Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-11-29 · 49 (29.11.1842) · p. Spalte 777-778

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
49 (29.11.1842)
Date
1842-11-29
Page
Spalte 777-778 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/8555529-9894039-9894116--2395-3529873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

777 Homiletische Literatur. Predigten von Dr. Frankfurter. 778 selten mehr eine entscheidende Gewalt bei der Anordnung der innern Gemeindeverwaltung in die Hände gegeben ist. Man holt wohl zuweilen noch seinen Rath und sein Gutachten ein, aber meist nur in Fällen von untergeordneter Wichtigkeit, in Familienangelegenheiten und bei ceremoniellen Gewissensfragen. Dagegen ist das Richtcramt, welches den jüdischen Geistlichen ohne Nachtheil überantwortet werden konnte, so lange noch nationelle Eigenthümlichkeiten und das Bewußtsein eines gesonderten Volksintereffes in der Masse der Juden eine feste Wurzel hatten, in neuerer Zeit denselben mit Recht entzogen worden und der Jude gleich jedem andern Staatsangehörigen unter das allgemeine bürgerliche Gesetz gestellt worden. Wo aber in dieser Beziehung noch Ungleichheit obwaltet, ist man bemüht, dieselbe hinwegzuräumen und das Ziel aller Ansprüche: Gleichheit vor dem Gesetze und Einerleiheit des Gesetzes für Alle zu erreichen. Wo andrerseits sich noch das Richteramt in jüdischen Händen befindet, ist es seinem Inhaber mehr eine Last als eine Prärogative. Mißtrauen verfolgt ihn auf allen Schritten und die Parteien schreiben sich gewöhnlich selbst ein höheres Maaß von Judicium zu, als demjenigen, der über Mein und Dein, Recht und Unrecht zwischen ihnen entscheiden soll. Fürwahr, es gehört eine durch Freundlichkeit gewinnende, leutselige und doch imponirende, gegen Undank, Verkennung und Verleumdung stark gerüstete Persönlichkeit dazu, um heutzutage .ein würdiger Repräsentant des geistlichen Standes zu sein. Nur Character und Gesinnung, nur eminente Naturanlagen und ein gewisser Zaubcr der äußeren Erscheinung können einigermaßenidie Wagschale zu Gunsten des Individuums sinken machen, während in früher» Jahrhunderten die äußere Würde, die überwiegende Intelligenz, die gewiegtere Lebenserfahrung, die traditionelle Autorität, die Stammbaums-Theorie dm jüdischen Geistlichen mit einem fast unzerstörbaren Nimbus umgaben. Selbst ist der Mann, .heißt es jetzt mehr denn je, und mit größerem Rechte als in jeder andern Beziehung in Rücksicht auf Rabbiner und Prediger der Gegenwart; das Vorurtheit — wir fassen das Wort in seiner allgemeinsten Bedeutung — ist in den meisten Fällen eher gegen, als für den geistlichen Würdenträger; die Laien glauben sich nicht mehr blos in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht überden geistlichen Stand setzen zu dürfen, und selbst was früher demselben zur Auszeichnung diente, ist in eine Art Ungunst gefallen. — Trotz der Zunehmenden Geldaristokratie ist ferner das religiöse Element im Juden noch immer ein theokratisches, aber kein hierarchisches, ein allgemein-priesterliches, aber kein der geistlichen Autorität Borschub leistendes. Wir sind durchaus Demokraten und fassen das demokratische Princip viel tiefer und höher auf als der christliche Demos selbst, der in uns nur die Absonderungösucht und nicht das Gleichheitsgefühl fetten und würdigen will. Außerdem konnte aber auch die Bildung der Geistlichen, ohne in den Himmel zu reichen, nicht leicht dieselben riesenhaften Fortschritte machen, wie es bei den Laien der Fall war, an denen die Zeit ihre wunderbarsten Operationen vollbrachte. Die Kritik hat einen Aufschwung gewonnen, der noch zur Zeit der Eneyklopädisten und in der sogenannten Aufklärungsperiode am Ausgange des vorigen Jahrhunderts für unmöglich gehalten worden wäre. Alle Theorien und alle Stellungen, ja selbst die persönlichen Rechte der früher bevorrechteten Stände, des Adels und der Geistlichkeit, sind der Reihe nach förmlich in Frage gestellt worden und die Fortdauer des gegenwärtigen Standpunktes der Politik und der Theologie läßt sich kaum für ein Decennium verbürgen. Die öffentliche Meinung, die Presse, die materiellen Interessen haben tiefe Furchen iu alle Felder des menschlichen Wollens und Könnens, Wissens und Glaubens, Höffens und Zweifelns gerissen. Welche Saat aufgehen,-welche Frucht gewonnen werden wird? Wird es eine Mißernte geben, werden liebliche, befriedigende,, labende oder bittere und herbe Früchte gesammelt werden? Wirallesammt wissen es nicht; nur die Ueberzeugungdrängt sich uns auf, daß bei der Beurtheilung der jetzigen Weltlage ganz andere Faktionen mit in Rechnung gebracht werden müssen, als vormals; daß Niemand die Hände in den Schooß legen und glauben dürft, er sei seines Besitzes, möge es Erbtheil oder Errungenschaft heißen, gewiß. Schon jetzt hat der Nährstand den Lehr- und den Wehrstand weit überflügelt und man könnte beinahe behaupten, daß diese ganze Einteilung scholl nicht mehr paffend sei. Denn der Nährstand ist in vielen Stücken in die Rolle eines Lehrmeisters für das fetzige Zeitalter eingetreten, das Geld ist die höchste Potenz, das gewaltigste Agens, der unentbehrlichste Hebel für die Gesammtinteressen des Volkes geworden, und beide, der Nährstand wie der. Lehrstand, wenn wir die Sonderung noch gelten lassen wollen, mußten bong-rc nmlgre auch die Rolle des Wehrstandes nach innen und außen übernehmen, während dieser selbst, der y,av i%o%7\v so genannte Wehr stand die Waffen ruhen läßt und nur noch zur Verteidigung der Existenz des Staates gegen die hungernden Proletarier berufen zu sein scheint.'^ Auch der jüdische geistliche Stand hat, soweit sein Wirkungskreis mit dem des Lehrstandes identisch ist, zugleich Wehr und Waffen ergreifen müssen, um gegen die heterogensten Widersacher zu kämpfen. Seit dein Moses Mendelssohn das Panier des Rationalismus nebendem des Offenbarungsglaubens aufzupflanzen begonnen hatte, und in gewisser Beziehung selbst eine Reaktion gegen den geistlichen Stand von Seiten der Laien herbciführte, ist dieser in eine wesentlich veränderte Stellung gekommen. Er hat das Terrain, welches er der Idee des Schiedsrichteramtes der Vernunft in Glaubenssachen abgewann, gegen die christliche und die jüdische Orthodorpie, wie gegen den christlichen und den jüdischen Jndifferentismus, gegen eine nur noch dem Namen nach christliche, aller Theologie den Tod schwörende Philosophie, endlich sogar gegen den christlichen Rationalismus, dem nicht selten die toleranten Grundprmcipien unversehens abhanden gekommen waren, zu schützen und zu vertheidigen. Er mußte dabei aber leider auch die Freundschaft der Orthodoxie suchen, um numerisch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.