Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1842
- Issue
- 50 (6.12.1842)
- Date
- 1842-12-06
- Page
- Spalte 793-794 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Homiletik. Dr. Frankfurter's Predigten. 794 763 wer , wie es Hr. Dr. Fr. gethan, vorzugsweise den letztgenannten Zweck verfolgt, hat damit keineswegs die Grenze des Erlaubten überschritten. Der Inhalt des Iudcnthums wird durch alle Forschung, alle Zweifel, alle Vergleichungen mit andern Religionen nicht erschüttert, viel weniger zerstört. Das wahrhaft Leidende ist überhaupt nicht das Judenthum, sondern der Jude als Glied der staatlichen Gemeinschaft oder der Jude als Erbe einer Tradition, die ihn mit der Außenwelt in einen unverschuldeten, aber ihn schwer beklemmenden Conslikt bringt. Je offener wir aber den Fragen, die uns der Staat und das religiöse Bewußtsein aufwirst, zu Leibe gehen, desto klarer wird das Wesen des Judenthums sich uns offenbaren. — Während nun Dr. Salomon Hauptsächlich durch argumenta ad hunvinem auf seine Zuhörer wirkt, während er absurde Vorwürfe gegen die Juden polemisch, aber ohne die Grundlehren der christlichen Kirche anzutasten, zurückweist, wahrend er mit episch-dramatischer Lebendigkeit die Emancipationstheorie vom Standpunkte der reinen Moral und des gesunden Menschenverstandes, aus der Erfahrung und Geschichte und mit Hervorhebung der bei den Gegnern hervortretenden Widersprüche auf der Kanzel verficht, läßt unser Kanzelredner die specielleu Lebens- und Seitverhältnisse oft völlig unberührt und wendet sich weniger an das Gemüth als an den Verstand, weniger an die Glaubensstarken als an die Wissensdurstigen, weniger an die Gesammtheit, als an den Kern derselben. Seine Ansichten können erst im Zusammenhänge, oft nur Bruchstückweise, erkannt werden: man muß, wenn man die Gedankenkette sich bis zu Ende hat entwickeln sehen, noch einmal zu den ersten Anfängen, zu den Voraussetzungen und zu einer auf apriorischem Wege gewonnenen Basis zurückgehen, während derjenige, der auch nur eine Salomonsche Predigt gehört hat, sich leicht wird darüber Rechenschaft geben können, wie der Redner jeden beliebigen Theil des Dogma demonstriren würde. In der That schließt sich Dr. Salomon mehr dem offenkundigen Gange der Zeit an, während Dr. Frankfurter mehr das latente Ziel derselben, die Principien, das innerlich Bewegende vor Augen hat und daher mehr didaktisch, mehr stufenmäßig fortgehend, mehr von dem Siege im Geiste, als von dem im Leben überzeugt erscheint. Dabei läßt indessen keiner von Beiden den Kampf mit der Sophistik der Gegner aus den Augen und Beide fordern das ganze, unverkürzte Recht für alle ihre Glaubensgenossen. In der fünften der vorliegenden Predigten: „Gott unser Erlöser!" (S. 64—80) findet sich das Emancipationsthema sogar fast ausschließlich behandelt. Sie ist am ersten Tage des Pesach 5601 gehalten und die folgende Stelle mag zugleich den Styl des Redners und die überraschende Fülle des Ausdrucks charakterisiren , der die sein lebhafteres Fort schreiten anfangs hemmenden Participialkonstruktionen jetzt fast ganz abgestreift hat. „Gott aber, der zur Freiheit Israel aus Egypten erlösete, lebt und ist derselbe in Ewigkeit, und will und wi rd zur Freiheit auch uns führ en." „Wäre es auch ein völliges Verkennen der göttlichen Güte, die uns ganz besonders im Leben und in der Geschichte Israels, auch nachdem es a u f h ö r t e, ein V o l k zu sein, sich offenbart, wenn wir nicht gestünden, daß gar viele der Lasten, die uns drückten, theils unfern Schultern entnommen,, theils. erleichtert sind; wäre es schwere Sünde gegen unfern himmlischen Vater, wenn wir ob mancher Schattenseiten der.Gegenwart die Freude ob der Vergangenheit uns trüben, die Hoffnung auf die Zukunft uns schwinden ließen: so dürfen wir doch im Angesichte Gottes und der Menschen die Behauptung offen auosprechcn, daß mit Nichten die Freiheit der Söhne derer gewahrt und errungen ist, die Gott einst selbst frei machte, durch die er die erhabene Lehre der Menschheit gab: daß d e r M e n sch keines Mens ch e n, ein Volk keines Volkes Sklave sein könne und dürfe!" „Ist das etwa der göttliche Wille, der einen großen Theil seiner Kinder kann als Stiefkinder ansehen und behandeln lassen? Wer wagt, Gott zu lästern und sein Wort zu verhöhnen, um solches zu behaupten? — Liebt doch Gott alle seine Geschöpfe mit väterlicher Liebe, ist doch die ganze Erde voll seiner Güte, sorgt er doch für alle Wesen, ist er doch gütig und barmherzig selbst gegen die Fehlenden, die Sündigen! Und er könnte Israel verstoßen, verstoßen wissen wollen, das er aus Liebe erwählt (2 Mos. 19, 4; 5 Mos. 4, 38; 7, 8; Mal. 1, 2); dem er „„ewige Liebe" geschworen (Jerem. 3J, 3), das er zu keiner Zeit und an keinem Orte zu verlassen verheißen, dem er seine Huld zugesichert, auch wenn „„Mutterliebe selbst"" zur Unwahrheit würde! (3 Mos. 26, 44. 45; Jes. 49, 15)." „Oder ists der Väter Sünde, die die Kinder büßen sollen? Wie? der-Richter der ganzen Welt sollte ungerecht sein? (1 Mos. 18, 25). Rein! sein Werk ist vollkommen und seine Wege sind Recht (5 Mos. 32,. 5). Und wie sein Werk, so sein Wort. Dies lehrt: „„Nicht b ü ß e n Eltern u m d e r K i n d e r w i l l e n u n d n i ch t Kinder um der Eltern willen, jeder trägt und büßt nur die eigene Schu ld"" (5 Mos. 24, 16). Und das wiederholt der Mund des Propheten: „„Was treibet ihr unter euch das Sprüchwort: Die Vater haben Heerlinge gegessen und den Kindern werden die Zähne stumpf!"" „„So wahr ich lebe, spricht Gott, ob je Einer noch solch ein Sprichwort machen soll in Israel. Siehe, alle Seelen sind mein! Die Seele des Vaters wie die Seele des Sohnes sind mein; die Seele, die gesündigt hat — soll sterben!"" (Ezech. 18, 2 — 4). Wahrlich nein! ungöttli ch e s Thun ist nicht, kann nicht göttlicher Wille sein!" „Auch sind unsere Ansprüche nicht ungerecht an die Herzen der Fürsten, an die Häupter der Staaten, an den Ausspruch der Gesetzgeber. Was verlangt denn Israel?