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Der Orient · 1842-12-06 · Heft 50 (6.12.1842) · p. Seite 394

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Journal
Der Orient
Volume
3 (1842)
Issue
Heft 50 (6.12.1842)
Date
1842-12-06
Page
Seite 394 (sequence 3)
Language
German
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394 Muster und Vorbilds. Eine größere Unabhängigkeit von jenen beiden europäisch-deutschen Großmächten haben sich nur Wüctemberg und Baden bewahrt, was man weniger der paritätischen Bevölkerung als dem trotz aller ministeriellen An- und Eingriffe unerschütterlich gebliebenen Festhalten an der Verfassung zuschreiben muß. Dennoch ist auch in den konstitutionellen Staaten Deutschlands das Streben unverkennbar, durch einen zahlreichen und rwn der Negierung abhängigen Beamtenstand der freien und ungehemmten Entwickelung der natürlichen Kräfte des Volkes Schranken zu setzen. Anstatt dessen, daß, wie es alle echten Vaterlandsfreunde (in neuester Zeit Buhl, N a u w e r ck, S t e i n a ck e r u. alle liberalen Blätter) wünschen und hoffen, Preußen in dem gesummten Deutschland mehr und mehr aufgehen, sein Staatsprincip dem süddeutsch-konstitutionellen und wahrhaft repräsentativen fortan völlig assimiliren, und demnach das Sondernde und Trennende aus freien Stücken aufgeben sollte, suchen die Minister süddeutscher Staaten, durch das Schild der Unverantwortlichkeit und durch eine vorgeschobene höhere Macht gedeckt, die Rechte der Stände, und die Wahlfreiheit des Volkes auf ein Minimum hinabzudrücken, um dem absoluten preußischen Regime näher zu kommen, während sie eine freiere Bewegung der Presse, wie sie, wenn auch unter öfterem Schwanken, in Preußen sich kundgiebt, nimmermehr freiwillig gestatten würden. — Auch in der jüdischen Angelegenheit blicken fast alle kleineren Staaten Deutschlands auf Preußen hin. Jeder Rückschritt der Gesetzgebung über die Verhältnisse der preußischen Juden würde den Judenfeinden in allen Staaten des deutschen Bundes zum Anhaltspunkte für ihre reactionären Bestrebungen, zur Stütze für ihr inhumanes Raisonnement, zu einem neuen Argumente für ihre alten heuchlerischen Klagen über die Stabilität des jüdischen Geistes dienen. Das haben denn auch die Juden ihrerseits überall klar durchschaut und das Vorgefühl der nachtheiligen Folgen, welche Preußens Vorgang in der gesammten Ausdehnung unseres Vaterlandes unzweifelhaft nach sich ziehen würde, hat sie enger zusammengeschaart, als man es nach der Verschiedenheit der ihnen zugestandenen Rechte, nach dem heterogenen Wildungsstande in den einzelnen Landestheilen, nach ihrer abweichenden religiösen Ansicht und nach dem Grade ihrer Verschmelzung mit den sie umgebenden christlichen Volkselementen hätte vermuthen sollen. Läge das Ziel, auf das man die Juden Hinweisen möchte, und andrerseits dasjenige, dem sie zustreben, nicht gar zu klar vor Augen, als daß sie am Kreuzwege unschlüssig stehen bleiben könnten, so würde vielleicht gerade die allgemeine Sympathie, welche durch die Enthüllung der Absichten der preuß. Regierung jüngst bei allen deutschen Juden zu Gunsten ihrer preuß. Glaubensgenossen hervorgerufen wurde, sich zu einer Art nationellen Bewußtseins unter ihnen gestaltet haben. Zu einer Art nationellen Bewußtseins, sage ich, d. h. zu einer dunklen traumartigen Erinnerung an die ehemalige Concentration und Intensität der Kräfte ihrer Vorfahren, als diese noch ein Ganzes, ein Volk, bildeten. Aber was kann die heutigen Juden besser als diese Erinnerung überzeugen, daß die Rückkehr zur Vergangenheit eine baare Unmöglichkeit ist und daß eine Nation, wenn einmal die Keime ihrer Existenz zu Grunde gegangen sind, weder durch Ordonanzen noch durch Korporationen noch auch durch die größte Krastanstrengung Einzelner wiederhergestellt werden kann? Was seit Jahrhunderten todt gewesen, läßt sich weder durch Befehle noch durch Sehnsucht wieder auferwecken. Eine wahrhaft abgestorbene Nationalität feiert ihren Auferstehungsrag nimmer wieder. So wenig als zerstückte Glieder (hier die Korporationen) sich zu einem vom Hauche des Lebens durchdrungenen Ganzen von selbst zusammenreihen oder zusammenreihen lassen, eben so wenig kann eine Erneuerung des jüdischen Volkscharakters gelingen. — Aber, wird man uns von einer gewissen Seite her einwenden, meinen es denn die frommen Christen nicht gut mit uns, wenn sie, nachdem die Bekehrungssucht augenscheinlich ohne Erfolg geblieben ist und wir unsere Anhänglichkeit an das Judenthum bewährt haben, uns einen Weg zeigen, auf dem wir auch als Juden in das Himmelreich eingehen können? Aber welcher Wegweiser darf wohl, selbst wenn er es könnte, den, der ihn nicht einmal nach dem Wege gefragt hat, dazu zwingen, gerade auf diesem und keinem andern Wege zu gehen? Und wie nun, wenn andere Christen, die wenigstens ein gleich großes Anrecht auf unser Vertrauen sich erworben haben, uns vor jenem Wege warnen, wenn sie uns mit Gründen der Vernunft, des Rechtes, der Moral , in dem Vorsatze bestärken, unseren eigenen Weg, d. h. den Weg der Pflicht und der Ueberzeugung, einzuschlagen und in dem Streben nach Assimilirung mit der uns umgebenden Welt, mit der auch uns an ihrer Mutterbrust nährenden Zeit, mit den uns mächtig anregenden Ideen, mit der uns in 'ihre Kreise bannenden Bildung zu beharren und fortzufahren.' Und warum sollten wir nicht lieber dem Rathe derjenigen folgen, die ohne arriere — pt>nsee unser Wohl fördern und unseren eigenen Zwecken Vorschub leisten wollen, als dem Zwange, der uns durchaus auf seine mit unserer besseren Ueberzeugung kontraftirende Weise glücklich machen möchte? Sollte da an völlige Uneigennützigkeit gedacht, sollte, da eine, selbst unfern Widerstand nicht achtende liebende Aufopferungssucht für unsere Sonderinteressen vorausgesetzt, sollte da eine so übergroße Zärtlichkeit für unsere Erhaltung in allem Ernste angenommen werden dürfen, wo vor wenigen Jahren noch vom Judenthum als von etwas zu fernerer Existenz nicht mehr Berechtigtem die Rede war? Sollte von einer Seite her, wo man uns noch vor kurzer Zeit bereitwillig seine Arme öffnete, um uns nach großen Geld- und und Zeitopfern selig zu machen, jetzt auf solche „gottgefällige" Anstrengungen gänzlich Verzicht geleistet worden sein? Wir glauben es nicht eher, bis das anglikanische Bisthum in Jerusalem, das eben erst gegründet worden, wieder aufgehört hat. So lange diese Satyre aus die erheuchelte Vorliebe für die Herstellung des alten Judenthums, die zugleich für die

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