die Gemeinde zu Lengnau im Kanton Aargau hat nämlich dem am 7. Nov. zusammengetretenen (und am 12. Nov. wieder bis zum December vertagten) großen Rathe daselbst, dem diesmal der Seminardirektor Keller prasidirte, eine Petition um Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der in jenem Kancon lebenden Juden überreicht. Der „Schweizer Bote" berichtet darüber (12. Nov.) in folgender Weise: „Großer Rath. Vierte Sitzung vom 10. Nov. Der dritte Gegenstand (auf der Tagesordnung) war die Bitte der isr. Gemeinde Lengnau um Verbesserung des bürgerlichen Zustandes der Juden. Die Herren Fürsprecher Baldinger und Dösseckel und Herr Landmann Frei besprachen diesen Gegenstand. Auf ihre Anträge wurde der kleine Rath beauftragt, das Gesetz vom 5. Mai 1809 über die Verhältnisse der Juden zum Staate bis zur künftigen Frühlingssitzung revidirt und den gegenwärtigen Zeitverhaltnissen angepaßt, vorzulegen. Die Zuschrift wird aber zuerst, ehe sie an den kleinen Rath gelangt, noch der Kommission zur Begutachtung des Militargesetzes überwiesen, damit dieselbe auf den Theil des Inhaltes dieser Bittschrift, welcher statt der bisherigen Taxirung der Judengemeinde die Verpflichtung der Israeliten zum persönlichen Milizdienste eingesührt wissen möchte, gutsindend Rücksicht nehmen". — Die Weigerung des jetzigen Genfer Staatsraths (dessen Lebensdauer übrigens sehr kurz sein dürfte), den Juden freien Gottesdienst innerhalb der Stadt zu erlauben, wird in allen franz. Zeitungen mit gerechter Entrüstung besprochen. Sogar rUnrvers religieux, das Organ der katholischen Propaganda, dessen Schmahartikel (sie rührten zum Theil von dem karlistisch - radikalen Pair Grafen von Montalembert her) in der Damaskusangelegenheit einem Theile Ihrer Leser noch erinnerlich sein werden, nahm gegen den Genfer Staatsrath Partei, natürlich wohl nicht aus purer Zärtlichkeit für die Juden, sondern um den „Calvinismus" etwas anzuhängen. Die Zeitung der franz. Römlinge und Obscurantisten meint nämlich, den Unterschied zwischen Rom, Luther und Calvin könne man auch aus der Behandlung ersehen, die den Juden in jedem der diesen verschiedenen Confesstonm angehörigen Lander widerführe. Dabei erinnert sie an den gegen Michel Servet (Servetus) geübten Fanatismus. Der Constitutionnel, der geschworene Feind des Clerus, insbesondere des römischen, das Organ des Herrn Dupin und der Bourgeoisie, erinnert aber sehr passend an die Inquisition in früherer und an das Ghetto in jetziger Zeit und meint, es sei unvorsichtig oder unverschämt, von Roms Toleranz zu -schwatzen. — Ware wirklich der Katholicismus gegen die Juden toleranter, so müßten sie ja in Baiern goldene Tage haben. Statt dessen beschränken sie ihre Hoffnungen darauf, daß auch ihnen einige kleine Brosamen von den königlichen und den ständischen Tafeln abfallen werden. Das Frankfurter Journal enthält darüber Folgendes: „Die baierschen Juden doffen von der nächsten Ständeversammlung*) einige Modifikationen des sie so sehr beengenden Edikts von 1818 zu erzielen. Ihre Hoffnungen auf völlige Emancipation, die in der Kammer der Abgeordneten von 183k bereits beschlossen war, sind wohl schon längst verschwunden; indessen erwarten sie wenigstens einige Erleichterungen, zu welchen auch die königliche Regierung bereitwillig die Hand zu .reichen geneigt sein soll." — In Baiern starb auch vor Kurzem ein Jude, dem das seltne Glück zu Theil wurde, mit mehreren der edelsten christlichen Zeitgenossen durch die Bande der innigsten Freundschaft verbunden gewesen zu sein. Es war Osmund, der Freund Herders und der treueste Vertraute Jean Paul's, der auch in seinen Armen gestorben war. Die L. A. Z. vom 14. Nov., die den, Ende Octobers zu Bayreuth erfolgten Tod Osmunds meldet, schildert ihn als einen Mann von großartiger Empfindung und Weltanschauung. Er führte ein religiös und sittlich musterhaftes Leben und korrespondicte mit Jean Paul ununterbrochen, obwohl er in einer und derselben Stadt mit ihm lebte. Zeugen dieses schriftlichen Ideenaustausches sind eine Anzahl im Morgenblatte mitgetheiltec Briefe. Jean Paul's an ihn. — H Berlin, 30. Nov. Die seit langer Zeit eingetretene Stille in den Angelegenheiten unsrer Gemeinde wurde in der vergangenen Woche auf eine unerfreuliche Weise gestört, indem zwei Zeitungsartikel in der hiesigen Spenerschen und der Leipziger Allgemeinen wiederum eine Polemik gegen die Rabbinatswahl eröffueten. Beide Artikel sind unverkennbar von einer und derselben Hand, und tragen, ungeachtet mancher in ihnen enthaltenen herben Wahrheit, den Stempel eines niedrigen Partheihasses, der kein Mittel verschmäht, um seine gehässigen Insinuationen an den Mann zu bringen. Es gehört eine unaussprechliche moralische Gesunkenheit dazu, körperliche Gebrechen zum Gegenstände einer öffentlichen Verspottung zu machen, wie dies in dem Artikel der L. A. Z. gerhan wurde; durch solche Mittel können aber heut zu Tage nur Verächtliche von Verächtlichen bestochen werden, der Redliche wendet sich ’) Sie tritt im Nov. 1842 züseummn, 2Cnm. d. E.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.