Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-11-29 · 49 (29.11.1842) · p. Spalte 779-780

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
49 (29.11.1842)
Date
1842-11-29
Page
Spalte 779-780 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/8555529-9894039-9894116--2396-3529874
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

779 789 Homiletik. — Lit. Nachrichten und staatlich eine Macht zu bilden; aber er sah sich, bald mit Grund, bald ohne allen Grund verschmäht, gehaßt und nicht selten verdächtigt. Da näherte er sich der entgegengesetzten Fraktion, den Jndifferentisten; aber diese schmeicheln und huldigen ihm, fürchte ich, nur so lange, als ihnen die Aussicht fehlt, ohne alles konfessionelle Abzeichen aller bürgerlichen Rechte theilhaftig zu werden. Die wahre, begeisterte, uneigennützige, beharrliche, von ihrem Berufe durchdrungene Reformpartei ist unter den Juden leider noch sehr schwach; man fröhnt noch zu sehr der Bequemlichkeit und den kleinlichen, selbst niedrigen, persönlichen Leidenschaften. Wie soll es anders, wie soll es besser werden? Durch Kampf, durch Lehre und Beispiel muß und wird es anders, muß und wird es besser werden. Das ist denn jetzt auch so ziemlich überall gefühlt und erkannt worden, und wir können, wenn wir wahr sein wollen, nicht umhin, dem neuen israelitischen Tempelverein zu Hamburg das Zeugniß zu geben, daß er dem Bedürfnisse und der Nothwendigkeit einer allseitigen Beleuchtung der jüdischen Verhältnisse der Gegenwart am frühesten und bewußtesten das Wort geredet habe. Dafür geben der Anklang und die Theilnahme, die Beachtung und die Nachahmung, ja selbst die Angriffe und die Gegner, welche jener Benin und die durch ihn bezweckte und durchgeführte Reform gefunden haben, den deutlichsten Beleg. Die Canzelvorträge der Herren Doktoren Eduard Kley und Gotth. Salomon haben nicht blos den Reigen der jetzt zu einer wahren Fluth angewachsenen homiletischen Literatur eröffnet, sie sind noch bis zum gegenwärtigen Augenblicke die vorzüglichsten Muster geblieben und haben einen entscheidenden Einfluß auf die Gestaltung den innern und äußeren Verhältnisse der Juden in unwiderleglichen, wenn auch nicht immer durch Zahlen, Namen und Gesetzesstellen nachweisbaren Spuren, bis weit in'die Donauländer hinein, bis an die Grenzen Norwegens, bis in die eisigen Gefilde Rußlands, bis über den atlantischen Ocean hinaus geübt. Herr Dr. Frankfurter hat sich nun in der vorliegenden Predigtsammlung seinem älteren Collegen am neuen israelitischen Tempel zu Hamburg, Herrn Dr. Salomon, würdig zur Seite gestellt, obgleich die Art und Weise, wie beide Prediger ihre Aufgabe auffassen und lösen, eine wesentlich verschiedene , und bei völliger Gleichheit des Zweckes, der Weg, den sie nach demselben Ziele hin verfolgen, ein unläugbar anderer ist. Die Predigten des Herrn Dr. Salomon tragen sammt und sonders mehr den Charakter des Polemischen an sich; ihre Form ist eine mehr populäre; die allgemeinen Ergebnisse der menschlichen Vernunft treten mehr in den Vordergrund; das Gemälde erscheint durch Anspielungen und Hinweisungen auf die Gegenwart, auf bestimmte Situationen, Zeitgenossen und Zeitereignisse belebter, die Sprache dadurch dem streng-homiletischen Vortrage entfremdeter, die Benutzung von Bildern, Parallelen, Gleichnissen, Metaphern, Parabeln, Antithesen und einer langen Reihe von Fragesätzen, häufiger; der mehr poetische, selbst orientalisirene Ausdruck wird öfter und Miscellen. Berichtigung. adoptirt, als dies Alles in den Vorträgen des Herrn Dr. Frankfurter wahrnehmbar ist. Diese tragen ein mehr philosophi-, sches über Zeit und Raum hinwegbtickendes, in das innere, gleichsam häusliche Leben und Getriebe des Gedankens eingehendes Gepräge an sich. Der Ausdruck ist im Allgemeinen schmuckloser, aber von dem Anhauche der neueren Stylwendungen imprägnirter; er sucht nicht selten den dogmatischen Kern aus der ihn umgebenden Schale zu erlösen, das allen Religionen Gemeinsame hervorzuheben und als einen Spiegel zu benutzen, in welchem man das Verzerrte, Verschrobene, die willkürlichen geistu. gottverlassenen Zusätze u. Degenerationen der ursprünglichen Physiognomie der geoffenbarten Ideen erkennenkönne. (Beschluß folgt.) Literarische Nachrichten und Miseellen. Berichtigung. Im Literaturblatte des Orients Nr. 44, Col. 691, Anm. 1 wird das in drei Ueberschriftey der mitgetheilten Gedichte stehende Wort ^ri1? von Hrn. Dukes als provenyalischen Ursprungs erklärt, indem, nach Diez, Chan in der provenyalischen Sprache Gesang heißt.— Abgesehen von der Unglaublichkeit, daß ein provenyalisches Wort sich erhalten habe in einem von einem arabisch redenden Juden geschriebenen Mskte, und das jedenfalls nicht höher hinaufreicht, als bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, ist auch die gegebene Erklärung aus folgenden drei Gründen unhaltbar. Erstens ist C h a n, so wie das deutsche Gesang, mehr eine allgemeine Bezeichnung für den Akt des Singens überhaupt, und keineswegs dem hebräischen jvtt, Melodie, enU sprechend; zweitens müßte man nach Herrn Dukes das als Präposition, in einer Bedeutung nehmen, welche es nie hat, es sollte vielmehr 2 stehen, so wie im Ausdrucke; und drittens, wenn man auch diese Bedeutung des zugeben wollte, so bleibt es noch immer auffallend, warum bei dem in den übrigen Ueberschriften befindlichen fl i die Präposition fehle. — Ich will daher die wahre Bedtg. von irb, so rok das Verhältniß desselben zu ]n *), mir der gelehrte und menschenfreundliche Hr. Prof. Fleischer sagte, den Lesern des Orients hier mittheilen, damit zugleich Hr. Dukes, wenn etwa das zweite Heft seines gelehrten Werkes noch nicht abgedruck't sein sollte, seine Erklärung des in Rede stehenden Wortes'berichtigen könne. — ist das J eil arabische melodia (eigentl. inflexio sc. yocum) welches Wort Kosegarten im ersten Theile seiner Ausgabe von Alii Ispahanensis über cantilenarum magnus. Gripesvoldiae in librariaKochiana 1840 — auf zwbf Aei- *) S. Anm. 3.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.