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Der Orient · 1842-12-13 · Heft 51 (13.12.1842) · p. Seite 403

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 51 (13.12.1842)
Date
1842-12-13
Page
Seite 403 (sequence 5)
Language
German
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403 Das Beste, was uns bis jetzt über diese Affaire zu Gesichte gekommen, ist in den „Neuen Hamb. Blattern Nc. 50 vom 16. Nov. enthalten. Der pietisiische Advokat, Dr. Voigt, welcher in Nr. 49 die christliche Exklusivität in Schutz nahm,, hat nämlich zwei gefährliche und ihm auch stylistisch überlegene Gegner in Hrn. Dr. Baumeister und in Herrn H a a r b l e i ch e r gesunden. Dr. Baumeister, Richter am Niedergerichte und Mitglied der Rath- und Bürgerkommission, ein wissenschaftlich durchgebildeter Mann, erklärt sich offen und würdig für die Verbesserung der bürgerlichen Verhältniffe der Juden, die er als eine reife Geburt bezeichnet, und freut sich, daß über diese Frage die Entscheidung nicht von den christlichen Hausfrauen abhange. Noch vorzüglicher ist die Disposition in Herrn Haarbleichers Aufsatz („Dienstbotenveredlung"), nur der Schluß athmet eine etwas zu große Leidenschaftlichkeit. Schade, daß Herr Dr. Baumeister seinen Aufsatz („Die Israeliten und ihre Gegner") ganz ohne Unterschrift gegeben hat; H. Haarbleicher hat den feinigen mit —h— unterzeichnet. Daß übrigens sowohl V., als —h— den vor Kurzem hier gestifteten „Friedensverein", zu welchem sich Juden und Christen in brüderlicher Eintracht verbunden haben, arg mitnehmen, mag immerhin in der Ueberzeugung von seiner Ueberflüfsigkeit und Erfolglosigkeit begründet sein, bleibt aber so lange tadelnswerth, als Censur und Polizei jenem Vereine die Vertheidigung seiner Grundsätze erschweren oder gar unmöglich machen. Die heilige Hermandad scheint mir wenigstens in unsern heutigen „Polizeistaaten", wie die rhein. Blätter sie tituliren, weit eher auf wirklich gemeinschädliche Auswüchse der Gesellschaft aufmerksam gemacht werden zu müssen, als daß man sie die Domäne des Privatwillens noch mehr einengen lasse. Es ist himmelschreiend, wenn man bemerkt, was nicht Alles dem modernen Staate unterthänigst zu Füßen gelegt wird.' Am buntesten hat es hierin Hr. L. Hofmann, der proviforische meiningsche Landescabbiner, gettieben; er hat sich nicht damit begnügt, ein aller Wahrheit Hohn sprechendes Gutachten abzugeben, sondern hat sich noch obendrein im Franks. Journal zu rechtfertigen gesucht, uneingedenk des guten Rechtes, das er jetzt der Regierung in die Hände gegeben, seine Funktionen für erloschen zu erklären, da die Gemeinde einen Rabbiner zum bloßen „Staate'- nicht braucht. Ich habe schon augedeutet, daß bereits früher ein analoger Fall in Schlesien vorgekommen, den auch die L- A. Z. vom 14. Nov. anführt. Das Provinzialschulkollegium nahm die Verordnung, welche auch bei Christen viele Opposition erregte, wieder zurück. Ein Gegner der Maaßregel erklärte ganz offen, die Obrigkeit übe dadurch einen Gewissenszwang, so lange es keine jüdischen Gymnasien gebe. — In rein politischen und bürgerlichen Dingen ist ein solcher Zwang eher nothwendig und statthaft, besonders dann, wenn es sich um Ausrottung verjährter Vorurtheile handelt. So hat (nach dem Humoristen vom 10. Nov.) der isr. Verein zur Beförderung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden iy Pesth, der bereits 500 Mitglieder zahlt, von denen jedes jährlich einen Beitrag ven 2 Gulden Conventionsmünze zahlt, den sebr vernünftigen Beschluß gefaßt, daß, im Falle Pesther Meister sich weigern sollten, jüdische Lehrlinge anzunehmen, die letzteren ins Ausland geschickt oder auf Kosten des Vereines Werkstätten für Ausländer Behufs des Unterrichts der Einheimischen errichtet werden sollten. Eine solche Drohung wäre geradezu unmöglich, wenn nicht neben dem Bewußtsein des Rechtes noch den Juden die feste Ueberzeugung einwohnte, daß nur wenige Meister aus religiöser Antipathie sie zu solchen Schritten nöthigen, wenn sie aber dennoch sich intolerant zeigen sollten, die Majorität des Volkes unbedingt gegen, sich haben dürften. Aber freilich ist die öffentliche Meinung noch nicht überall in gleichem Maaße erstarkt. Daß sie aber da, wo sie einmal sich.zu kräftigen begonnen hat, auch die schroffste religiöse Scheidewand überspringt, dafür haben wir an der Thatsache ein vollgültiges Zeugniß, daß einem jüdischen Arzte (Dr. Jacoby in Königsberg), der durch ein zu rechter Zeit gesprochenes Wort die konstitutionelle Bewegung in Preußen wieder in Schwung brachte, auch Beisteuer seiner heimathlichen Provinz nicht blos, sondern auch anderer Theile der Monarchie und selbst Hamburgs u. s. w. eine goldene Bürgerkrone zum Geschenke gemacht wird. Aber nicht blos das außerordentliche Verdienst soll der ihm gebührenden Huldigung theilhaftig, auch dem gewöhnlichen schlichten Arbeiter soll sein Lohn nicht vorenthalten werden» Der Reichthum allein darf keinen Maaßstab der Würdigkeit im Staate abgeben, sonst zeigt sich überall dieselbe Anomalie, welche sich jetzt in dem Verhältnisse der böhmischen Fabrikanten und des böhmischen Geldadels unter den Juden gegen ihre ärmeren, schmählich gedrückten Glaubensgenossen offenbart. Man glaube nicht etwa, daß>wir dem Triumphe, den die Industrie in unsern Mgen feiert, abhold sind; aber prunkende Titel erzeugen weder Liebe noch tiefere Achtung uud die Gunst, die der reiche Jude in Böhmen genießt, ist rein individuell und wandelbar, während die beklagcnswerthe Masse sich im Widerschein eines künstlich erzeugten Glanzes zu einem nur noch unglückseligeren Jammerbilde gestaltet (vgl. L. A. Z. vom 16. Nov.). — Eine ähnliche Versunkenheit findet sich auch noch bei der Mehrzahl der russischen und polnischen Juden; doch giebt ein Schreiben aus Odessa in der Schles. Zeitung die Hoffnung, daß bald eine bessere Periode für die jüdische Bevölkerung des Czarenreiches eintreten werde. Die Zahl derselben wird auf 2,180,000 Seelen angegeben, von denen 15,000 auf die Stadt Berdidczew kommen, in welcher Dr. Lilienthal (der, beiläufig erwähnt, erst 28 Jahre alt ist l und seine Stelle in Riga niedergelegt hat) mit großem! 51 *

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