Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 50 (6.12.1842)
- Date
- 1842-12-06
- Page
- Seite 395 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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395 sich (scheinbar) untreu gewordene christliche Frömmigkeit der preuß. Negierung als unangenehme Mahnung und für die sich treu gebliebenen Juden als stetes Warnungszeichen vor Täuschung und Ueberlistung gelten darf, nach wie vor mit unverschleierter Unterstützung fortbesteht, bleibt uns für die beabsichtigte Umgestaltung der jüdischen Verhältnisse in Preußen kaum eine andere Deutung übrig, als die, daß man den Juden in corpore das Leben recht sauer machen wolle, um sie zu einem Schritte geneigt zu machen, den sie auf keine andere Weise rhun' zu wollen durch jahrelange Ausdauer hinlänglich dargethan haben. Aber wie, wenn auch dieser Zwang die gehoffte Wirkung verfehlte? Und er wird sie verfehlen, wenn er überhaupt noch versucht werden sollte, nachdem so viele, so edle, so ernste, so gewichtige Stimmen sich gegen ihn erhoben Habens (Fortsetzung folgt.) Orient. (über die Feier des 9. Ab in der heiligen Stadt im Jahre 1842, mitgetheilt von einem Missionär). Sie wissen wob! schon lange, daß die armen Juden jeden Freitag Abend einen Ueberrest des alten Tempels (in Jerusalem) besuchen, um daselbst zu weinen. Was nun erstlich die Möglichkeit der Nachweisung eines sollen Ueberrestes betrifft, so stelle'ich sie außer allen Zweifel, indem ich mich an einem andern Orte davon überzeugt habe. Innerhalb der Stadtmauer nämlich, am südlichen Ende des großen und geräumigen Platzes, auf dem Salomo's Tempel stand, wurde ein unterirdisches Gewölbe entdeckt, das früherhin meines Wissens weder besucht noch beschrieben worden ist. Der Zutritt mußte wegen des muhammedanischen Bigottismus heimlich erschlichen werden. Schon an der südlichen Mauer findet sich ein Ueberrest der Grundlage des Tempels, Steine von uralter Bauart, .die sich von spätern auffallend unterscheiden, und durch ihren Ungeheuern Umfang auszeichnen. Von da kamen wir zuerst m ein Gewölbe; wir zündeten unsere Wachskerzen an, und stiegen durch ein Loch (das klein vorgefunden, aber von dem Freunde erweitert wurde) in ein zweites finsteres Gemach, von welchem wir nördlich in große unterirdische Hallen vordrangen. Die Baukunst dieser Gewölbe kann nach dem Urtheil des sachverständigen Freundes keine andere als die altisraelitische sein. Die Träger dieser Hallen bilden gewaltig kolossale runde Säulen, cm denen der Zahn der Zeit Spuren zurückgelassen hat. Sie sind von unglaublichem Umfang, und die Kunst des israelitischen Meisels wird an ihren Kapitälen deutlich erkannt. Wie die Steinmassen, welche die Seiten der Gewölbe tragen, vor Alters hieher gebracht werden konnten, ist unbegreiflich. Leicht läßt sich aber unterscheiden, was von späterer Hand wieder hergeflellt worden ist, und was sich der Macht der Zerstörung widersitzt. Nach dem, was ich gesehen, muß ich schließen, daß dies den unterirdischen Gang der Priester und Leviten bildete, wenn sie von dem Teiche Siloah in den Tempel herheraufkamen. Auch auf der westlichen Seite sind augenscheinliche Ueberreste von der Grundlage des Tempels und von der berühmten Brücke, die von dem Tempelberg auf den Berg Zion hinüberfnhrte. — Der wöchentliche Besuch der Juden an dieser Stelle, um dort zu weinen, hat etwas sehr Rührendes. Noch weit beweglicher aber ist das allgemeine Jahresfest, das diesmal auf den 16. Juli siel und, da der Sabbat nicht in einen Tag des Trauerns und Wehklagens verwandelt werden sollte, auf den 17. verlegt wurde, aber schon am Abend des 16. begann, sobald der Sabbat zu Ende war. Ich besuchte am Abend dieses Tages die deutsche Synagoge in Begleitung eines Proselyten. Dort setzten sich die Söhne Israels in zerrissenen Kleidern gerade auf dem Boden umher; in einer Hand hielten sie die brennende Wachskerze, in der andern das Klaglied des Propheten. Bald begann die Stimme ei^es Greises mit den rührenden Worten des Liedes der Wehklage in hebräischer Grundsprache den Sturz der heiligen Stadt zu besingen, mit einem Jammerton, der dem Ganzen entsprach. Die eine Note schwellte ein Seufzer, die andere unterbrach ein Schluchzen, bei der dritten durchlief ein Stöhnen des Schmerzes die Reihen der trauernden Schaar. Am Morgen des 17. Juli ging ich wieder hin. Nach einem kurzen Gebet der fastenden Gemeinde erhob sich ein alter Rabbi mit schneeweißem Bart vom Boden, und lehnte sich als Prediger auf das Pult. Er hob seinen Spruch in jüdisch-deutscher Sprache an, von der ich beinahe nichts verstand. Soviel ich aber vernehmen konnte und mir nachher sagen ließ, sing er damit an, die geschichtliche Bedeutung dieses Trauertages auseinanderzusetzen. Bald mischten sich mit dem Schweiße seine Thranen, und flössen reichlich über sein gefurchtes Gesicht herab in seinen weißen Bart. In manchen Augen verriethen die Thranen schon von Anfang an die Redlichkeit ihrer Betrübniß. Viele verwandelten bald ihr Weinen in lautes Schluchzen, und verhüllten ihre Gesichter. Der Greis und der Mann, der Jüngling und der Knabe, beklagten den Fall ihrer Stadt und Nation. „Jerusalem" und abermal „Jerusalem" wurde mit rührender Bewegung wiederholt. „Wo ist die heilige Stadt, unsere Mutter?" fragte der Rabbi. „Wir haben sie versündigt >" „Wo ist unser Tempel und die Schechina?" „Wir haben sie versündigt!" „Wo ist unser Hohepriester?" „Wir haben ihn versündigt"! Gegen das Ende stand die ganze Gemeinde in Thränen zerflossen um ihn herum: als ec sich aber zu dem Kasten der Gesetzrolle wandte, der gegen den Tempelberg hin angebracht ist, als er ihn aufriß und den Ueberrest ihrer Herrlichkeit dem Volke zeigte, 50 *